Tricks im Büro Heike Faller über unwirksame Bürotricks

Von
ZEITmagazin Nr. 11/2016

24/7

Es ist 21.36 Uhr, und du bist noch im Büro, weil die eBay-Versteigerung für die Poulsen-Lampe leider erst jetzt endete. Und dennoch kann es überhaupt nicht schaden, deiner Chefin jetzt, um 21.37 Uhr, jenes Paper zu schicken, das du bereits um 16.15 Uhr fertig hattest. Soll sie ruhig wissen, wie viel du für die Firma tust! Send!

Problem: Durchschaubar. Deine Chefin wird sich fragen, wieso du glaubst, ihr etwas beweisen zu müssen, denn dass ausgerechnet du bis halb neun arbeitest, ist äußerst unwahrscheinlich. Außerdem ist es inzwischen 21.45 Uhr, und der lange Gang durch die leeren Büroräume steht dir noch bevor. Ganz zu schweigen von der Fahrt mit dem Aufzug in die Tiefgarage. Hast du kürzlich nicht von einer Bande säbelschwingender Ex-IS-Mitglieder gelesen, die nach Feierabend in Büros eindringen und kurzen Prozess mit Mitarbeitern machen, die ihren Weg kreuzen?

Die Vogelscheuche

Es ist 16.30 Uhr, und du lässt den Mantel über der Stuhllehne hängen und das Licht an und verschwindest, in der Hoffnung, dass deine Kollegen glauben, du seist nur in der Pause und kämst heute noch mal. Problem: Deine Kollegen glauben das nicht, wenn sie um 18.30 Uhr an deiner Tür vorbeilaufen und deine Installation sehen. Sie glauben, dass du den Mantel über den Stuhl gehängt hast in der Hoffnung, dass sie glauben, du kämst noch mal. Du? Du doch nicht!

Teuflisch Toller Titel

Jeder, der länger als zwei Jahre in der Firma arbeitet, erkennt, dass das neue Projekt nicht zu Ende gedacht ist. Leider sind die Probleme so vielschichtig, dass es keinem der Anwesenden gelingt, sie intellektuell zu durchdringen. Zum Glück hast du dir für die Missgeburt einen Teuflisch Tollen Titel ausgedacht, in den sich alle sofort verlieben, denn er suggeriert Klarheit und Originalität, wo in Wahrheit Durcheinander und Ratlosigkeit herrschen. Konferenz beendet!

Problem: Die Missgeburt ist jetzt dein Projekt!

Punktuell genau

Wenn dein Klassenlehrer wüsste, dass ausgerechnet du, Udo "Sanssouci" Müller, Chef der Qualitätssicherung geworden bist, würde er sofort alle Aktien deines Arbeitgebers abstoßen. Denn Genauigkeit war deine Stärke nie. Im Gegenteil: In Momenten, in denen jeder normale Mensch noch mal nachschaut, tust du ... nichts. Getrieben von einer merkwürdigen Angstlust, von der du selber nicht weißt, woher sie kommt. Aber weil du weißt, dass Sorgfalt so ziemlich das Einzige ist, worauf es in deiner Position ankommt, bist du: punktuell genau. Das heißt, du machst Stichproben, bist dabei aber so überkorrekt, dass deine Mitarbeiter denken, dass du alles so akribisch überwachst, und sie deshalb ihrerseits so sorgfältig arbeiten, dass es bis zum Super-GAU noch ein paar Jährchen hin ist. Denn das ist deine tiefe Überzeugung: What can go wrong will go wrong. Vielleicht daher die Angstlust.

Problem: Durchschaubar. Aber erst nach dem Super-GAU. Aber dann sind sowieso alle tot.

Feinjustierungen

Geeignet für: Neue Chefs.

Antrittsrede: "Die Abteilung ist klasse, die Mitarbeiter sind die Besten ihrer Branche, und ich bin wahnsinnig stolz, mit euch arbeiten zu dürfen. Es wäre ein Wahnsinn, hier etwas zu ändern, außer vielleicht ein paar Feinjustierungen."

