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Das war meine Rettung "Sex ist Leben"

Die Schriftstellerin Erica Jong verdankt ihren Erfolg dem Analytiker Alexander Mitscherlich. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 19/2016

ZEITmagazin: Frau Jong, warum ist Sex auch in Ihrem neuen Buch "Angst vorm Sterben" das zentrale Thema?

Erica Jong: Sex ist Leben, und die sexuelle Kraft ist Lebensstärke. In jeder Lebensphase kommt sie anders zum Ausdruck, aber es ist wichtig, dass du dir deiner Fantasien bewusst bist. Du musst sie nicht alle ausleben, aber letztlich bleiben sie ein Teil von dir, immer.

ZEITmagazin: Sie sind zum vierten Mal verheiratet. Wie unterscheidet sich diese Ehe von den früheren?

Jong: Diese Ehe ist ganz anders. Wir haben das gleiche Alter. Mein Mann ist sehr lustig und sehr schlau, er liest viel, und er kann mich zum Lachen bringen wie niemand sonst auf dieser Welt – und das seit 27 Jahren. Es ist die längste und innigste meiner Ehen.

ZEITmagazin: Was schwebte Ihnen vor, als Sie zum ersten Mal heirateten?

Jong: Ich wollte weg von meiner Mutter und meiner älteren Schwester. Ich wollte unabhängig sein, das habe ich aber zunächst nicht alleine geschafft. Ich war 22 und ein Baby. Ich heiratete mein Sweetheart auf dem College. Er war der gescheiteste Mann, den ich je getroffen hatte. Er war Historiker für mittelalterliche Geschichte und wurde eines Tages verrückt. Er erlitt einen schizophrenen Zusammenbruch, den ich in meinem Roman Angst vorm Fliegen beschreibe. Dann habe ich den Psychiater Dr. Jong geheiratet, ich dachte, das würde mich vor dem Verrücktwerden schützen. Aber das hat es natürlich nicht.

ZEITmagazin: Was hat Ihnen wirklich gegen das Verrücktwerden geholfen?

Jong: Mein Mann arbeitete als Psychiater während des Vietnamkrieges in der Armee, und so kamen wir nach Heidelberg. Damals hatte ich das Glück, bei dem großen Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich in Therapie zu sein. Er war brillant. Die drei Jahre in Heidelberg und die Pendelfahrten zum Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt haben mir so sehr geholfen, dass es mir für immer besser geht. Ich hatte viele Ängste, mich zu offenbaren, in Konkurrenz zu meiner Mutter, einer Künstlerin, zu treten. Es war diese Therapie, die mich befreit hat.

ZEITmagazin: Wovon hat Sie die Therapie befreit?

Jong: Vor der Angst, zu schreiben, vor der Angst vor Selbstentblößung und Kritik. Mit dem Erfolg kam immense Kritik, denn ich habe damals als Schriftstellerin viele Regeln gebrochen. Und ich habe das irgendwie überstanden. Die Therapie hat mich ermutigt, das zu tun. Ohne meine Therapie wäre keins meiner Bücher möglich gewesen.

ZEITmagazin: Haben Sie sich etwa, bevor Sie Mitscherlich trafen, selbst zensiert?

Jong: Ich fürchtete mich vor dem, was ich geschrieben habe, weil es radikal war. Für Frauen waren diese Gefühle verboten. Frauen sollten nicht so denken, aber wir tun es. Wenn du einen Analytiker hast, der dir gewachsen ist, kommt ein Prozess in Gang, und du sprichst über deine Träume und Ängste. Mitscherlich ließ mich verstehen, dass mein Unbehagen, mich zu öffnen, ein Teil von mir ist. Ich verstand, dass ich mich nicht selbst zensieren darf, wenn ich Bücher schreiben möchte.

ZEITmagazin: Wie lange waren Sie in Therapie?

Jong: Von 1966 bis 1969. Es war in der Zeit, als ich begann, Angst vorm Fliegen zu schreiben, das Buch erschien 1973. Die Therapie war schmerzhaft. Mitscherlich hat mir zu verstehen gegeben, dass ich eine Künstlerin bin und meine Ängste als Triebfeder begreifen sollte. Ich kann nicht erklären, wie er das gemacht hat, aber ich verdanke es ihm, dass ich frei war zu schreiben. Es wird allerdings niemals leichter, jedes Buch ist ein Kampf, aber jetzt weiß ich, was auf mich zukommt.

ZEITmagazin: Wie hat Ihre Familie auf Ihre Bücher reagiert?

Jong: Ich sage meinen Studenten immer: Zeigt eurer Familie niemals ein Manuskript, denn dann werdet ihr es nie zu Ende bringen. Wer sind die Kritiker, die wir am meisten fürchten? Es ist die eigene Familie, wirklich. Bei mir hasste sie, was ich schrieb, dass ich als Frau sexuelle Wünsche offenbare. Das ist ein Tabu. Besonders wenn man es direkt und humorvoll formuliert. Ich wusste aber immer, dass ich die Wahrheit erzählen muss.

ZEITmagazin: Werden Sie zum Objekt der Leserfantasie, wenn Leser Ihre Charaktere mit Ihrer Person verwechseln?

Jong: Immer. Die Menschen möchten mir nahe sein, sie denken, ich bin die aus den Büchern – ich finde das suspekt. Die Menschen denken, was in den Büchern steht, ist das reale Leben. Einer der Gründe, warum ich mich in meinen Mann Ken verliebt habe, ist, dass er wusste, dass ich nicht die fiktive Figur in meinem Buch bin.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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Wider den täglichen Sexismus

"Berühmt wurde sie mit Angst vorm Fliegen, einem Klassiker der weiblichen erotischen Literatur." "Angst vorm Fliegen" ist ein Klassiker der erotischen Literatur. Dieses künstliche, die Intelligenz beleidigende Trennen von Literatur in "richtige" und "Frauenliteratur" ist so peinlich. Man hört doch auch nie vom "Männerroman" oder "klassischer männlicher erotischer Literatur", weil das total bescheuert wäre.

@Redaktion: Bitte schenken Sie sich doch das Adjektiv weiblich im Zusammenhang mit Literatur, ganz gleich, ob erotisch oder nicht.

Ich sehe es nicht als Trennung zwischen "richtiger Literautur" und "Frauenliteratur".
Frauenliteratur hat sich eher zu nem vollkommen eigenem Genre erhoben. Die Bücher sind dann häufig auf einen Großteil der zu erwartenden weiblichen Kundschaft ausgerichtet.

Wobei ich es auch dämlich finde, dass es solche Zusätze bei Frauen immer gibt. Als seien Frauen besonders wichtig, dass man besonders stark auf ihre Bedürfnisse eingehen muss (Genauso bei Steam der extra Tag "weiblicher Darsteller" und der fehlende Gegenpart "männlicher Darsteller", oder extra Filmpreise für "weibliche Hauptdarsteller" und keine extra Preise für "männliche Hauptdarsteller"....)
Diese Bevormundung kann da tatsächlich einem auf den Nerv gehen.