Unter Strom Dreidimensionales Austoben

© S. Siedle & Söhne
ZEITmagazin Nr. 18/2016

Schließen Sie mal die Augen, und denken Sie an Ihre Gegensprechanlage. Erscheint ein Bild? Welche Gefühle löst es in Ihnen aus? Kein Bild, keine Gefühle? Sie wissen nicht mal, wie die Anlage überhaupt aussieht? Das spricht dafür, dass Sie ein ganz normaler Mensch sind und kein Grafiker. Es gibt ja ein Grafiker-Klischee, das stimmt: Da wir beruflich immer nur zweidimensional gestalten dürfen, toben wir uns privat im dreidimensionalen Raum unserer Wohnungen total aus. Alles durchgestylt bis ins letzte Detail. Bei mir hielt sich das eigentlich immer in Grenzen. Bis zu der Sache mit der Gegensprechanlage.

Ich bin, und dieser Satz ist mir etwas unangenehm, mit meiner Gegensprechanlage einfach nicht warm geworden. Sie sah aus wie ein Babyfon. Weißes Plastik, mit einem blauen Sprechknopf in Hundeknochen-Form. Ich wohne im Erdgeschoss, bei mir klingeln Paketboten gern, damit sie nicht die Treppen hochlaufen müssen. Es klingelt also oft: Erst die Boten, dann die Nachbarn. Jedes Mal, wenn ich das Gerät bedienen musste, schrie mich sein Design förmlich an. Ja, das ist eine alberne berufsbedingte Neurose. Aber es lief zwischen uns beiden einfach nicht.

Meine neue ist nun von der gleichen Firma, sieht aber ganz anders aus. Rechteckig, mit einem Raster aus kleinen Löchern für den Lautsprecher und nur zwei schlichten Knöpfen. Einfacher gehts nicht, und billiger als die alte Anlage ist sie auch. Ich freu mich jetzt immer, wenn es klingelt. Den Klingelton kann man übrigens aus elf Tönen auswählen. Wie meiner klingt? Keine Ahnung. Ich hab einfach den erstbesten genommen. Soll ja Leute geben, die da wählerisch sind. Komische Typen.

Technische Daten

Freisprechanlage Basic von Siedle; über das Elektrohandwerk erhältlich; 79 x 133 x 23 mm; Preis: ca. 85 Euro

Mirko Borsche, Creative Director des ZEITmagazins, schreibt jede Woche die Kolumne "Unter Strom"

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