Nell Zink "Ich war das, was man heute verhaltensauffällig nennt"

Jahrelang schrieb sie für sich und einen Freund. Wie Nell Zink mit 50 zum literarischen Shootingstar wurde Von

ZEITmagazin Nr. 12/2016

Nell Zinks Bücher entstehen im Bett. Genauer: auf einer Matratze, die auf dem Fußboden einer Einzimmerwohnung in der brandenburgischen Kleinstadt Bad Belzig liegt. Die Knie angewinkelt, ein Kissen im Rücken und den Laptop im Schoß, schreibt Zink durchschnittlich acht Stunden pro Tag. "Ich bin schnell und fleißig", sagt sie, und das ist im Gegensatz zu vielem anderen, was sie von sich gibt, nicht parodistisch übertrieben.

Außer der Matratze füllen ein paar bunt zusammengewürfelte Möbel Zinks Wohnung. Das Inventar wirkt provisorisch wie die Einrichtung einer Studentenbude – passend zur Vorläufigkeit jener drei bis vier Jahrzehnte, in denen die Amerikanerin Zink nur für sich selbst oder zum Amüsement einzelner Freunde geschrieben und ihr Leben mit Gelegenheitsjobs finanziert hat. Doch plötzlich ist Nell Zink verblüffend gut im Geschäft. Im Herbst 2014, sie war 50, wurde ihr Debüt The Wallcreeper in den USA von jenem ungläubigen Raunen begleitet, mit dem man sich anbahnende Literatursensationen begrüßt. Kritiker nannten das schmale Bändchen ein "Meisterwerk", sprachen von "außergewöhnlichem Talent" und "erstaunlicher Originalität", sie zogen Vergleiche mit John Irving, Donna Tartt und Joseph Heller. Mislaid, Nell Zinks zweiter Roman, wurde 2015 für den National Book Award nominiert.

Dieser Tage erscheint Zinks Debütroman auf Deutsch. Der Mauerläufer erzählt auf 155 Seiten die Geschichte von Tiffany, genannt Tiff, einer frisch verheirateten Amerikanerin, die ihrem Mann Stephen in die Schweiz folgt. Zunächst noch pflichtschuldig die hingebungsvolle Ehefrau, beginnt Tiff zu revoltieren und sich zu einer unabhängigen Persönlichkeit zu mausern. Vogelbeobachtung, sehr viel Sex (guter und schlechter) sowie die deutsche Ökoszene spielen eine wesentliche Rolle in diesem erstaunlichen Roman, der über weite Strecken in der ostdeutschen Provinz spielt – mit Sprüngen in Berliner Clubs und nach Albanien. Gelegentlich fühlt man sich beim Lesen wie in einem Film von Wes Anderson, dessen kindlicher Charme und skurriler Bilderreichtum viel mit Zinks unbekümmertem Stil gemein haben.

Die Stärke des Romans liegt in seiner verspielten Heiterkeit, unterlegt von diffuser Existenzangst. Und in seiner Unvorhersehbarkeit. Mit wachsendem Erstaunen fragt man sich, was man hier überhaupt liest. Eine Satire? Eine verschrobene Coming-of-Age-Geschichte? Eine Art Autobiografie? Im Buch analysiert die Erzählerin Tiffany ihr Leben mit dem Verstand einer Autorin, und am Ende schreibt sie tatsächlich einen Roman. Titel: Der Mauerläufer.

Das ist bei Weitem nicht die einzige Parallele zwischen Tiff und Nell. Wie ihre Heldin hat auch Zink ihren ersten Mann geheiratet, nachdem sie ihn nur eine Woche kannte. Wie diese lebt sie als Amerikanerin in Europa, engagiert sich im Umweltschutz und beobachtet mit Leidenschaft Vögel. Und womöglich trieb auch Nell eine Zeit lang so planlos wie Tiff durchs Leben, aber das ist Spekulation.

Der Mauerläufer lässt sich genauso wenig kategorisieren wie seine Autorin. Zinks Werdegang verlief ähnlich wechselhaft und grotesk wie die Handlung ihres Romans. Viel interessanter ist die Frage, wie es überhaupt zum literarischen Durchbruch kam. Wie jemand mit fünfzig scheinbar spielerisch das erreicht, worauf andere spätestens mit vierzig die Hoffnung aufgeben.

