Das war meine Rettung Thea Dorn

Nach dem Tod ihrer Mutter beschäftigte sich die Autorin Thea Dorn intensiv mit der Sterblichkeit. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 15/2016

ZEITmagazin: Frau Dorn, haben Sie eine Lieblings-Rettergestalt in der Literatur?

Thea Dorn: Ohne Pippi Langstrumpf wäre meine Kindheit wohl schwieriger gewesen. Es gibt Fotos, auf denen ich mit Ringelsocken, Zöpfen und Kittelschürzchen rumrenne. Bei der Einschulung wollte ich nicht einsehen, dass ich etwas Normales anziehen muss.

ZEITmagazin: Was mögen Sie an Pippi als Retterin?

Dorn: Ich mochte jedenfalls nie Prinzessinnenmärchen, in denen die Holde im Turm darauf wartet, dass ihr Prinz angeritten kommt. Aber vielleicht sollten wir erst mal definieren, was Rettung ist. Als Hobby-Alpinistin würde ich sagen: Retter sind konkrete Lebensretter, zum Beispiel die Bergwacht. Philosophisch betrachtet ist das komplizierter. Wirklich "gerettet" kann man sich im Leben nur fühlen, wenn man religiös ist.

ZEITmagazin: Rettung im Sinne von Erlösung: Glauben Sie daran?

Dorn: Der Christ sagt: "Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand." Diese Gläubigkeit kenne ich persönlich nicht, dennoch halte ich mich für metaphysisch empfindlich. In der Pubertät war ich süchtig nach Wagner-Opern. Ich hörte an einem Wochenende den Ring komplett durch, vierzehneinhalb Stunden. Erstaunlich, dass meine Eltern mich nicht zum Therapeuten geschickt haben.

ZEITmagazin: Ihr neuer Roman handelt von der Unsterblichkeit. Warum?

Dorn: Weil viele von uns in der westlichen Welt sehr spät mit dem Thema Tod konfrontiert werden, sodass wir uns erstaunlich lange unsterblich fühlen. Als meine Mutter starb, war ich 37. Zum ersten Mal spürte ich, was Vergänglichkeit wirklich bedeutet. Ich war aber so ungeübt im Umgang mit dem Tod, dass ich mir völlig machtlos und überwältigt vorkam.

ZEITmagazin: Haben Sie deshalb über eine Naturwissenschaftlerin geschrieben, die die Sterblichkeit abschaffen will?

Dorn: Mich hat es eher entsetzt, bei meinen Recherchen zu erfahren, wie ernsthaft diese Forschung betrieben wird. Die Molekularbiologin und Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn zum Beispiel ist überzeugt, dass wir demnächst 500 werden können.

ZEITmagazin: Was stört Sie an der Aussicht, 500 zu werden?

Dorn: Johanna, die Humangenetikerin in meinem Roman, ist der Ansicht, dass der Tod eine sinnlose Demütigung des stolzen, selbstbestimmten Individuums darstellt. Würde ich diese Position nicht nachvollziehen können, hätte ich diese Figur nicht schreiben können. Dennoch ist mein Herz eher bei der zweiten Hauptfigur, dem Physiker Johann Wilhelm Ritter, den ich seit 240 Jahren über die Erde geistern lasse und der Johanna vor Augen führt, welch ein Fluch Unsterblichkeit in Wahrheit ist.

ZEITmagazin: Aber nochmals die Frage: warum nicht 500 werden?

Dorn: Ich glaube, dass wir einen weiteren Verlust an Vitalität und Kreativität erleben werden, wenn wir den Tod noch mehr zurückdrängen und uns manisch ans Diesseits klammern. Sind wir nicht jetzt schon Tag und Nacht damit beschäftigt, unsere leibliche Existenz zu sichern, anstatt uns lustvoll und mutig zu verausgaben?

ZEITmagazin: War Ihr Roman auch eine Reaktion auf den Tod Ihrer Mutter?

Dorn: Nicht in dem Sinne, dass ich beim Schreiben ständig an sie gedacht hätte. Aber ihr Sterben hat in mir einen Schmerz hinterlassen, ohne den ich dieses Buch nicht hätte schreiben können. Deshalb habe ich es ihr auch gewidmet.

ZEITmagazin: Darf ich fragen, wie Sie die erste Trauerzeit überstanden haben?

Dorn: Zuerst gab es die Phase operativer Hektik, ich habe wie eine Schlafwandlerin funktioniert, doch irgendwann kam ein Moment wie im Cartoon: Die Figur rennt über die Klippe hinaus und in der Luft weiter; erst als sie runterguckt, merkt sie, huch, ich hänge im Nichts. Dann stürzt sie ab.

ZEITmagazin: Wie haben Sie überlebt?

Dorn: Indem ich mir zugestand: Du darfst abstürzen. Du musst nicht so tun, als wäre alles okay. Du legst dich jetzt ins Bett und weinst, anstatt dich zu irgendwelchen Veranstaltungen zu schleppen.

ZEITmagazin: Das klingt nicht unbedingt nach einer Rettung.

Dorn: Sehr geholfen hat mir, dass wir meine Mutter nicht einfach in einem Reihengrab bestattet haben, sondern mit ihrer Urne in die Bretagne gereist sind, wo unsere Familie viele glückliche Sommer verbracht hatte. Es war, als würden wir ihre Geschichte damit würdig zu Ende erzählen. Da ich nur mit halbem Herzen ans ewige Leben glaube, weiß ich nicht, ob sie diese Reise selbst noch mitbekommen hat. Für uns jedenfalls war es ein sehr tröstliches Ritual.

Das Gespräch führte Evelyn Finger. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Keinen natürlich Tod sterben zu müssen, heißt nicht, unverwundbar zu sein. Wir sind heute schon im Kontrollwahn gefangen, Ernährung, Fitness, Vermögensaufbau ..., weil wir immer älter werden. Aber ein Restrisiko bleibt und es wird im Wesentlichen als äußerer Einfluss verstanden. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen, der "kapitalistischen Leistungsgesellschaft ", könnte Unsterblichkeit ein echter Albtraum werden. Das ist nur ein kleiner Teilaspekt.

Thea Dorns neues Buch hat mir insgesamt doch gefallen, auch wenn es ab der Mitte deutlich abnimmt, ab der Stelle an der die Hauptfigur saemtliche Rationalitaet aus dem Fenster wirft. Von da an ging es leider bergab.

Aber der ungewoehnliche, anachronistische Erzaehlsil/Erzaehler machen doch einiges wieder wett.

Ich persoenlich bin ja eher auf Seiten der Transhumanisten, wobei es wohl zwei gegenlaeufige Konsequenzen haette: Je weniger die Sterblichkeit ein Thema ist, desto mehr kann man sich auf das Leben stuerzen ohne die Konsequenzen zu fuerchten und somit sich leichter dem Hedonismus hingeben. Auf der anderen Seite gewinnt das Leben mit zunehmender Lebensdauer auch an Wert und die Menschen wuerden somit extra vorsichtig damit umgehen, denn sie haben mehr zu verlieren. Diese zweite Dynamik kann man heute z.B. in Afrika sehen: Dort wo aufgrund von Malaria-Verbreitung eine allgemein niedrige Lebenserwartung herrscht sind auch AIDS Erkrankungen sehr viel haeufiger als in Nachbarregionen mit hoeherer Lebenserwartung. Die Menschen beugen eben weniger vor wenn sie ohnehin nicht alt werden.