Ich habe einen Traum Tim Mälzer

"Ich wollte mich in Amerika zum Millionär hocharbeiten"
ZEITmagazin Nr. 11/2016

Der erste Traum meines Lebens war es, Schlagzeuger bei der Band Kiss zu werden. Da war ich zehn Jahre alt. Damals ging es dem Kiss-Schlagzeuger Peter Criss gesundheitlich nicht gut, und in der Bravo stand, dass ein Nachfolger gesucht wird. Also träumte ich eine Weile davon, seinen Platz einzunehmen. Zur Vorbereitung beklebte ich mir die Moonboots mit Alufolie, zog die Leggings meiner Schwester an und schnitt mir ein schwarzes T-Shirt zurecht. Dazu malte ich mir das Gesicht an und schluckte rote Tinte, um Kunstblut spucken zu können – wie sie es bei Kiss halt so machten. Aber dann engagierte diese Band einfach einen anderen Schlagzeuger. Damit hatte sich dieser Traum nach sechs Wochen erledigt.

Mein zweiter Lebenstraum war, mich in Amerika vom Tellerwäscher zum Millionär hochzuarbeiten. Ich bin vor den Toren Hamburgs aufgewachsen, in einer Familie, die weder reich noch arm war. Mein Taschengeld musste ich mir selber verdienen. Mit vierzehn habe ich hin und wieder in einem kleinen Hotel in Pinneberg gejobbt, die Böden geschrubbt und in der Küche geholfen. Nach meiner Ausbildung zum Koch habe ich mich dann um eine Arbeitserlaubnis für die USA bemüht, die aber abgelehnt wurde. Also ging ich stattdessen nach England. In London habe ich in einem italienischen Restaurant eng mit einem Koch namens Jamie Oliver zusammengearbeitet, der damals noch genauso unbekannt war wie ich.

Bekannt zu sein ist allerdings nicht immer ein Traum. Manchmal kann es auch zu einer Belastung werden, wenn man weder mir noch meiner Begleitung eine Privatsphäre gewährt. Man stelle sich vor, man sitzt in einem Restaurant, und da werden dann, ohne zu fragen, quasi aus dem Hinterhalt, Fotos gemacht. Und wenn ich darum bitte, uns in Ruhe zu lassen, werden solche Hobbyfotografen manchmal lauter, und schon fällt das auf mich zurück. Da kannst du nur verlieren. Und wenn du Pech hast, steht es am nächsten Tag irgendwie falsch in der Zeitung.

Als "Pinneberger Jung" hatte ich in meiner Jugend einen Ruf als Vorort-Prolet, aber natürlich galt das damals in Hamburg für alle Pinneberger Jungs. Und wenn ich heute manchmal diesem Ruf noch gerecht werde durch den einen oder anderen Kraftausdruck, dann bin ich für die einen authentisch, für die anderen aber ein Prolet. Ich nehme das mit einem gewissen Augenzwinkern. Ich werde eben immer so als Kumpeltyp wahrgenommen, deswegen fällt bei anderen manchmal mir gegenüber die Hemmschwelle. Das geht übrigens einigen so, die aus dem Fernsehen bekannt sind. Man kommt sozusagen ins Wohnzimmer, und die Leute empfinden keine Distanz mehr. Wenn dann plötzlich einer zu mir sagt, ey, Digger, wie geht’s denn?, antworte ich mit einem Schmunzeln: Kennen wir uns? Haben wir mal Fußball gespielt? Zusammen Abi gemacht? Manchmal merken die Frager, dass wir uns ja tatsächlich gar nicht kennen. Ich bin halt der saloppe Koch aus Pinneberg. Wobei für mich der Koch wichtiger ist als das Saloppe.

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