Stilkolumne Two in one: Das Blazerkleid

Von
© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 12/2016

In den achtziger Jahren nahm die Frau gern dem Mann seinen Blazer weg. Bis dahin galt die Anzugjacke als Säule der formellen Herrenmode und fester Bestandteil der Uniform von Karrieristen. Dann begann die Damenmode, männliche Kleidung zu imitieren. Es war die Zeit, in der Frauen sich dorthin aufmachten, wo bislang Männer die Welt regierten. Indem Frauen sich betont maskulin kleideten, signalisierten sie, dass sie Zugang zu dieser Welt haben und sich nicht mehr mit den Rollen zufriedengeben wollten, die ihnen in der Gesellschaft seit jeher zugewiesen waren. Das war in der Geschichte der Mode nicht ganz neu: Coco Chanel etwa, selbst eine gesellschaftliche Aufsteigerin, orientierte sich bei ihren Entwürfen bewusst an maskulinen Jacken. Sie nahm sich Uniformen zum Vorbild. Wissend, dass die Frauengarderobe zu ihrer Zeit vor allem eines ausdrückte: Ohnmacht und Bewegungsunfähigkeit. Die Menschen, die in der Gesellschaft etwas bewegen konnten, trugen keine weit ausgestellten Röcke, also lehnte Coco Chanel diese Röcke ab. Zur selben Zeit markierte auch Marlene Dietrich ihre Unabhängigkeit durch Kleidung, die Respekt einflößte: Oft erschien sie auf der Bühne in Anzug und Krawatte.

Es wäre weit übertrieben, heute von einem Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern zu sprechen. Viele Frauen verdienen für die gleiche Arbeit noch immer weniger als männliche Kollegen. Und noch immer wird es als Privatproblem der Frau angesehen, wenn sie neben ihrem Beruf etwa noch Kinder großziehen möchte. Aber die Gesellschaft ist in Bewegung – und das sieht man am besten in der Mode. Während sich der Anzug für den Mann kaum verändert, ist der Anzug für die Frau in zahlreichen Variationen erhältlich.

Der Damenblazer der achtziger Jahre war in Wahrheit ein Herrenblazer. Die Frauen trugen ihn mit extradicken Schulterpolstern, nichts sollte daran weiblich wirken. Heute ist der Blazer eigener Bestandteil der Frauengarderobe geworden. Ein Beispiel dafür ist das Blazerkleid, etwa aus den aktuellen Kollektionen von Dior und Versus Versace: ein langer Blazer, den man auch als Minikleid tragen kann. Heute brauchen Frauen eben keine Panzerkleidung mehr, mit der sie neben Männern bestehen können. Sie möchten sich so kleiden, wie sie sich selbst gefallen. Auf den Punkt hat es kürzlich Tomas Maier, der Designer von Bottega Veneta, gebracht, als er sagte: "Frauen sind stark – nicht ihre Kleider."

Foto: Minikleid oder Blazer? Geht beides. Von Dior, 3.400 Euro

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