Fernseher Wir bleiben dran

ZEITmagazin Nr. 20/2016
Alle behaupten: Das klassische Fernsehen ist am Ende. Die Zahlen zeigen ein anderes Bild. Ein Blick in deutsche Wohnzimmer Von

Wäre Bill Gates ein Prophet, mit dem Fernsehen müsste es seit vier Jahren vorbei sein. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2007 erklärte er seinen Zuhörern, weshalb das Fernsehen fünf Jahre später tot sein werde. Es sei einfach zu umständlich, zu frustrierend, nie sehe man das, was man eigentlich gerade sehen wolle. Das Internet, klar, könne das besser. Es klang einleuchtend.

Im Jahr vier nach dem vorhergesagten Tod geht es dem Fernsehen: so weit sehr gut. Die Deutschen schauen nicht weniger fern als vor der Geburt des Internets, sondern mehr. In deutschen Wohnungen stehen nicht weniger Fernseher, sondern mehr. Zuletzt stieg die Quote der Haushalte, die einen Fernseher haben, noch mal von beachtlichen 97,5 auf noch einen Tick beachtlichere 97,9 Prozent. Auch die Werbeeinnahmen fallen nicht, sie steigen. Und die Stiftung Warentest erteilt die Auskunft, dass im vorigen Jahr Tests für zwei Produkte besonders begehrt waren: für Matratzen und für Fernseher. Sehr gut schlafen und sehr gut fernsehen, das scheint den Deutschen besonders wichtig zu sein. Nicht ganz so wichtig: Tablets, Laptops, Smartphones.

Festnetztelefone, Stereoanlagen, sie sind in ihrer Existenz in den Wohnungen bedroht. Der Fernseher aber hat seinen circa 1955 eroberten Platz im Wohnzimmerzentrum bewahrt, er sieht auch noch so ähnlich aus wie damals, nur dass er flach geworden ist. Die neuen Fernsehgeräte können sich zwar mit dem Internet verbinden, aber davon macht, das ist untersucht, weniger als jeder zehnte Besitzer in Deutschland Gebrauch. Die Stiftung Warentest riet vor einiger Zeit ihren Lesern, aus Gründen des Datenschutzes die internetfähigen Fernseher ohne Internet zu betreiben, ein Tipp, der, beträfe er das Smartphone, für Erheiterung sorgen würde.

Alan Wolk, ein amerikanischer Sachbuchautor, der ein Blog unterhält und ein Buch über die Zukunft des Fernsehens geschrieben hat, macht sich in seinem Buch lustig über andere Medienexperten, die fast ausnahmslos behaupten, Leute unter 20 wollten ja gar keine großen Fernseher mehr, alles spiele sich für sie auf dem iPad ab. Er nennt es den "Teenager gucken nur noch mit dem iPad fern"-Mythos. Alan Wolk ist sich sicher, dass die nur dann auf dem iPad gucken, wenn der große Fernseher von den Eltern belegt ist. Hat man das Geld und die eigene Wohnung, kauft man sich so einen Wohnzimmerriesen. Diese Theorie würde die 97,9 Prozent Fernsehbesitz erklären.

Im vorigen Jahr verbrachte der Mensch ab 14 Jahren in Deutschland im Durchschnitt drei Stunden und 28 Minuten vor dem Fernseher. Pro Tag. Diese Zahlen stammen von der ARD/ZDF-Langzeitstudie, einer Umfrage (weshalb die Zahlen nicht auf die Minute genau zu nehmen sind). War ein Konsum von rund zwei Stunden im Jahr 1985 schon erstaunlich, so erscheinen rund dreieinhalb im Jahr 2015 unglaublich. Dreieinhalb Stunden, das ist ein Großteil der Zeit, die einem zum frei bestimmten Leben bleibt, zieht man von den Stunden eines Tages die Arbeit, den Schlaf, die S-Bahn-Fahrerei und das Geschirrspülen ab.

Und umso unglaublicher erscheint es, dass neben diesen dreieinhalb Stunden klassischen Fernsehens nur sechs Minuten lang per Internet ferngesehen wird, also zum Beispiel gestreamt bei Netflix oder YouTube oder zeitversetzt in der Mediathek. Sechs Minuten. Zwar schauen die Jüngeren zwischen 14 und 29 Jahren weniger fern, nämlich ungefähr zwei Stunden (je nach Studie etwas mehr oder weniger). Aber selbst sie gucken überwiegend klassisch oder, wie das auch heißt, linear. Nur irgendwas zwischen zehn Minuten und einer Viertelstunde verbringen sie mit iTunes, Netflix, Amazon Prime.

