Ich habe einen Traum Idil Baydar

"Menschenrechte sind voll Bombe. Verstehst du, Kollega?"
ZEITmagazin Nr. 19/2016

Ich träume davon, dass wir Wörter wie Ausländer, Migranten, Flüchtlinge oder "nordafrikanisch aussehend" nicht mehr brauchen und gebrauchen. Manchmal möchte die Jilet in mir pöbeln, dass die Kartoffeln dieser Welt mal die Fresse halten sollten. Plötzlich wäre dann kein Kind dumm, nur weil es eine andere Muttersprache, eine andere Hautfarbe oder einen anderen Lebenslauf hat. Als ich jahrelang in einem Jugendzentrum arbeitete, habe ich erlebt, wie die Kids auf Wertschätzung reagieren: mit Wertschätzung. Sie haben härter an sich gearbeitet, weil ich sie nie belogen habe. Ich habe nie Sätze gesagt wie: Du musst nur fleißig sein, dich integrieren, dann schaffst du es!

Idil Baydar (alias Jilet Ayse)

41, ist in Celle geboren. Als Schauspielerin wurde sie bekannt durch ihre Kunstfigur Jilet Ayse, eine junge Türkin aus Kreuzberg. Als Gerda Greschke, ein weiteres Alter Ego von ihr, würde sie bei Pegida-Demos mitlaufen, wenn sie nicht so Rücken hätte. Zurzeit ist Baydar mit ihrem Bühnenprogramm auf Tour

Mein Traum ist, dass wir aufhören, uns was vorzumachen. Stattdessen sollten wir den jungen Menschen endlich mehr Respekt, Anerkennung und Aufmerksamkeit schenken. Das nennt man empowerment, ist voll geil, bei den meisten Deutschen aber noch nicht so bekannt. Valla haram Almanya, ich schwör, das geht so nicht, Deutschland!

Seit ich als Jilet Ayse auftrete, habe ich mir einen anderen Traum erfüllt: Ich spiele den Integrationsalbtraum und zeige dem Publikum, wie wir die Sache sehen. Die meisten Kartoffeln nehmen uns sowieso nicht ernst, dann kann ich mich auch im goldenen Jogginganzug und mit Ghetto-Frisur hinstellen und ein paar Wahrheiten laut und verständlich erklären. Also hör zu! Oder ich hau dir – BÄM – auf die Fresse! Menschenrechte sind, wie empowerment, auch voll Bombe. Verstehst du, Kollega? Wenn wir sie ernst nehmen würden, egal welches Geschlecht, welche Religion oder sexuelle Ausrichtung jemand hat, wenn die Menschenrechte ausnahmslos für alle auf der Welt gelten würden: Wow, das wäre total cool. Ich schwöre, das würde sich für alle lohnen.


Manchmal schaffen wir uns unsere eigenen Dämonen. Ich wünsche mir, dass wir damit aufhören. Ich war in Mathe immer schlecht, aber ich weiß, dass die Statistik mir recht gibt: Nicht alle Migranten sind Integrationsverweigerer, Verbrecher, Grabscher, und nicht alle Deutschen sind Feministen, Pazifisten, Engel. Ich muss mich nicht mal als Jilet Ayse verkleiden, um von euch diesen Minus-Blick zu kriegen. Was soll das? Es macht dann ztztztztz, und schon liegen wir Kanaken zuckend auf dem Boden. Hört auf damit! Valla! Tut weh!

Deutschland, wir müssen reden! Ich träume von dir. Jede Nacht. Manchmal sind es Albträume, manchmal aber auch schöne Träume, zum Beispiel davon, dass du so Veranstaltungen wie die von Pegida nicht mehr genehmigst. Verstehst du? Nein, du nix verstehen? Die Jilet in mir würde sagen: Okay, ich sprechen mit dir langsam und deutlich. Pegida darf spazieren bis nach Germania und zurück, aber bitte, bitte nicht bestimmen, wie wir, die Mehrheit in diesem schönen Land, miteinander leben sollen. Deutschland, jetzt machst du AfD, Obergrenzen und so. Ich haben aber Lösung! Wir machen mit dir Willkommenskültür-Workshop, voll Bombe, valla! Chill mal dein Leben, Deutschland! Dann läuft auch bei dir.

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Kommentare

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Von Ausländer zu Ausländer: So nicht. Erstens bezeichnet man nicht Menschen aufgrund ihrer Herkunft als Objekte, das gilt auch für Deutsche. Zweitens muss man sich Respekt und Achtung verdiene. Insbesondere als junger Mensch hat man noch rein gar nichts erreicht oder geleistet und hat somit erstmal keine Ansrpüche zu stellen. Zweitens sind Wörter wie "Migrant" oder "nordafrikanisch aussehend" absolut wertfrei, sondern reine Tatsachenbeschreibungen, so wie "rothaarig" oder "linkshändig". Und doch, genau das, was sie den jungen Menschen verschwiegen haben, ist der Weg zum Erfolg: hart arbeiten, sich anstrengen, besser sein als der Durchschnitt. So haben meine Eltern und ich uns von ganz unten nach relativ weit oben gearbeitet. Was Sie hier predigen ist genau die Anspruchshaltung, die ins Elend führt.