Harald Martenstein Über sexistische Werbung

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ZEITmagazin Nr. 19/2016

Der Justizminister möchte ein neues Gesetz. Es soll verbieten, dass Frauen oder Männer in der Werbung auf Sexualobjekte reduziert werden. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn in der Autowerbung ein Model im Bikini auf der Motorhaube sitzt. Ob ein knackiger junger Typ, der eine Unterhose vorführt, unter das neue Verbot fällt, weiß ich nicht. Einerseits kann man ja für Unterhosen nur Werbung machen, indem man die Unterhose bei der Ausübung ihrer Unterhosenpflicht zeigt. Andererseits kann mir keiner erzählen, es sei Zufall, dass die Unterhosenmodels immer so knackig aussehen. Da wird doch an niedere Instinkte appelliert. Vielleicht kriegen, wenn das Verbot kommt, Männer mit meiner Figur eine zweite berufliche Chance, als unsexistisches Unterhosenmodel.

Es wird wahnsinnig schwierig sein, in der Praxis zu entscheiden, ab wann eine Person in der Werbung nur noch als Sexualobjekt dargestellt wird. Nehmen wir mal an, die Frau, die im Bikini auf der Motorhaube sitzt, trägt eine Brille. Damit wird doch zeichensprachlich signalisiert, dass dies eine intelligente Frau ist, womöglich sogar eine ZEIT-Leserin. Als Werber würde ich sagen: "Den Prozess gewinnen wir. Lasst sie auch noch das Bikini-Oberteil ausziehen, und gebt ihr Hegels Phänomenologie des Geistes in die Hand. Eine Frau, die Hegel liest, kann kein reines Sexualobjekt sein, da gehen wir bis zum Bundesgerichtshof."

Unsere Gesellschaft ist von Widersprüchen geprägt, das fällt mir immer wieder auf. Zum Beispiel sagen fast alle, dass man einen ausländischen Politiker in künstlerisch-satirischem Zusammenhang ruhig einen "Ziegenficker" nennen darf. Auch ich tendiere zu dieser Ansicht. Man dürfte den gleichen Politiker, sagen wir ruhig Erdoğan, aber in Zukunft auf gar keinen Fall als Sexualobjekt zeigen. Wenn das türkische Tourismusbüro in seinen Anzeigen ein Bild des Präsidenten verwendet, darf Erdoğan auf keinen Fall sexy wirken. Eine Ziege dürfen sie zeigen, Tiere kommen in dem Antisexismusprojekt des Justizministers nicht vor. Eigentlich ist das tierfeindlich, man merkt, dass die Grünen nicht mitregieren.

Was ist eigentlich, wenn die Firmen in Zukunft ihre Werbung von Künstlern gestalten lassen? Die Kunst ist ja frei. Ich habe im Theater mehrfach nackte Menschen auf der Bühne gesehen, die Dinge taten, die der gelebten Sexualität recht nahe kamen. Wenn auf einem Plakat ein Foto aus einer Inszenierung zu sehen ist, mit zwei gut aussehenden, nackten Schauspielern, und das Ganze war sogar zum Theatertreffen eingeladen, unter dem Foto aber steht: "Mit Fritz-Cola macht es noch mehr Spaß", was dann? Eine andere Gesetzeslücke betrifft die Schuhfetischisten. Nicht wenige Menschen werden durch den Anblick von Füßen, die in Schuhen stecken, in sexuelle Raserei versetzt. Die inneren Werte des Schuhträgers sind dem Schuhfetischisten in diesem Moment, vermute ich, völlig egal. Die Menschen, die in der Werbung Schuhe vorführen, sind der dumpfen Schaulust der Betrachter doch ebenso schutzlos ausgeliefert wie die Ziegen in der Tourismuswerbung.

Es ist eine traurige Tatsache, dass sogar in der Sexualität selbst die Menschen sich manchmal gegenseitig auf das Sexuelle reduzieren. Es gibt Momente, da haben sie nur das im Kopf und nicht den anderen Menschen in seiner, nicht selten vorhandenen, Komplexität. Hinterher lesen sie dann vielleicht gemeinsam Hegel, aber das, was vorher geschah, war in einer Weise würde-, geschmack- und niveaulos, dass ich mich wundere, wieso der Justizminister dies zulässt. Nun, er ist ja noch eine Weile im Amt und hat jede Menge Ideen.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Sexismus in der Werbung komplett zu negieren, wäre falsch. Allerdings ist das Problem wohl kein akutes. Ein Blick auf die HP des dt. Werberats zeigt, dass 96% der Unternehmen die Werbung zurücknehmen oder verändern und es lediglich in 4% der Fälle zu einer öffentlichen Rüge kommt. Da frage ich mich, ob Herr Maas derzeit keine dringenderen Probleme hat.

Kleine Anmerkung: ich denke nicht, daß diese Gesetzesidee von "Ultra-Feministinnen" stammt, viele Feministinnen sind eher der Ansicht, daß die Sexualität und Nacktheit des weiblichen Körpers entskandalisiert werden sollte. Perversion entsteht im Auge des Betrachters. Sexismus ebenso. Insofern stammt diese Idee wohl eher von Männern, die Frauen tatsächlich nur als Sexobjekte sehen, sich dafür aber selbst hassen.