Ich habe einen Traum Medina

"Meine Psychologin sagt, ich solle mich nicht in meinen Träumen verirren"
ZEITmagazin Nr. 12/2016

Ich bin ein sehr verträumter Mensch. Die meiste Zeit lebe ich in meiner eigenen Welt. Ich träume dann vor mich hin und nehme das, was um mich herum geschieht, wie durch einen Schleier wahr. Mir bereitet das eigentlich keine Probleme, ich habe mich daran gewöhnt. Dennoch konsultiere ich gelegentlich eine Psychologin – wir alle brauchen von Zeit zu Zeit jemanden zum Reden. Sie rät mir, mich mehr auf das Jetzt zu fokussieren, präsenter zu sein. Sie sagt, ich solle mich nicht in meinen Träumen verirren.

Medina

33, heißt eigentlich Andrea Fuentealba Valbak. Sie ist eine der bekanntesten Pop-Sängerinnen Dänemarks. Mit dem Hit "You and I" gelang ihr 2010 der internationale Durchbruch. Vor Kurzem erschien ihr neues Album "We Survive".

Es fällt mir schwer, das zu beherzigen. Meine Träume sind äußerst lebhaft. Manchmal sind sie so plastisch, dass ich sie für die Wirklichkeit halte. Das war bei mir schon als Kind so. Als Jugendliche fing ich dann an, mich intensiv mit meinen Träumen auseinanderzusetzen. Ich wollte wissen, was in mir vor sich geht. Meine Mutter besaß ein Buch zum Thema Traumdeutung. Ich habe es mir geschnappt und muss zu meiner Schande gestehen, dass ich es ihr bis heute nicht zurückgegeben habe. Ich las in dem Buch wie eine Süchtige. Manchmal tue ich das heute noch.

Vor einiger Zeit träumte ich von einem Besuch in einer Art Wasserwelt. Ich stehe vor einem riesigen Becken. Ein Orca kommt auf mich zugeschwommen. Er guckt mich an, nur die Glasscheibe trennt uns. Sein Maul öffnet sich, es ist voller Algen und Meerespflanzen. Sein Gesicht sieht freundlich aus, es wirkt, als wolle er zu mir Hallo sagen. Es ist ein magischer Moment. Doch plötzlich höre ich die Stimme des Dompteurs, sie ist laut und aggressiv. Er ruft nach dem Schwertwal, das Tier soll Kunststücke vorführen, seine Rufe klingen immer ungehaltener. Der Orca sieht auf einmal traurig aus. Er macht kehrt, schwimmt in Richtung des Dompteurs, springt auf eine Plattform und bleibt einfach liegen. Bis er schließlich stirbt.

Dieser Traum hat mich tief berührt. Was wollte er mir sagen? Mit dieser Frage habe ich mich lange auseinandergesetzt, und irgendwann wurden mir die Zusammenhänge klar.

Als ich das träumte, produzierte ich gerade mein neues Album, das den Titel We Survive trägt. Ich habe daran insgesamt drei Jahre lang gearbeitet. Und plötzlich gab es viele Menschen, die mir in meine Musik reinreden wollten, die mich in eine Richtung zwingen wollten, in der ich mich nicht sah. Ich erkannte, dass ich mich von diesen Stimmen freimachen musste.

Gelegentlich habe ich schlimme Albträume. In einem wurde ich mit einem Messer angegriffen. Kurz bevor sich die Klinge in meinen Körper bohrte, wachte ich auf. Das ist anscheinend ein Schutzmechanismus.

Jedenfalls war ich nach dem Aufwachen sehr verstört. Ich musste weinen. Doch dann nahm ich wieder das Buch meiner Mutter zu Hilfe und analysierte diesen schrecklichen Albtraum: Offenbar sollte dieser existenziell bedrohliche Angriff mir nahelegen, alte Verhaltensweisen und Denkmuster abzulegen – so stand das da. Durch diese Deutung verlor der Traum nicht nur seinen Schrecken. Ich konnte in ihm sogar etwas Positives sehen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Kommt darauf an. Es gab Lebensphasen, da waren sie so lebendig, dass sie mich als Erinnerungen, Visionen, Tagträume und Backflashed bis zum Abens begleitet und ich in der Nacht in die Fortsetzung eingeschlafen bin. Und, ja, sie haben mir etwas Wichtiges gesagt (ohne Buch) und nein, ich hatte keine Drogfn genommen. Wenn das mal nicht so ist, geht es mir entweder sehr gut oder ich bin im Stress ohne genügend Zeit für mich. Grüße