Beresniki Das russische Atlantis

Die Stadt Beresniki versinkt. Ihr Untergang ist eine Parabel auf Korruption, Umweltzerstörung – und die Putin-Gesellschaft. Von
ZEITmagazin Nr. 12/2016

Die Überwachungskamera 12/H schwenkt von links nach rechts, langsam, gleichmäßig, dann bleibt sie stehen. Sie zeigt in Großaufnahme frisch verrutschte Erde. Mit einem Ruck setzt sich die Kamera wieder in Bewegung, schwenkt zurück. Ein Ziegelstein gerät ins Blickfeld, dann ein kleiner Baum. "Wo kommt der Baum jetzt her?", fragt Witalina Kataewa am Kontrollmonitor. Ihre Stimme klingt alarmiert. "Der war schon da", sagt die Kollegin, die neben ihr sitzt. "Der ist heute Nacht weiter nach unten gerutscht." – "Kleines Bäumchen, du", witzelt Kataewa. "Gibt’s noch einen Tee?", fragt sie ihre Kollegin. Die beiden Frauen sitzen in der Überwachungszentrale von Beresniki, einer Großstadt 1.200 Kilometer östlich von Moskau, Provinz Perm.

Beresniki unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht sonderlich von anderen russischen Provinzstädten. Grau liegt der Ort in den grünen Wäldern des Ural, die meisten Häuser sind Plattenbauten. Hier leben 140.000 Einwohner auf 55 Quadratkilometern. An den Rändern der Stadt ragen die Schlote der ehemaligen Kombinate auf. Sie wurden privatisiert, doch der gelbe und weiße Rauch ist geblieben. Beresniki besitzt eine Straßenbahn, die von misslaunigen Schaffnerinnen gefahren wird. Wie überall in Russland wurden auch hier in den letzten Jahren wuchtige Shoppingzentren gebaut. Putin, der Krieg in der Ukraine, alles, was die Welt bewegt, scheint hier weit weg. Und doch hat es Beresniki zu weltweiter Berühmtheit gebracht. Auf internationalen Kongressen diskutieren Geologen über Beresniki. Die Stadt versinkt. Sie steht auf den Stollen einer Kalisalzmine, die nach einem Wassereinbruch langsam in sich zusammenfällt. Mitten im Stadtgebiet tun sich riesige Krater auf. Die Bewohner leben in der ständigen Angst, von der Erde verschlungen zu werden.

Andrej Chorow steht nackt auf der Straße. Er ist verwirrt. Vor sich erkennt er das Haus, in dem er lebt. Er will darauf zulaufen, doch plötzlich beginnt das Gebäude zu kippen. Unter Andrejs Füßen formt sich ein Trichter, dessen Ränder immer steiler werden. Er beginnt zu rennen, langsam erst, schneller dann. Er rennt, doch er kommt nicht voran. Sein Herz rast. Die Häuser beginnen einzustürzen. Die Welt um ihn herum zerfällt, und bevor die Erde den Unternehmer Andrej Chorow in die ewige Finsternis mitreißt – wacht er auf. "Dieser schlimme Traum", sagt er am nächsten Tag müde. "Immer wieder dieser Traum." Er bläst in den Schaum seines Cappuccinos, seine Frau Irina sitzt neben ihm und blättert in einem Einrichtungskatalog. "Nur ein Traum", sagt sie. Andrej schweigt. Schlimmer als der Traum, der immer endet, bevor er stirbt, ist in diesem Haus das Erwachen.

Das Haus der Chorows gehört zu der letzten Häuserzeile vor der "Zone". "Die Zone bewegt sich schneller als früher", sagt Andrej zu seiner Frau. "Meinst du?" Sie blickt von ihrem Katalog auf. "Ich glaube, es hat wieder begonnen", sagt er. Vor ihren Fenstern erstreckt sich menschenleeres Land. Seit einigen Monaten wellt es sich. Einige der Garagenreihen, die darauf gebaut sind, haben sich gehoben, andere senken sich. Ein Verwaltungsgebäude ist in der Mitte auseinandergebrochen. Laternenmasten stehen schief. "Wir müssen hier weg", sagt Andrej zu seiner Frau. Das Land, auf das sie vor zwölf Jahren ihr Haus gebaut haben, das ihnen so vertraut war, ist ihnen jetzt so fremd wie die Oberfläche eines fernen Planeten.

