Stilkolumne Das Leben ist eine Pyjama-Party

Von
© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 11/2016

In England hat sich neulich eine Schulleiterin mit einem Brief an die Eltern gewandt. Häufig erschienen die Eltern im Schlafanzug, wenn sie ihre Kinder an der Schule absetzten. "Dürfte ich Sie darum bitten, sich die Zeit zu nehmen, sich angemessen zu kleiden?", heißt es mahnend in dem Schreiben.

Früher war es eine Angstvorstellung, sich im Schlafanzug auf der Straße wiederzufinden. Dem ist offenbar nicht mehr so. Der Pyjama ist sozusagen auf der Straße angekommen. Und nicht nur dort: Die Mode ist zurzeit eine Pyjama-Party. Wenn man sich die aktuellen Sommerkollektionen anschaut, bekommt man den Eindruck, man müsse dieses Jahr zwischen Tag und Nacht nie mehr die Kleider wechseln. Bei Dolce & Gabbana gibt es den klassischen Pyjama-Look in floralen Mustern, Tod’s zeigt sommerliche Pyjama-Zweiteiler mit Ledergürtel, und Etro kleidet Frauen im Sommer in weiten Palazzo-Hosen, kombiniert mit geblümten Bustiers. In jedem Fall sieht man aus, als wären die Kissen nicht weit.

Dabei ist der Pyjama ursprünglich tatsächlich ein Kleidungsstück für den Tag. Das Wort Pyjama stammt aus dem Persischen und bezeichnet eine leichte Hose, die am Bund von einer Schnur zusammengehalten wird. Besonders beliebt und oft getragen ist diese Hose in Indien. Dort lernten die britischen Kolonialherren diese Art der Beinbekleidung kennen. Mitte des 17. Jahrhunderts gelangte das Wort mit dem Kleidungsstück nach Europa, und kurze Zeit war der Pyjama als Freizeitanzug beliebt, geriet aber bald wieder in Vergessenheit.

Ende des 19. Jahrhunderts kam der Pyjama durch den verstärkten Handel zwischen England und Indien erneut nach Europa. Nun erst verbreitete er sich hier als Nachtgewand, und bald hatte der Pyjama das bis dahin übliche Nachthemd des Mannes verdrängt. Zu den leichten Hosen trug man ein hemdartiges Oberteil. In den 1930er Jahren kam dann vor allem bei den Frauen die Mode auf, am Meer leichte, weite Hosen zu tragen – sogenannte Strand-Pyjamas.

Die neue Pyjama-Mode ermöglicht es, zugleich modisch und völlig unkompliziert gekleidet zu sein. Als nähme man das ganze Leben wie einen Gang vom Bett zum Kühlschrank – und unter Umständen auch den zur Schule. Vielleicht war der britischen Schulleiterin nur nicht bewusst, wie aktuell diese Mode ist, als sie den Eltern zürnte. Die wollten einfach nur einen besonders zeitgenössischen Eindruck machen.

Foto: Pyjama von Dolce & Gabbana

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Ich hoffe auf eine Trendwende. Denn auch für Männer sind die gegenwärtig viel zu engen Hosen einfach eine Qual. Selbst aus angeblich grade geschnittene Jeans kann man sich nur mühsam heraus schälen, und nur wer kerzengerade Beine hat, sieht gut darin aus. Von den affenartig kurz geschnittenen Sakkos, unter denen die meist viel zu breiten Hintern heraushängen, ganz zu schweigen. Mode braucht eine gewisse Weite, damit sie einen gut aussehen läßt. Der Pyjama ist eine Hoffnung.