Das passt so gar nicht zu dem, was man beim täglichen Small Talk so hört: "Fernsehen guck ich gar nicht mehr" ist fast schon eine Floskel geworden. Fernsehen ist das, was man macht, wenn man nach Hause kommt und einen keiner sieht, außer vielleicht der Mitbewohner – und über das man hinterher nicht spricht. Es erhält wenig soziale Wertschätzung, wer beim Essen mit den Kollegen erzählt, er habe gestern einen tollen Abend gehabt, erst sei ein Fernsehfilm im ZDF gelaufen, dann noch irgendwas auf RTL 2, und diese Doku auf Phoenix, die sei auch gar nicht so schlecht gewesen. Sich als Fernsehkonsument zu outen galt im gebildeten Milieu schon immer als unschick, und jetzt, da sich ja dank des Internetfernsehens und der Mediatheken jeder von der Berieselung befreien könnte, ist es noch ein wenig unschicker geworden. Vielleicht wurde auch deshalb der nahe Tod des Fernsehens so oft verkündet in Zeitungsartikeln, weil man diesen Tod so sehnlich gewünscht hat.

Was gerade in den Wohnzimmern passiert, lässt sich auch als riesiges Experiment verstehen. Zum ersten Mal, weil das Internet ja inzwischen schnell genug ist, kann fast jeder frei entscheiden, ob er, um Filme und Sendungen zu sehen, sich dem Fernsehprogramm unterwirft oder nicht. Das Ergebnis des Experiments, an dem jeden Tag Millionen teilnehmen: Sie unterwerfen sich.

Das kann man schrecklich finden, oder man kann sich fragen: Warum ist das so? Was veranlasst so viele Leute, freiwillig ihr halbes Leben mit dem Fernseher zu verbringen?

Ein erster Grund fürs Weitergucken ist natürlich die Sozialisation. Wer als Kind vorm Fernseher saß und wer seine Eltern fernsehen sah, der wird es wahrscheinlich weiterhin tun. Das gilt für die, die älter sind als 40. Und was ist mit den Jüngeren, den so viel beschriebenen digital natives? Sie sind nicht nur digital natives, sondern auch television natives, denn ihre Eltern haben sie, sehr wahrscheinlich jedenfalls, bevor sie ihren ersten Browser öffnen durften, fernsehen lassen. Ihre Eltern wussten ja, dass im Kinderfernsehen, anders als im Internet, nicht so schnell mit Gewalt und anderer Unbill zu rechnen ist. Und Werbung gibt es bei Kika auch nicht, zur Freude der Eltern. Selbst die digital natives, von denen die Ältesten ja auch schon Mitte 30 sind, setzen ihre Kinder noch vor den Fernseher.

In Berlin, an der Freien Universität, erforschen Martin Emmer und Christian Strippel gerade das Fernsehverhalten der internetaffinen Altersgruppe. Sie haben Probanden, die aktive Twitterer sind, eingeladen, in einem zum Wohnzimmer umgebauten Versuchsraum den Tatort zu sehen. Tatort-Sehen und Twittern ist ein einigermaßen populärer Sonntagssport geworden.

"Second Screen" heißt es, wenn gleichzeitig nicht nur der Fernseher benutzt wird, sondern auch das Smartphone oder der Laptop. Die beiden haben beobachtet, dass die Twitter-Fernsehenden ungefähr im gleichen Maß auf den großen und auf den kleinen Bildschirm schauen. Auf den Fernseher übrigens vor allem dann, wenn im Tatort gerade nichts gesagt wurde und darum das "auditive Fernsehen" nicht funktionierte. Die Hälfte der Aufmerksamkeit gehört also weiter dem Fernseher, der, wenn er stiller wäre, sogar noch mehr davon bekommen könnte. Übrigens kommt in Zuschauerforscherkreisen noch niemand auf die Idee, den Fernseher als den Second Screen zu bezeichnen.

Das Lustige an dem beobachteten Phänomen: Es klappt eigentlich nur, wenn man linear fernsieht, den Tatort und Germany’s next Topmodel ab 20.15 Uhr, Champions League ab 20.45 Uhr, Anne Will ab 21.45 Uhr, weil nur dann die Tweets auf Leser stoßen. So kommt es, dass der Fernsehkonkurrent Twitter der alten Kiste unfreiwillig hilft.

Teresa Naab hat ihre Doktorarbeit über Fernsehgewohnheiten geschrieben. Heute arbeitet sie als Wissenschaftlerin am Institut für Medien der Uni Augsburg. Zu ihrem Thema kam sie, selbst in einem Fernsehhaushalt groß geworden, weil sie sich wunderte, dass Medienwissenschaftler oft von Fernsehgewohnheiten sprachen, ohne genau zu wissen, wie diese aussehen. Sie sagt, sie sei nicht überrascht, dass immer noch so viel linear ferngesehen wird. "Fernsehen ist vor allem ungeheuer effizient. Um es zu tun, muss man extrem wenig Aufwand betreiben. Die meisten entscheiden sich ja zuerst, ob sie fernsehen wollen, und dann erst, was sie sehen wollen. Was man dann guckt, ist manchmal nebensächlich."

Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

"In deutschen Wohnungen stehen nicht weniger Fernseher, sondern mehr. "

Wer hat behauptet, dass die Abkehr von Rundfunk-TV dazu führt, dass die Leute nun vor dem Laptop sitzen? Settopbox a lá Amazon Fire TV an die Glotze angeschlossen, fertig.

Auch halte ich Einschaltquoten nicht mehr für repräsentativ, denn diese sind ein Zirkelschluss - Leute, die von vorneherein kein klassisches TV mehr schauen, werden sich auf Anfrage auch nicht mehr dazu bereit erklären ihre Sehgewohnheiten auswerten zu lassen um daraus Quoten fürs Live TV zu bilden. Das ist ein selbstreferentielles Modell, ein Zirkelschluss eben.

Ich kann nur aus meiner persönlichen Erfahrung berichten - seitdem ich meine Settop Box an Glotze und VDSL Modem habe schaue ich keine "Fernsehsender" mehr. Aus dem ÖR hier und da eine Naturdoku, wobei man sagen muss, dass die BBC trotz ihres kleineren Budgets die deutlich besseren Naturdokus fertigt, die ich mir nur zu gerne bei Netflix und Amazon anschaue und dafür auch gerne bezahle. Den Tatort habe ich schon vor dem Wechsel nicht geschaut und jetzt auch nicht vermisst.

Umso ärgerlicher ist für mich immer die "Rundfunkgebühr", wenn ich mir überlege, was ich für meine ca. 10 € für Netflix bekomme und was zB ein Online-Abo für die Süddeutsche obendrauf im Monat kostet (Qualitätsjournalismus ist, vorsichtig gesagt, in meinen Augen nämlich gerade keine Stärke des ÖR...).

Sehr schöner Artikel.
Sachlich und angenehm leicht zu lesen, informativ und entspannend wie ein Naturfilm über die Tierwelt im Spätsommer in den Pyrenäen...

Fern von den sonst so üblichen Kulturuntergangsszenarien der Wir-amüsieren-uns- zu Tode- Prophezeiungen, finde ich vieles gut und richtig analysiert, z.B.: "Das Fernsehen ist nicht nur das Lagerfeuer der Nation, es ist auch die Sonne der Nation."
Ich glaube es ist heute, in Zeiten des Frühstücksfernsehens, sogar mehr Sonne im Sinne von der Zeit, in welcher die meisten Deutschen gemeinsam dasselbe schauen (nämlich ARD o. ZDF moma ) , als dass es noch jenes Lagerfeuer am Abend wäre, wenn jeder unter den vielen Sendern sein eigenes Programm wählen kann.
Auch wenn ich nicht gerade Fan des ARD/ZDF Frühstücksfernsehen bin, als Einstieg in den Tag gehört es dazu; die Nachrichten, das Wetter, das Neueste in der Politik, und wenn es im Programm manchmal mit einigen Albernheiten überhand nimmt, dann wechsle ich eben zur guten alten BBC.

Selbstauskunft:
Geboren 1956, also in der klassischen Zielgruppe.
Erste Fernsehsendung gesehen um 1968 (Doku aus Südamerika, kurz mit Dampflok.. vage in Erinnerung). Dann jahrzehntelang viel (bis zum Testbild..).
Erinnerung: um 1975 hatte ich einen portablen Batteriefernseher. Auf einer Autobahnfahrt nach Amrum kam Sesame Street (im Original). Wir sind auf den nächsten Parkplatz gefahren, um Kermit the Frog in Ruhe zu schauen.
Mit den späteren Kindern haben wir Eltern Sesamstraße, Sendung mit der Maus... zusammen geschaut, um es dabei/danach zu besprechen.
Nachrichtenprogramm (Westberlin, 1986): heute, Aktuelle Kamera, Tagesschau, zum Vergleich. Und natürlich viele Tatorte und Spielfilme.

Verdammt lang her. Meine letzten "livestream" Fernseherlebnisse waren: 9/11, Katrina, etliche Wahlabende ab 18:00 (erste Hochrechnungen - bei der Elefantenrunde habe ich dann ausgeschaltet).

Ich schaue immer noch TV-Produktionen, aber via YouTube: regelmäßig extra 3, quer vom BR, heute show, Anstalt. Oder manchmal uralte schwarzweiße US-Serien aus den 1950ern.
Meine Rundfunkgebühren nutze ich täglich via Nachrichtenradio (B5 aktuell, nachts ARD Infonacht). Aber live TV ist für mich einfach ein abgeschlossenes Kapitel aus der Vergangenheit, ähnlich wie Telegramme, Telex, Vinylschallplatten, Musikcassetten...

Ein Fernseher ist günstiger pro Zoll als ein TFT. Wer Konsole, HTPC o.ä. für das Wohnzimmer hat, wird natürlich einen Fernseher kaufen auch als digital nativ und nicht alle werden auf "Antenne" verzichten aber es sind schon einige.

Wie man eine ÖR Studie auch nur im Ansatz ernst nehmen soll weiß ich nicht. Immerhin brauchen sie einen Grundlage für ihre Zwangssteuer.