Diese Geschichte, die davon erzählt, wie eine Stadt sich selbst zerstört, handelt von Trägheit und Gier. Sie handelt von Menschen, von denen jeder für sich das Beste will und das Schlimmste für alle bewirkt. Sie führt in eine Gesellschaft, die sich selbst zum Feind geworden ist.

70 Jahre lang gruben die Bergleute in der Tiefe, hoben Stollen und Kammern aus in einem der reichsten Kalisalzvorkommen der Welt. Das Gebiet unter der Erde ist achtmal größer als die Stadt auf ihr. Ein Hohlraum von 84 Millionen Kubikmetern. Platz für 11.000 fünfstöckige Plattenbauten, hat mal jemand ausgerechnet. Über der Erde gibt es in Beresniki davon nur 1.300. Das Kali ernährte die Leute hier, aber sie gruben zu gierig. Am 17. Oktober 2006 drückte Wasser in die Mine. Seither lösen sich in 400 Meter Tiefe die Salzschichten auf. Die Gesteine darüber brechen in die ausgeschwemmten Löcher. In manchen Vierteln wirkt die Stadt völlig normal. Doch zum Nordwesten hin, dort, wo der Hauptschacht der untergegangenen Mine liegt, werden die Straßen leerer. Die meisten Gebäude sind evakuiert, die Gärten verwildert. Alle Wege enden an silbern schimmernden Metallzäunen. Das Ende der bewohnbaren Welt. Dahinter klaffen gigantische Krater. Schlünde, so gewaltig, dass man glaubt, durch sie könne man ins Innerste der Erde blicken.

Am 12. Juni 2007 stürzt in Beresniki zum ersten Mal der Untergrund ein. In der Nähe des Hauptschachts der Mine öffnet sich ein Krater, "das Großväterchen", wie er mittlerweile genannt wird. Seine Felswände fallen 350 Meter lotrecht in die Tiefe. Nur aus der Luft ist der Grund zu sehen. 2.000 Menschen werden umgesiedelt. 2010 bricht ein Güterwaggon durch die Schienen. Der Bahnhof von Beresniki wird geschlossen, die Stadt verliert ihre Eisenbahnanbindung. 2011 gibt die Oberfläche in der Nähe der Minenverwaltung nach. Ein mehrere Hundert Meter breites Areal verschwindet in einem Krater. Aufsteigendes Methangas entzündet sich in einer gigantischen Explosion. Der Rauchpilz hängt zwei Tage über der Stadt. 2014 werden Teile einer Datschensiedlung außerhalb der Stadt verschlungen. Im Februar 2015 öffnet sich vor der Schule 26 erneut die Erde. Für dieses Jahr rechnen die Geologen mit einem weiteren Krater, irgendwo vor dem Haus der Chorows.

"Hast du den Brief von Uralkali schon gesehen?", fragt Irina Chorow am Küchentisch ihren Mann. "Eine Anhörung", sagt sie. Auf dem Tisch liegt ein Brief mit gelbem Umschlag. Das Bergbauunternehmen will prüfen, ob sie evakuiert werden müssen. Ob man ihnen Schadensersatz für das Haus zahlt. Andrej setzt seine Lesebrille auf, holt den Brief aus dem gelben Umschlag. Er stöhnt. "Die haben den Brief am gleichen Tag abgeschickt, an dem die Anhörung war." So verfährt Uralkali mit ihnen schon zum vierten Mal.

Das Haus war Andrejs und Irinas ganzer Stolz, ihr zweiter Anfang. Er ist 50, hager, leicht ergraut. Ein scheuer Mann, der in seinem Leben den meisten Konflikten aus dem Weg gegangen ist. Sie, 53 Jahre alt, blondiert, lustige Augen, schließt mit jedem schnell Freundschaft. Beide kommen aus einer gescheiterten Ehe. "Es war keine Liebe auf den ersten Blick", sagt Irina. "Er war mir zu dürr." Sie führt einen Jeansladen in der Shopping-Mall, er eine kleine Schlosserei. Zusammen hat es das Paar in das beste Viertel Beresnikis geschafft, genannt Edelmanns Nest.