Heißt: Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen. Abteilung wird umstrukturiert, Produkt völlig überarbeitet. An "Vogelscheuche" wird ein Exempel statuiert, ihm wird der Vorruhestand angeboten, wenn "anbieten" hier das richtige Wort ist. Außerdem schwirren wochenlang irgendwelche 29-jährigen Unternehmensberater durchs Büro, die alle mit ihren querdenkerischen Ideen belästigen, von denen auch ein Fachhochschulabsolvent wie du sofort kapiert, dass sie so nachhaltig sein werden wie ein Staudamm in der Wüste Gobi.

Problem: Funktioniert nur einmal. Mitarbeiter werden künftig auf das Wort Feinjustierungen reagieren wie eine Kuh auf den Anblick eines Bolzenschussgeräts.

Der Tod steht dir gut

Als du gestern aufgewacht bist, mit diesem Kopfweh, von dem du glaubtest, dass es der Beginn einer Grippe sei, weshalb du, um die anderen nicht anzustecken, nicht ins Büro gegangen bist, denn im Moment sind alle wirklich am Anschlag: let’s face it – das war keine Grippe. Das war ein Kater. Und jeder kapiert das, wenn du heute wieder "gesund" bist. Häng noch mal zwei Tage dran, und arbeite vom Sofa aus. Problem: Du arbeitest, während du gleichzeitig Krankentage anhäufst.

Außer Atem (À bout de souffle)

Ja. Du bist wirklich überlastet. Du kannst nicht mehr. Die unbeantworteten Mails. Die Deadline. Lass es einfach raus. Geh mit Tunnelblick den Gang runter, schau in Konferenzen ungeduldig auf die Uhr, husch mit einem gequälten Lächeln am Empfang vorbei. Denn. Du. Bist. Wirklich. Total. Am. Anschlag. Und möchtest keine weiteren Aufgaben mehr zugeteilt bekommen.

Problem: Man lässt dich zwar in Ruhe. Aber Führungskräfte sehen anders aus.

Fass ohne Boden

Die meisten Praktikanten kapieren es erst, wenn sie selber Chef sind: Menschen kriegen von Lob nie genug. Auch sehr erfolgreiche Menschen nicht. Also: Sag deinem Chef, wenn dir etwas gefällt, erliege nicht dem Denkfehler, dass dein Chef dich dann für eine rückgratlose Schleimerin halten wird. Das Leben als Vorgesetzter bringt im Zweifelsfall mehr Frustrationen mit sich als dein kleines Werkstudentinnenleben, da ist es nur stimmungsaufhellend, ab und zu etwas Nettes zu hören.

Problem: Chef verliebt sich in dich und besteht darauf, dich nach dem nächsten Betriebsausflug nach Hause zu fahren, wo er seine schwere, Dominique-Strauss-Kahn-artige Hand auf dein Knie sinken lässt und dann einen Satz sagt, in dem das Wort "Strohwitwer" vorkommt. Weshalb dir dieser Begriff noch Angstschauer über den Rücken jagen wird, wenn du, Jahrzehnte später, schließlich selbst Chefin geworden bist (und gerne mal wieder was Nettes hören würdest).


Kommentare

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Doch, sind Sie, PC läßt grüßen. Und das berüchtigte Kalb mit den zwei Köpfen muht dazu im Diskant. Fehlbildungen in der Natur sind nun mal etwas "Natürliches" - das jagt uns nur kurz einen atavistischen Schauer über den Rücken, und dann haben wir uns damit arrangiert; denn schließlich ist das ja nicht Gottes Zorn, sondern nur ein Ausreißer von der Norm. Oder heißen Sie vielleicht doch Palmström? "Weil - so schloß er messerscharf - nicht sein kann, was nicht sein darf" (Chr. Morgenstern).