Das war meine Rettung "Meine Mitschüler haben mich ausgelacht"

Brunello Cucinelli ist als Unternehmer erfolgreich, weil er die Armut seiner Kindheit nie vergaß. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 12/2016

ZEITmagazin: Herr Cucinelli, in Italien sind Sie ein Vorbild, Sie gelten als Unternehmer mit Herz. Was bedeutet das konkret?

Brunello Cucinelli: Man sollte im Einklang mit der Natur leben, aber planen, als würde man ewig auf dieser Erde sein. Ich würde das serenità, Gelassenheit, nennen. Man muss das Leben, das man führt, mögen. Wenn ich eine zweite Chance bekäme, würde ich alles noch mal so machen. Das Einzige, was ich anders machen würde: mehr Zeit mit meinen Freunden im Café verbringen.

ZEITmagazin: Was hat Sie dazu gebracht, als Unternehmer sozial zu denken?

Cucinelli: Ich ging in der Stadt zur Schule, trug aber Bauernkleidung und sprach Dialekt. Meine Mitschüler haben mich ausgelacht, Witze gemacht, ich wurde diskriminiert und abfällig als Bauer bezeichnet. Zur selben Zeit fand mein Vater Arbeit in einer Fabrik, auch er wurde dort gedemütigt und beleidigt. Am Abend beim Essen hatte mein Vater Tränen in den Augen. Das war niemals zuvor passiert.

ZEITmagazin: Wie sind Sie aufgewachsen?

Cucinelli: Bis zu meinem 15. Lebensjahr habe ich mit meiner Familie auf dem Land gelebt. Wir hatten weder Strom noch fließend Wasser. Mein Großvater schaute in den Himmel und betete die ganze Zeit. In den siebziger Jahren trieb ich mich in Cafés herum. Alles wurde debattiert, und es gab immer irgendjemanden, der bereit war, sich deine Sorgen anzuhören.

ZEITmagazin: Wie hat Sie diese Kindheit geprägt?

Cucinelli: Damals wollte ich kein Großstadtkind sein, ich wollte so sein, wie ich war. Ich habe die Armut meiner Familie nie verleugnet. Diese Kindheit prägt mich bis heute. Ich schaue kein Fernsehen, lese keine Zeitungen. Ich lebe ein anderes Leben auf dem Land. Hier sind meine Wurzeln. Ich erinnere mich immer an meinen Vater, an seine Erfahrungen in der Fabrik und an seine Augen.

ZEITmagazin: Was sahen Sie in seinen Augen?

Cucinelli: Tiefen Kummer. Ich war 17 und sagte zu mir selbst: Brunello, du weißt nicht, was du mal werden wirst, aber das große Ziel muss Menschlichkeit sein. Als ich 18 wurde, traf ich eine Prostituierte, Leila hieß sie. Nach ihrer Schicht kam sie ins Café und spielte mit uns Karten. Oft wurde sie gehänselt oder gedemütigt. Ich wollte sie überzeugen, mit der Prostitution aufzuhören, aber ich habe es nicht geschafft. Sie war eine Lehrerin des Lebens, sie war eine Meisterin des menschlichen Leids. Ich sah ihren großen Schmerz. Ich habe mich entschieden, etwas zu tun, um die Welt zu einem schöneren Ort zu machen.

ZEITmagazin: Wie haben Sie sich aus der Armut Ihrer Kindheit und Jugend herausgekämpft?

Cucinelli: Es begann alles auf dem Bauernhof: mit der Angst vor dem Tod und davor, nicht genug Geld zu haben. Deshalb wurde für mich mein großes Lebensziel: keinen Schaden anrichten, die Menschen, die Tiere und die Umwelt nicht verletzen. So kam ich auf Kaschmirpullover. Umbrien ist für Strickware bekannt. Ich wollte ein Material, das quasi unsterblich ist. Kaschmir hält Jahrzehnte, wenn man es richtig pflegt. Im ersten Jahr, als wir unsere ersten 53 Pullover verkauften, fühlte ich mich wie Alexander der Große.

ZEITmagazin: Was hat Ihnen geholfen, Ihren Weg zu gehen?

Cucinelli: Ich fühle mich seelisch mit den großen Männern der Geschichte verbunden: Kant, Rousseau, Alexander dem Großen, Dante und Mark Aurel. Sie haben mich gelehrt, wie ich mit Lebenskrisen umgehen kann, und haben mich ermutigt, als Beschützer zu denken. Das Leben hat mich gelehrt, ihre Gedanken zu verstehen. Philosophie und Theologie sollten in unserem Leben eine größere Rolle spielen.

ZEITmagazin: Ihre Firma ist sehr erfolgreich. Gab es auch mal Niederlagen?

Cucinelli: Die schwierigste Zeit im Unternehmen war im September 2008, als Lehman Brothers zusammenbrach.

ZEITmagazin: Wie haben Sie darauf reagiert?

Cucinelli: Ich habe meine 1.500 Angestellten versammelt und ihnen gesagt: Ich weiß nicht, was da draußen passiert, aber ihr solltet euch daran erinnern, dass mein Großvater und mein Vater noch einen Krieg erlebt haben. Ich hatte noch Kapital für 18 Monate, und wir haben uns angestrengt und im Jahr 2009 die schönste Kollektion in der Unternehmensgeschichte entworfen. Unsere Auftragsbücher waren voll wie nie.

ZEITmagazin: Kennen Sie als Visionär auch die Angst zu scheitern?

Cucinelli: Wirtschaftlich gesehen, ist mein Standpunkt, dass wir das Ziel nicht zu hoch ansetzen sollen, so führe ich mein Unternehmen. Utopische Geschäftsziele führen zu Krisen. Dabei ist mir auch immer wichtig, Mensch und Natur zu respektieren.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Vor Menschen wie Cucinelli kann man nur den Hut ziehen. Ich habe mal eine Reportage über ihn gesehen, das war sehr interessant, es ist wirklich beeindruckend, was er aufgebaut hat.
Hier steht auch noch etwas mehr zu ihm und seinem Werk:

http://derstandard.at/139...

Ich finde es toll, wenn über Menschen berichtet wird, die ihren Erfolg positiv nutzen, und ihr Umfeld positiv prägen.