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Das war meine Rettung "Ich habe Geschichte studiert, weil ich verloren war"

Ihre Mutter war im Widerstand, ihr Vater ein Nazi. Die Produzentin Gabriela Sperl flüchtete ins Studium. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 14/2016

ZEITmagazin: Frau Sperl, Sie zählen zu den großen TV-Produzentinnen in Deutschland. Der Fokus Ihrer Filme liegt häufig auf Vergangenheitsbewältigung. Warum?

Gabriela Sperl: Das hat mit meiner Familiengeschichte zu tun. Ich habe als Diplomatenkind bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr im Ausland gelebt und kam in den siebziger Jahren zum Studieren nach München. In jener Zeit gab es mächtige, revanchistische Vertriebenenverbände, die von Deutschland in den Grenzen von 1936 redeten. Nach all dem, was passiert war. Das machte mich fassungslos. Nicht nur die Deutschen, viele Völker wurden vertrieben. Vieles, was grauenvoll war, wurde tabuisiert. Auch die deutschen Opfer der Flucht. Ich wollte über alles sprechen.

ZEITmagazin: Konnten Sie mit Ihren Eltern über die Naziverbrechen reden?

Sperl: Ja, obwohl sie jeweils eine andere "Wahrheit" hatten. Meine Mutter musste schon 1935 in die Schweiz fliehen, weil sie ihrer besten Freundin, die jüdisch war, einen Brief geschrieben hatte. "Die Axt ist an den Baum gelegt", lautete ihre Warnung. In Deutschland geschehe Schreckliches, und man müsse etwas dagegen tun. Die Post wurde von der Gestapo gelesen. Sie wurde festgenommen. Sie hat trotz der Gefahr die Klappe nicht gehalten. Mein Großvater hat sie herausgeholt. Er wusste, dieses Kind redet sich um Kopf und Kragen, und brachte sie in die Schweiz. Sie blieb dort bis 1949, bis sie in Zürich meinen Vater kennenlernte.

ZEITmagazin: Und Ihr Vater, wie war seine Haltung?

Sperl: Mein Vater, der halb Amerikaner war, kehrte nach einem Studium in London 1936 nach Deutschland zurück. Er ging ins Auswärtige Amt. Er hat sich nicht wirklich um Politik geschert, hörte lieber Cole Porter und hat in Berlin Party gemacht. Meine Mutter hat das Unglück früh erkannt, mein Vater nicht. Er hat nicht hinschauen wollen. Nach der Wannseekonferenz wusste jeder im Auswärtigen Amt von der "Endlösung", das sagte er immer. Danach hat er sich freiwillig an die Front gemeldet.

ZEITmagazin: Wie war Ihre Haltung zu ihm?

Sperl: Ich liebte ihn, er war ein gebildeter und musischer Mann. Wenn meine Eltern Partys gaben, saß er am Klavier, spielte Ukulele oder sang englische Schlager. Ich habe ihn bewundert. Zugleich war ich wütend auf ihn. Ich habe mich oft gefragt: Warum hat der das alles nicht begriffen?

ZEITmagazin: Wie kamen Sie mit den derart konträren Lebenslinien Ihrer Eltern zurecht?

Sperl: Gar nicht, ich war als Kind mittendrin. Es kamen zwei Familienzweige zusammen, die überhaupt nicht zusammenpassten. Und so versuchte ich, mich aus dieser inneren Zerrissenheit zu befreien. Mein Weg war, dem Ganzen auf den Grund zu gehen. Deswegen habe ich Geschichte studiert: weil ich verloren war. Ich musste unbedingt wissen, was stimmt jetzt, was ist richtig, und wie kann es sein, dass selbst innerhalb meiner Familie die Vergangenheit wie etwas Unbewältigtes im Raum steht.

ZEITmagazin: Das Geschichtsstudium als Rettung?

Sperl: Es war eine Therapie. Ich erkannte, dass ich damit leben muss, dass mein Vater nichts sehen wollte. Anfangs dachte ich, vielleicht konnte er es wirklich nicht wissen. Vielleicht wusste es meine Mutter nur, weil sie viele jüdische Freunde hatte. Aber durch das Studium wurde mir klar, er hätte es genauso früh wie die Mami ahnen können. In den Geschichten, die ich erzähle, suche ich immer nach blinden Flecken. So wie ich nach ihnen in meiner Familie gesucht habe. Ich habe einen Vater, den ich liebe, der aber Mitglied in der Partei war.

ZEITmagazin: Hat er zugegeben, dass er nicht hinsehen wollte?

Sperl: Ja. Trotzdem ist es schwierig für ein Kind, zu akzeptieren, was geschah. Deswegen ist es für mich schwer zu ertragen, was derzeit in unserem Land abgeht. Ich habe die Entstehungsgeschichte des Nationalsozialismus und den Antisemitismus seit dem Kaiserreich studiert. Es ist beängstigend, wie Menschen, die sich vernachlässigt und ohnmächtig fühlen, anfangen, Ausländer, Fremde, Juden zu hassen. Ich hatte früher das Gefühl, dass wir aus dieser Katastrophe gelernt haben. Das ändert sich momentan, leider. Ich werde niemals akzeptieren, dass der menschenverachtende braune Ungeist abermals hochkommt. Der rechte Rand ist seit den Neunzigern in die Mitte der Gesellschaft gerückt, dagegen kämpfe ich. Mit den Mitteln des Erzählens. Ich suche nach Geschichten, die Menschen Mut machen, ihnen Beispiele für Zivilcourage geben. Meine Mutter stammt aus einer immer wieder verfolgten Hugenottenfamilie. Ihr Credo war immer: Résistez! Leistet Widerstand!

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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