Das war meine Rettung "Lange Zeit war ich gegen alles Deutsche"

Als Roland Dumas vor den Nazis floh, besorgte ein jüdischer Freund ihm Geld und falsche Papiere. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 16/2016

ZEITmagazin: Herr Dumas, Sie waren einer der Unterzeichner des Zwei-plus-Vier-Vertrags, der die Wiedervereinigung Deutschlands ermöglicht hat. Und das trotz Ihrer grausamen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg.

Roland Dumas: Lange Zeit war ich gegen alles Deutsche. Mein Vater war in der Résistance aktiv. 1944 wurde er kurz vor Kriegsende von der Gestapo verhaftet und unter dem Vorwurf erschossen, Juden versteckt zu haben. Ich musste dann seine Leiche identifizieren. Jede Nacht träume ich noch von ihm. Ich war ebenfalls im Widerstand. 1942 erfuhren wir, dass die Berliner Philharmoniker nach Lyon kamen, um die Besatzer zu unterhalten, und wir versuchten, alle Tickets aufzukaufen. Als die Deutschen das merkten, haben sie uns verhaftet und in eine halb verfallene Festung gesperrt. Um nicht zu erfrieren, durften wir im Wald Holz sammeln. Es gab nur zwei Wachen, und da bin ich einfach losgerannt. Am Bahnhof sprang ich auf einen Zug auf. Der Schaffner sagte zu mir: "Wenn ich zurückkomme, will ich dein Ticket sehen." Anständigerweise kam er nicht wieder. Ein befreundeter Jude besorgte mir dann falsche Papiere und Geld. Mit seiner Hilfe konnte ich nach Paris fliehen. Er sagte: Roland, du musst auf deinen Vater aufpassen, er ist ein Held. Vielleicht hat er mich deshalb gerettet.

ZEITmagazin: Was hat Ihre Einstellung den Deutschen gegenüber geändert?

Dumas: 1983 lernte ich Hans-Dietrich Genscher kennen. Er wusste, was mir und meinem Vater widerfahren war, und war sehr herzlich und offen mir gegenüber. Und er überzeugte mich, nicht in der Vergangenheit zu verharren. François Mitterrand hatte mich gerade zum Europaminister ernannt; das war ein guter Zeitpunkt, neu anzufangen. Tief in mir war ich immer noch misstrauisch und wachsam. Aber ich habe beschlossen, dass es an der Zeit war, den wahren Deutschen wiederzuentdecken. Ich hatte bereits in der Schule Deutschunterricht, und die deutsche Musik und Literatur waren mir immer sehr nahe. Wenn ich als kleiner Junge von Franz Lehár Dein ist mein ganzes Herz sang, lobten alle meine tolle Stimme.

ZEITmagazin: Sie überlegten ja auch, Opernsänger zu werden.

Dumas: Nach dem Krieg verliebte ich mich in eine Opernsängerin und begann, Gesangsunterricht zu nehmen. Aber dann entschied ich mich, Jura zu studieren. Ich wollte einen seriösen Lebensunterhalt haben. Aber ich blieb der Oper und den schönen Frauen treu. Ich war auch oft bei den Festspielen in Bayreuth.

ZEITmagazin: Als Anwalt waren Sie sehr erfolgreich, galten aber auch als skrupellos.

Dumas: Recht ist eine Sache, Moral die andere. In manchen Situationen stimmen die beiden nicht überein. Sehen Sie, ich war ein schüchternes, wohlerzogenes Kind und immer Klassenbester, und dann war auf einmal Krieg, mein Vater wurde hingerichtet und mein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Um zu überleben, akzeptiert man die neuen Regeln und spielt das Spiel mit.

ZEITmagazin: Für uns Deutsche sind Sie eine schillernde Persönlichkeit mit Skandalen und Affären.

Dumas: Diese Einstellung ist ein Überbleibsel aus dem Krieg. Genieße jeden Moment, als wäre es dein letzter! Ich habe immer schon junge und schöne Frauen geliebt. So lebe ich mein Leben. Andere lesen solche Geschichten lieber in der Zeitung.

ZEITmagazin: In der Affäre um Elf Aquitaine wurden Sie in erster Instanz wegen Bestechung verurteilt.

Dumas: Ja, das war ein Skandal. Und ungerecht. Ich war unschuldig. Im Berufungsverfahren wurde ich auch freigesprochen.

ZEITmagazin: Was fanden Sie spannender: Recht oder Politik?

Dumas: Ich hatte viele berühmte Klienten, wie Jean-Paul Sartre oder Picasso. Er wollte verhindern, dass sein Gemälde Guernica nach Spanien zurückkehrt, solange der Diktator Franco am Leben und das Land nicht frei war. Und er setzte mich ein, um allein zu entscheiden, wann diese Bedingungen erfüllt seien. Dennoch sind Politik und der Geruch der Macht faszinierender. Das Gefühl, dass man politische Geschichte mitschreibt. Und solche Gespräche mit Menschen wie Gorbatschow und Genscher hat. Gemeinsam haben wir das neue Deutschland erschaffen.

ZEITmagazin: Gibt es etwas, was Sie bereuen? Oder halten Sie es mit Édith Piaf?

Dumas: Ich bedauere, dass mein Vater ermordet wurde.

ZEITmagazin: Und Ihre Skandale und Affären?

Dumas: In 100 Jahren wird sich niemand mehr daran erinnern.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Er würde Ihnen vielleicht antworten, daß er das lebt, worüber andere nur in der Zeitung lesen. Ein beachtliches Selbstbild, nicht gerade bescheiden.

Ich muß sagen, daß es mich mehr als irritiert, wenn Leute "das neue Deutschland" entwerfen, die von sich denken: "Dennoch sind Politik und der Geruch der Macht faszinierender. Das Gefühl, dass man politische Geschichte mitschreibt. Und solche Gespräche mit Menschen wie Gorbatschow und Genscher hat. Gemeinsam haben wir das neue Deutschland erschaffen." Wer ist dieser Mann, daß er sich anmaßt "das neue Deutschland erschaffen" zu haben?

Es mutet seltsam an, wenn ein Sozialist Ressentiments gegen Nationalitäten oder Ethnien gepflegt hat.
Kern linken Denkens ist doch gerade, dass die Unterschiede nicht zwischen "Völkern" bestehen, sondern zwischen oben und unten. Oder noch radikaler: dass es so etwas wie Nationalitäten und Ethnien eigentlich gar nicht gibt, dass das nur künstliche Konstrukte seien.
Aber vielleicht gibt es ja Unterschiede zwischen deutschen und französischen Vorstellungen von Sozialismus.

Muss man wirklich erklären, dass es für Franzosen während der Besetzung durch die Nazis extrem schwierig war, die Deutschen nicht mit Nazis gleichzusetzen? Die Oppositionellen in Dld. war mundtot gemacht oder in KZs, die Liebe zu Hitler überwältigend - und da meinen Sie ein Opfer des Nazi-Terrors belehren zu können?

Ignoranz Hilfsausdruck.