© Lukas Gansterer

Peter Gauweiler Einer ohne alle

Vor einem Jahr warf Peter Gauweiler sein Mandat als Abgeordneter der CSU hin und zog sich aus der Politik zurück. Hält er das aus? Von

ZEITmagazin Nr. 14/2016

Wer sich fragt, wo Peter Gauweiler steckt, wenn er nicht in seiner Münchner Anwaltskanzlei auftaucht, bei keinem Gericht, aber auch nicht zu Hause, der findet ihn an einem Ort, der keine Aussage über ihn zulässt. Ist das eine Kneipe oder ein Sportplatz? Ist Gauweiler hier, weil er sich amüsieren oder weil er gewinnen will? Er ist nicht leicht zu durchschauen, dieser Peter Gauweiler, und vielleicht hat er sich deshalb diesen Ort ausgesucht, der alles zugleich sein kann, Wettkampfarena, Biergarten, Parlament.

An einem freundlichen Tag im Januar dieses Jahres, mittags um zwölf, lässt sich Gauweiler zum Augustiner-Keller in München fahren, steigt aus der schweren Limousine und läuft einen Bogen um das Gebäude der Gastwirtschaft, bis er hinten im Hof ankommt. Es ist kalt, Gauweiler trägt eine Steppjacke und eine Mütze. Er hat seine Leute mitgebracht, zwei Chauffeure, eine der Sekretärinnen aus seiner Kanzlei, den früheren Leiter seines Bundestagswahlkreises und dessen Tochter. Der Fotograf des ZEITmagazins hat sich verspätet, und Gauweiler schaut sich fragend um. Für unzuverlässige Menschen hat er nicht viel übrig. Das gilt für die Bundeskanzlerin genauso wie für einen Fotografen. Gauweiler knurrt etwas Unverständliches und wendet sich der Eisstockbahn zu.

Das ist sein neues Hobby, Eisstockschießen. Zu Hause, in der Gemeinde Berg am Starnberger See, hat er sich eine Bocciabahn bauen lassen, über die er im Winter eine Plastikplane spannt und Wasser darüberfließen lässt, das zu einer glatten Fläche gefriert. Allein spielt er nie, er braucht Gegner.

Eine Eisstockbahn mag für einen Laien kaum interessanter aussehen als eine Minigolfanlage, sie kann jedoch ein verhängnisvoller Ort sein. Ein Sieg, der schon zum Greifen nahe ist, wendet sich in eine Niederlage, sobald sich ein Spieler aus dem Hinterhalt durchsetzt und den bestplatzierten Eisstock des Konkurrenten vom Zielpunkt verdrängt. Es ist ein Ort, an dem man sich ständig zu früh freut.

Als der Fotograf eintrifft und erzählt, dass er noch nie einen Eisstock in den Händen gehalten habe, schaut ihn Gauweiler misstrauisch an. Er nimmt ihn in seine Mannschaft auf, die mit den weißen Stoffbändchen an den Eisstöcken. Gauweiler teilt die Teams ein. Seine Gegner, das sind die Blauen. Zu ihnen gehört auch seine Sekretärin Veronika Menz.

Das Eisstockschießen beim Augustiner-Keller macht hungrig und durstig. © Lukas Gansterer

Gauweiler legt einen ordentlichen Schuss hin, sein Eisstock bleibt kurz vor dem Ziel, der Daube, stehen. Danach läuft er an der Bahn entlang. Als der Eisstock des Fotografen, seines Mannschaftskollegen, polternd neben ihm aufschlägt, schaut ihn Gauweiler entgeistert an. Der Fotograf trägt eigenartige Handschuhe, die am Stiel haften, und er behandelt den Eisstock so artifiziell wie einen Bumerang. Gauweiler mustert ihn, wie ein Fußballtrainer einen Spieler mustern würde, der mit einer Tischtennisausrüstung aus der Umkleidekabine käme. "Gehört der zu mir?", fragt Gauweiler.