"Nell hier ... Mehr nicht." Mit diesen Worten hatte Zink Mitte Januar per SMS erstmals persönlich Kontakt aufgenommen. Es klang wie die Aufforderung, mit ihr zu spielen. Ein paar Tage später stapfen wir in Bad Belzig durch frischen Neuschnee zu einem kleinen Museum, das auf einer Anhöhe über der Stadt liegt und an einen Heimatkünstler erinnert. Schmal und hochgewachsen, einen altmodischen Strickhut über die graubraunen Haare gezogen, die feingliedrigen Hände in die Taschen ihres Parkas gestopft, geht Zink gut gelaunt voran. Vor ein paar Jahren ist sie bei einem Spaziergang zufällig auf das Museum des Malers und Dichters Roger Loewig gestoßen, und um ihm mehr Besucher zu verschaffen, machen wir dort vor dem Interview Station.

"Das Motiv vom Provinzmuseum, das einem einheimischen Künstler gewidmet ist, ist ja allgemein bekannt – aber nicht in dieser Qualität", sagt Zink. Auf dem Weg weist sie auf einen prächtigen Kirschbaum hin, der im Sommer unglaublich viele Früchte trage. Schwärmt von einem Raufußbussard, den sie neulich beobachtet habe. Bleibt abrupt stehen, um Eiskristalle zu bewundern, die in einer gefrorenen Pfütze funkeln. Obschon gerade 52 geworden, tritt sie mit der Neugierde einer Zwanzigjährigen auf.

Als Kind war Zink viel draußen, im Wald und an einem See, oft allein. Aufgewachsen auf dem Land in Virginia, hat sie die Sommerferien nicht wie üblich in Camps oder Strandhäusern verbracht, sondern bestaunte mit ihren Eltern und den zwei Brüdern in Nationalparks die wilde Natur. "Später habe ich Geld für Umweltorganisationen wie Earth First gespendet und geheult, wenn große, alte Bäume gefällt wurden. Obwohl ich damals gar nicht wusste, wozu diese Bäume existieren – außer, um gut auszusehen." Erst viel später, mit Mitte dreißig, hat sie sich dann systematisch in Naturschutzthemen eingearbeitet – als sie von Tel Aviv nach Tübingen zog und Medienwissenschaften studierte. Seit einigen Jahren ist Zink Mitglied bei den Grünen. In ihrer Wohnung liegen ein paar Ausgaben von Der Falke. Journal für Vogelbeobachter herum. Die hat sie abonniert. Zurück aus dem Roger Loewig Haus, sitzen wir an einem Bistrotisch aus Kunststoff. Eben hat Zink eine Ausgabe von Le Monde diplomatique vom Tisch gefegt, jetzt holt sie zwei Becher aus der Küche. Einer hat ein Katzenmotiv, der andere eine Macke am Rand. Es gibt Roibuschtee mit Cola-Geschmack.

Zink spricht ein makelloses Deutsch mit leichtem Akzent, ihr Vokabular ist verblüffend groß und vielfältig. Dabei hat sie erst mit 19 Jahren angefangen, die Sprache zu lernen, auf einer Deutschland-Reise, aus der sich Kontakte nach Tübingen und etliche Sommeraufenthalte in den darauffolgenden Jahren ergaben, zudem hat sie viele deutschsprachige Autoren gelesen, darunter Kafka, Canetti und Adalbert Stifter. Zink benutzt altmodische Wendungen wie "abkupfern" oder "ich für mein Teil". Die Zeit mit ihr vergeht rasend schnell, sie ist eine glänzende Erzählerin, man hört ihr gerne zu. Zum Beispiel, wenn sie von ihrem Doktorvater in Tübingen erzählt. Während der zwei Jahre, die sie an der Dissertation gearbeitet hat, sei sie ihm nur einmal begegnet – beim Kanufahren auf dem Neckar. Folgender Dialog entspann sich laut Zink von Boot zu Boot:

"Hallo, Professor!"

"Ah, Sie sind es! Wie läuft die Diss?"

"Prächtig!"

Der erste Entwurf ihrer Dissertation wurde mit der Begründung abgelehnt, sie habe die Gattung verfehlt, dies sei ein Roman. 2008 wurde Zink promoviert. Ihre Arbeit Portable Music and the Scalable Self. Performativity in Music Journalism and Interdisciplinary Music Analysis beschäftigt sich mit der Rezeption von Popmusik und macht sich nebenbei über postmoderne Pseudowissenschaft lustig. Alles, was Zink schreibt, ist überraschend.

Kommentare

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Fazit des Abstract zur Diss: "Für Autodidakten mit guten Englischkenntnissen ist diese programmatisch para-akademische Dissertation äußerst lesenswert, andere sollten die Finger davon lassen."
Kaum glaubt man, man wäre auf der Spur, kommt der nächste gedankliche Haken. Das Grinsen wurde beim Lesen immer breiter ;-)) Kompliment an die Fakultät, die diesen Text als Diss angenommen hat.