Im Russland des Wladimir Putin kommt eine Siedlung wie diese der Idee von Freiheit am nächsten. In dieser Gegend gibt es Bauvorschriften nur auf dem Papier. Jeder baut, wie er will, weil er es sich leisten kann. Häuser wie Ritterburgen, Häuser wie griechische Tempel. Andere erinnern an Kerker, sie sind fast fensterlos. Wieder andere sind fast ganz aus Glas. Es gibt Flachdächer, Spitzdächer, Turmbauten. In der Stadt genießt das Viertel nicht den besten Ruf. Das Edelmanns Nest ist das Quartier der Aufsteigerklasse des neuen Russlands, der hohen Beamten und Ingenieure. Viele hatten bei Uralkali gearbeitet, viele in leitender Funktion in der havarierten Mine 1. Sie haben sich an der Mine bereichert, heißt es. Sie haben Bestechungsgelder genommen, haben die Augen zugedrückt, unfähigen Subunternehmern Aufträge gegeben, weil sie von ihnen einen Teil der Auftragssumme bekamen. Andrej war für den Werksschutz der Mine verantwortlich. Er scheint ein ehrlicher Mann zu sein, aber in Edelmanns Nest trifft jeden der Verdacht. Jetzt, so heißt es, steigt die Korruption aus der Tiefe an die Oberfläche, lässt Beresniki einstürzen, wird für jedermann sichtbar. Was mit gestohlenem Geld aufgebaut wurde, verschlingt sie wieder.

Den Brief von Uralkali in der Hand, beschließt Andrej, etwas zu tun, was er noch nie getan hat: Er wird in die Konzernzentrale im Stadtzentrum gehen und sein Recht einfordern. Er will Erklärungen. Die Chorows möchten nach Südrussland ziehen, weg von Beresniki. Dorthin, wo Andrejs Schwester wohnt. Doch sie können es nicht, denn alles Geld steckt in dem Haus.

"Ist das nicht ein schönes Bild?", sagt Witalina Kataewa vor ihrem Monitor zu ihrer Kollegin. Die Kamera 165/Z: Kinder planschen in den Becken der neuen Wasserspiele auf dem Zentralplatz. Strahlend schauen ihnen die Mütter aus sicherer Entfernung zu. Ein Idyll, das trügerisch ist. Unter dem Platz soll sich die größte Blase des Methangases befinden, das sich in den Resten des havarierten Bergwerks sammelt. Kataewa streckt ihren Nacken. Der Kommandoraum der Zivilschutzbehörde ist in einem Flachbau in der Stadtmitte untergebracht. Drei Frauen in blauen Oberteilen sitzen hintereinander vor den Monitoren. Wie die Pilotinnen eines Kampfjets. Jede starrt auf einen Bildschirm. Alle drei arbeiteten bis vor ein paar Jahren noch als Kindergärtnerinnen. Die Behörden haben den Kontrollraum 2010 eingerichtet, um Rutschungen und Bodensenkungen rasch entdecken zu können. Hunderte Kameras haben sie im Ort installieren lassen. Fast jede Straße ist videoüberwacht. Hunderte weitere Kameras werden von privaten Sicherheitsdiensten betrieben. Kameras sind an Häuserfronten zu finden, auf Masten, im Gras. Kaum ein Ort in Russland wird so intensiv überwacht wie Beresniki.

Am Ende der Woche feiert die Stadt ihr 73-jähriges Bestehen. Es soll ein großes Fest werden. Witalina Kataewa sieht auf ihrem Monitor, wie Arbeiter auf einem Platz im Zentrum die große Bühne aufbauen. Der Bürgermeister legt Wert auf fröhliche Feste. Er hat das Organisationskomitee angewiesen, internationale Rockbands einzuladen. Uralkali sponsert das meiste. Eine Vielzahl von Arbeitsgruppen ist mit der Organisation des Kulturprogramms beschäftigt. Beresniki, so soll vermittelt werden, ist lebenswert, der Zukunft zugewandt.