Er verliert die Partie, er verliert auch die nächste. Es läuft gar nicht gut für Peter Gauweiler, was auch daran liegt, dass ihm seine Sekretärin mit Überraschungsschüssen die Show stiehlt. Es ist wie in der Politik. Der Mann, der sich für einen überlegenen Profi hält, scheitert ständig an Anfängern.

Peter Gauweiler ist 66 Jahre alt. 1968, im Jahr der Studentenrevolte, trat er in die CSU ein. Er saß fast vier Wahlperioden lang im Bundestag, bis er im März vergangenen Jahres seine politischen Ämter hinwarf. Er schied auch aus dem Vorstand der CSU aus, er wollte nicht mehr. Gauweiler war, so begründete er das, an der Euro-Rettungspolitik der Kanzlerin verzweifelt. Er werde diesen Kurs nicht länger mittragen. Er müsse seinen Wählern noch in die Augen schauen können. "Ich lege das Mandat nieder, um es nicht zu verraten." So drückte er sich aus. Seitdem ist für ihn die Eisstockbahn, was früher der Bundestag war.

In einer Spielpause lässt Gauweiler jede Menge Käse, Wurst, Brot und Bier servieren. Ein Kellner entzündet ein kleines Feuer neben der Bahn. Gauweiler steckt sich einen Zigarillo an und schaut auf sein Handy. "Die Regierung", grummelt er, "das Parlament." Das klingt, als gehe ihm etwas sehr nahe, aber er weigert sich, es zu formulieren. Es könnte sonst der Eindruck entstehen, die Politik erreiche ihn noch. Von ihr hat er sich aber losgesagt. Er ist ein Mensch, der wieder die Weite des Himmels entdeckt, ein Freigänger.

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Auf der Eisstockbahn versucht es Gauweiler mit ein paar Manövern. Sobald ihm der Schuss eines Gegners imponiert, sagt er voller Bewunderung: "A star is born." Danach haut er mit dosierter Gewalt den Eisstock des Konkurrenten weg. Aber am Ende siegt meist seine Sekretärin. Merkwürdig. Hat er Pech? Oder ist er gar nicht so gut, wie man dachte?

Peter Gauweiler bewegt sich in einem Refugium, das immer dichter bevölkert wird, dem Refugium der rüstigen Politikinvaliden. Gäbe es dort ein Heim für die Bewohner, dann hätte auch Gregor Gysi ein Zimmer, Oskar Lafontaine, Gerhard Schröder, Horst Köhler, Joschka Fischer, Norbert Blüm. Lauter Menschen, die viel wissen und viel können, es dem politischen Apparat aber nicht mehr oder nur noch selten zur Verfügung stellen. Die einen wurden abgewählt, die anderen kapitulierten oder zogen sich zurück. Jeder von ihnen sucht nach Möglichkeiten, die Körperspannung zu halten. Sein Freund Lafontaine, erzählt Gauweiler, setze sich jetzt öfter aufs Fahrrad und erkunde die Höhenzüge des Saarlandes – auf einem E-Bike, einem Rad mit Hilfsmotor. Und man weiß nicht, wie viel Ironie in Gauweilers fröhlichem Lachen steckt.

Anderthalb Jahre ist es her, da hielt Gauweiler im Rathaus von Starnberg eine Festrede auf dem Oberbayerischen Fischereitag. Der September des Jahres 2014 war angebrochen, und Gauweiler war noch Abgeordneter des Bundestages. Von Fischen versteht er nichts, und so lieh er sich ein Zitat aus Ernest Hemingways Roman Der alte Mann und das Meer. Gauweiler sagte: "Der Fisch ist mein Freund." Er fand auch ein Beispiel für die "Frustration an der Demokratie", den Kormoran. Das ist ein Vogel, der die Fischbestände in Flüssen und Seen radikal dezimiert. Er frisst sehr viel, und er jagt ungestört, weil er in Deutschland geschützt ist. Von vielen Anglern wird der Kormoran gehasst. Gauweiler hatte sofort begriffen, welches Reizwort er in die Versammlung werfen musste.

