Ich habe einen Traum Ronja von Rönne

"Meine Träume sagen mir, dass es schwierig und anstrengend wird"

Von
ZEITmagazin Nr. 11/2016

Der Literaturkritiker einer großen Zeitung liest aus meinem Roman vor: "Also, ich bin nach Hause gegangen, und dann habe ich mir einen Tee gemacht, und dann habe ich ihn aber zu lange ziehen lassen, dann war der voll bitter. Bäh, aber ich hab ihn dann doch nicht weggekippt, und dann ist noch was passiert, und dann bin ich ins Bett gegangen, es war also insgesamt ein sehr schöner Tag, jetzt noch eine Überweisung an Maja, Rhabarbertorte, trallala." Er ist fertig mit Vorlesen, legt mein Buch aus den Händen und sieht mich ungläubig an. "Trallala", wiederholt er langsam, "in Ihrem Buch steht 'trallala'." Ich kann mich nicht daran erinnern, einen dermaßen schwachsinnigen Text geschrieben zu haben, wieso sind da so dämliche Passagen in meinem Roman, ich versuche mich zu verteidigen. "Das ist nicht von mir", sage ich, "wieso steht das da drin?" Der Literaturkritiker lächelt milde, macht sich einige Notizen und dreht sich dann weg, um mit meinem ehemaligen Fahrlehrer eine Runde Tischtennis zu spielen. Als Ball benutzen sie ein Küken. "Das ist viel flauschiger!", argumentiert der Kritiker, und weil er Kritiker ist, glaube ich ihm.

Ronja von Rönne

24, ist in Berlin geboren und in Oberbayern aufgewachsen. In ihrem Blog Sudelheft schreibt sie öffentlich Tagebuch. Bekannt wurde sie mit einem viel diskutierten Essay, in dem sie sich kritisch mit dem Feminismus auseinandersetzte. Ihr erster Roman Wir kommen erscheint jetzt im Aufbau Verlag.

Tagsüber habe ich bessere Dinge zu tun, als mich um meine Sorgen zu kümmern. Tagsüber muss ich Geburtstage vergessen und ratlos vor dem Kühlregal stehen und mich etwas verspäten. Ich muss arbeiten und den Handywecker stellen, ich muss an der Liebe zweifeln, ich muss Fahrkartenautomaten beschimpfen. Tagsüber habe ich keine Zeit für das Gejammer der Zukunftsangst.

Deswegen besuchen die Sorgen mich nachts, veranstalten miese Partys in meinem Hinterkopf und nennen das dann höhnisch "Traum", tagesaktuell und in HD. Weil der Erscheinungstermin meines ersten Romans immer näher rückt, haben sich in letzter Zeit einige übel gelaunte Literaturkritiker dazugesellt.

Es ist sehr unoriginell, sich in seinen Träumen mit Ängsten zu beschäftigen, aber Originalität, haben mir die Sorgen mal in einem vertrauten Moment verraten, sei ihnen offen gestanden scheißegal, und ich sei auch selbst schuld, wenn ich sie am Tag immer für Netflix versetze. Also träume ich unoriginell, von ungestellten Rechnungen, von Dingen, die ich dringend befürchten sollte. Meine Träume sind Abfallprodukte des Bewusstseins, Mahngebühren des Verdrängens, noch nie hat mich ein Traum inspiriert oder vor etwas gewarnt. I have a dream today, that things will be difficult, confusing and exhausting. Meine Träume sagen mir, dass es schwierig, verwirrend und anstrengend wird. Ich bin mir sicher, dass man besser schläft, wenn man schon am Tag in sich hineinhorcht, meinetwegen auch, wenn man das Meditieren nennt. Aber am Tag fällt es mir zu leicht, Unangenehmes zu ignorieren, und so sehe ich eben jede Nacht meinem Gehirn beim Aufräumen zu, wie es die Angst vor schlechten Kritiken in eine Schublade mit der Sorge um mein ungekündigtes Probeabo packt, ein paar schon überwundene Befürchtungen klirren leise, dann klingelt der Wecker, eilig rumst das Bewusstsein die Schublade zu, Tag, wach.

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Ronja von
Rönnes Roman ist mittlerweile erschienen.

9 Kommentare

Nunmehr ganz sachlich: Ich dachte, Träume gehörten mehr in den Bereich von Phantastik und Phantasie und sollten nicht mit unbedingt den Massstäben des Bierernstes gemessen werden. Dass ZON Frau von Rönne zur Zeit ganz besonders druckvoll promotet, darüber würde ich mir nie eine Anmerkung anmassen. Werde mich aberf bemühen, bald einmal etwas von und über die Autorin zu lesen.

Ach nö, ich denke, das stimmt schon was Sie sagen. Gerade die Stelle mit dem Küken hat das für mich deutlich gemacht. In einem Traum fände ich sowas wohl auch einleuchtend, weil sich um einen herum oftmals alles blitzschnell ändert und irdische Regeln mal mehr und mal weniger Anwendung finden.

Träume sind schwer zu fassen. Es scheinen Geistesblitze zu sein, die aus dem realen Leben stammen, sich aber dann in wirren Kombinationen verselbstständigen. Das habe ich mir so zurechtgedacht.
Ronja von Rönnes Traumververhalten scheint diesem, meinem Muster zu entsprechen.
Die vielen Träume, die in der Literatur vorkommen, sind meist vollkommen "unrealistisch". So träumt man nicht.
Aber vielleicht träume nur ich so nicht.

Nach einem Unfall an der Wirbelsäule habe ich solche üblen Horrorszenarien geträumt. Mit Kreuzigung und Auseinanderdehnung an einem Metallgerät oder immer wieder Ertrinken oder kriechend einen Berg hochklettern, dass ich meine Träume nicht ernst nehmen kann.

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