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Das war meine Rettung "Du denkst, du bist nichts wert"

Julie Delpy wurde von ihrem Ex seelisch misshandelt. Fast wäre sie an dieser fatalen Liebe kaputtgegangen. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 13/2016

ZEITmagazin: Frau Delpy, wir Franzosen lieben es, über Sex zu reden, warum eigentlich?

Julie Delpy: Das ist Teil unserer Kultur. In der französischen Literatur, etwa in La Dame aux camélias oder Le Rouge et le Noir, hat man erst Sex, und dann bringt man sich gegenseitig um. Die Deutschen hingegen haben Goethe und den jungen Werther, der sich schon vor dem Sex umbringt, weil er so unglücklich verliebt ist. Die Franzosen haben wenigstens Sex vor dem Tod, das finde ich lustig.

ZEITmagazin: Apropos Tod, was macht Ihnen im Leben Angst?

Delpy: Sicher der Tod. Und Krankheiten, Terrorismus und Mord. Armut dagegen bereitet mir keine Angst, weil ich glaube, dass Menschen trotz Armut glücklich sein können. Ich kenne das aus meiner Kindheit. Angst habe ich dagegen vor körperlicher Gewalt.

ZEITmagazin: Haben Sie jemals körperliche Gewalt erfahren?

Delpy: Als ich elf Jahre alt war, wurde ich von anderen Kindern gemobbt. Es geschah in einem Sommerlager. Sie haben mich fast umgebracht. Es waren verwöhnte, böse Mädchen aus vornehmen Familien. Sie hassten mich und hackten ständig auf mir rum, weil ich aus einer Künstlerfamilie kam. Die Mädchen nahmen mir mein Geld weg. Ich konnte niemandem im Sommerlager davon erzählen, weil die Mädchen drohten, mich umzubringen, wenn ich das tun würde. Ich habe denen das wirklich geglaubt. Und je mehr Angst ich hatte, desto weiter gingen sie. Und dann eines Tages, als wir an der Küste waren, haben sie versucht, mich die Klippe hinunterzustoßen.

ZEITmagazin: Wie haben Sie überlebt?

Delpy: Ich erinnere mich, dass da ein Seil war, ich klammerte mich so fest daran, dass meine Hand blutete. Während ich voller Angst war, lachten sie mich aus. Jemand hat mich in letzter Minute gerettet. Dann konnte ich endlich meine Eltern anrufen. Am Schluss war es lustig, denn sie hatten Bilder gemacht, als sie mich verprügelten. Sie lieferten also selbst die Beweise, dass ich nicht gelogen hatte.

ZEITmagazin: Diese entsetzliche Erfahrung scheint noch sehr lebendig zu sein.

Delpy: Absolut. Vor allem weil mir jegliche Gewalt zuvor fremd war. Noch heute, wenn ich auf der Straße eine Clique von jungen Mädchen sehe, die laut kichern, vor allem rothaarige, dann will ich weglaufen oder ihnen eine runterhauen.

ZEITmagazin: Sie ziehen eine Parallele zwischen Mobbing und Misshandlung. Wurden Sie jemals misshandelt?

Delpy: Ja, das war eine schmerzliche Erfahrung. Ich steckte über viele Jahre in einer schwierigen Beziehung, die von Beleidigungen und seelischem Missbrauch geprägt war. Dieser Typ erzählte mir jeden Tag, dass ich eine "Fotze" sei. Es hat mich Jahre gekostet, bis ich in der Lage war, diese Beziehung endgültig zu beenden. Ich glaube, wenn du dich einmal daran gewöhnt hast, schlecht behandelt zu werden, neigst du mit der Zeit dazu, es als Norm zu akzeptieren.

ZEITmagazin: Wie fing das Ganze an?

Delpy: Am Anfang ist so jemand sehr nett zu einem. Und dann sagt er dir: "Schätzchen, schau dich an, du siehst heute nicht gut aus, streng dich mal an." Das hört sich erst mal wie ein harmloser Ratschlag an, so wie "Schau dir mal deine Freunde an, die tun dir nicht gut". Aber nach und nach verlierst du deine Freunde, fängst an, paranoid zu werden. Du denkst, du bist ein Idiot, ein Verlierer, du bist hässlich, fett und nichts wert.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie aus dieser schrecklichen Beziehung wieder raus?

Delpy: Es ist schwierig, solche Leute loszuwerden. Zunächst beschloss er, mich zu bestrafen. Ich steckte mitten in der Vorbereitung für einen der "Before"-Filme, und er ließ mich allein. Er sagte: "Wenn du diesen blöden Film machen willst, mach das, aber ich werde nicht mehr bei dir bleiben, du musst mit deinem Scheiß allein fertigwerden." Zum Glück gab es doch noch ein paar Freunde, die mir klarmachten, wie abscheulich mein Leben mit ihm war. Erst danach konnte ich ihn endlich verlassen und bin an einen anderen Ort gezogen. Das hat mich letztendlich gerettet. Nach einem Monat rief er an und fragte, ob er zurückkommen kann. Ich habe Nein gesagt und ihm erzählt, dass ich jemand anderen kennengelernt habe und mit ihm fertig bin. Endlich weg zu sein von seinen ständigen psychischen Misshandlungen und Beleidigungen hat mir gezeigt, dass ich die Starke bin und er der Schwache ist. So etwas wird mir nie mehr passieren. Jetzt habe ich einen Radar, eine Sensibilität für solchen Schwachsinn.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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