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Anschließend ging er mit Funktionären des Anglerverbandes zum Mittagessen in den Tutzinger Hof. Seine heute 53-jährige Frau Eva, mit der Gauweiler vier Kinder hat, begleitete ihn. In einem Dirndl saß sie neben ihm am Tisch und hörte zu, wie sich ihr Mann mit einer ihm fremden Welt vertraut machte. Der Präsident des bayerischen Fischereiverbandes, ein Professor, versuchte Gauweiler zu erklären, was catch and release bedeutet. "Fangen und zurücksetzen, Herr Doktor Gauweiler", sagte der Professor, ein kultivierter Mann mit einem schmalen Gesicht und sanft gebräuntem Teint. Mit geröteten Wangen schaute ihn Gauweiler verständnislos an. Er fragte: "Wie? Fangen und wegschmeißen? Einen Fisch fangen und in den Müll werfen?" – "Nein, Herr Doktor Gauweiler", entgegnete der Professor, "fangen und ins Wasser zurücksetzen." Das kam Gauweiler noch sinnloser vor. Die Beute ist gar keine Beute, sie darf weiterleben? In Berg geht Gauweiler manchmal in den Fischladen und kauft Matjesfilets. Da ist die Sache klar. Der Fisch ist tot und wird später verspeist.

Ratlos fixierte er den Professor. Danach holte Gauweiler das Manuskript seines Vortrages hervor und sagte: "Ich habe eine kleine Apotheose gemacht." Die Apotheose bestand darin, dass er rhetorisch emporstieg, von den Fischen zum bayerischen König Ludwig II. Den nahtlosen Übergang konnte er selbst nicht erklären.

Mit Ludwig II. hat sich Gauweiler intensiv beschäftigt, in der bayerischen Geschichte kennt er sich aus – und weit darüber hinaus. Er ist sehr breit gebildet, er liest viel. An den Widersprüchen, auf die er in Büchern stieß und in seinem Leben, ist er gewachsen. Als Protestant wurde er im katholischen Bayern groß. In den achtziger Jahren regierte er in der progressiven Großstadt München mit der Entschlossenheit eines Exorzisten. Kreisverwaltungsreferent war Gauweiler, das klingt nach nichts, aber es bedeutete: Saubermann im vermeintlichen Sündenpfuhl München. Der Song Skandal im Sperrbezirk der Spider Murphy Gang spielte auf ihn an.

Gauweiler ging gegen Prostitution vor, gegen Junkies, Obdachlose und Schwarzarbeiter. Er legte sich mit Wirten auf dem Oktoberfest an, dem bekanntesten von ihnen entzog er die Lizenz. Als Anwalt vertrat er einige der sogenannten Schwarzen Sheriffs, private Wachmänner, die durch die Straßen patrouillierten. Von den Linken wurde er gehasst.

Vom ersten Moment seines politischen Lebens an bemühte sich Gauweiler auch um die Stärkung seiner Gegner. Vielleicht wäre er verkümmert, wenn er sich nicht an dem Gefühl hätte berauschen können, die halbe Republik sei gegen ihn, zeitweise die ganze. Auf die ätzenden Kommentare in Zeitungen lauerte er. Er freute sich, wenn der neue Spiegel ausgeliefert wurde, das Blatt, das verlässlich über ihn herfiel. Noch heute lobt er den verstorbenen Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein für dessen "Kontinuität im Angriff". Gauweiler hat sich gestritten, vertragen und wieder gestritten. Den Einfallsreichtum eines verschlagenen Gegners empfand er als Kompliment.

Für die Freude am Kräftemessen kann man ihn missachten, weil darin auch viel destruktive Energie zirkuliert. Man kann ihn für den Kampfgeist aber auch bewundern, weil sich seine Energie aus einer Quelle speist, die so existenziell ist wie der Schauplatz, dem sie zugutekommt – das Kraftfeld demokratischer Politik.

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