"Der Ort ist sicher", sagt Sergej Djakow, der Bürgermeister im Rathaus. "Das Schlimmste haben wir hinter uns." Doch das hat er schon immer gesagt. Bis zur Überflutung der Mine 1 hat er diese selbst geleitet. Er ist groß und kantig, in seinen Sechzigern. Zu seinen Bürgern spricht er meist im Kommandoton, wie er es von seiner Zeit als Minenchef gewohnt ist. "In dieser Stadt leben fröhliche Menschen", sagt er trotzig. "In Beresniki tragen die Leute immer ein Lächeln auf ihren Gesichtern." Er will die Einwohner halten, damit Uralkali und anderen großen Betrieben nicht die Arbeitskräfte ausgehen. Das ist das Paradox von Beresniki: Es gibt viele gut bezahlte Jobs, und es soll in Zukunft sogar noch mehr von ihnen geben. Im Auftrag von Uralkali bohrt das deutsche Bergbauunternehmen Deilmann-Haniel vor der Stadt zwei 400 Meter tiefe Schächte in den Boden. Ein neues Bergwerk soll erschlossen werden. Doch wer soll dort einmal arbeiten? 60.000 Menschen sollen Beresniki in den letzten Jahren verlassen haben.

Kommentare

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Furchtbar.

""Die haben den Brief am gleichen Tag abgeschickt, an dem die Anhörung war." So verfährt Uralkali mit ihnen schon zum vierten Mal."

Und der verkommene russische Rechtsstaat wird den kleinen Leuten wie so oft vermutlich wieder nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern entweder das tun, was der mit der größeren Brieftasche oder aber der Staat will....

Auch nicht anders als in Amerika.
Wie lange hat es gedauert, bis das Gasleck geschlossen war?
Wie lange haben Menschen Bleiverseuchtes Wasser getrunken, weil die Wohngegend etwas heruntergekommen war?

Glauben Sie ernsthaft, im "Westen" wären alle gleich vor Gericht? Die Gerichte gerecht und unbeeinflussbar?

Mollath
Die "verrückten" hessischen Steuerfahnder
Höhness nach einem Jahr drausen, die Putzfrau die ein Brötchen vom abzuräumenden Buffet isst entlassen...

Russland ist kein Traumland.
Aber bei uns liegt nicht viel weniger im Argen...

Wenn Sie die transatlantischen Scheuklappen abnehmen, sehen Sie es auch!

Schönen Tag noch!

Ein wenig 'Ausgewogenheit' ist dennoch erkennbar,
direkt darunter findet sich der Artikel "Kalifornien, Gefangen in einer gefährlichen Giftwolke"....... ;)
vielleicht wäre es nicht schlecht, einmal Photos und Berichte
aus der vielgepriesenen Zeit der 'Öffnung nach Westen' unter Yelzin hier zu bringen. Putin hat nicht aus einem Paradies eine Hölle gemacht......er hat vielmehr in den vergangenen Jahren damit begonnen, aus der Hölle unter Yelzin wieder einen funktionierenden Staat zu schaffen.....und für die Bürger Russlands wieder soziale Sicherheit, die diese unter Yelzin vollständig verloren hatten.Das ist ihm in weiten Teilen gelungen, und das ist auch der Grund für seine Popularität in der Bevölkerung.

Putin hatte in den 2000ern Billioneneinnahmen aus Öl und Gas, weil der Ölpreis explodierte. Unter diesen Umständen war ein Anstieg des Lebensniveaus in RU gar nicht zu vermeiden. Zu Jelzins Zeiten, in den 90ern, war das Öl dagegen spottbillig. Dazu mussten unter Jelzin elementarste Grundlagen der Marktwirtschaft wie freie Preise, Börsen und Privateigentum eingeführt werden. Alles von Null.

Und was haben Putin und sein Clan mit dem Geld aufgebaut? Richtig: nichts. Weder Industrie noch Wissenschaft, weder Tourismus noch (wettbewerbsfähige) Kultur. Umgekehrt wurde die Ölabhängigkeit weiter forciert. Jetzt rächt es sich; das Land sinkt immer weiter ab. Die Putin-Jahre waren verlorene Jahre.