Das war meine Rettung "Wir Musiker therapieren uns selbst"

In den Katakomben von Paris hat der Musiker Jean Michel Jarre seine Klaustrophobie überwunden. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 20/2016

ZEITmagazin: Monsieur Jarre, Ihre Mutter überlebte zwei Konzentrationslager. Sprach sie jemals über ihre Erfahrungen dort?

Jean Michel Jarre: Sie sprach sehr offen darüber. 1941 trat sie der Résistance bei, wo sie eine wichtige Rolle spielte. Sie wurde drei Mal von den Nazis verhaftet. Nach ihrer letzten Flucht schickte man sie zuerst ins berüchtigte Konzentrationslager Ravensbrück. Nach 15 Monaten kam sie ins Konzentrationslager Mauthausen. Sie erzählte über ihren verzweifelten Kampf ums Überleben, über die halb verfaulte Zwiebel, die sie aus der Mülltonne fischte. Einen Teil aß sie, den anderen Teil bewahrte sie auf.

ZEITmagazin: Hasste sie die Deutschen in Anbetracht ihrer verstörenden Erlebnisse?

Jarre: Nein, trotz ihrer persönlichen Tragödie hat sie mir immer gesagt, man solle differenzieren zwischen der Ideologie und den Menschen, zwischen den Nazis und den Deutschen. Ihrem Respekt und ihrer Toleranz verdanke ich, dass diese Werte auch für mich sehr wichtig sind.

ZEITmagazin: Haben diese Erfahrungen Ihre Mutter in irgendeiner Weise beeinträchtigt?

Jarre: Ja, nach dem Krieg war meine Mutter aufgrund ihrer Erlebnisse zum Teil klaustrophobisch. Auf dem Weg nach Ravensbrück wurde ein Bahnhof bombardiert. Die Nazis hinterließen alle Gefangenen zusammengepfercht in den Waggons, viele Menschen starben einen grausamen Erstickungstod. Im Waggon meiner Mutter rasteten die Frauen völlig aus. Meine Mutter hatte in dieser furchtbaren Situation den richtigen Instinkt: Ruhe sei die einzige Chance, zu überleben und nicht zu ersticken. Es gelang ihr so tatsächlich, alle Menschen im Waggon zu retten.

ZEITmagazin: Hat sie einige ihrer Symptome auf Sie übertragen?

Jarre: Ja, als Kind und später auch als Teenager hatte ich Probleme, wenn ich einen Aufzug betrat. Selbst danach war die völlige Dunkelheit in der Nacht etwas, was mich ziemlich beeinträchtigt hat.

ZEITmagazin: Wie haben Sie Ihre Klaustrophobie in den Griff bekommen?

Jarre: Als Erwachsener war ich genervt von diesen beunruhigenden Gefühlen, von Angst und Beklemmung. Letzten Endes habe ich mich selbst geheilt, als ich mit einem Freund in die Katakomben unter Paris abtauchte. Er kannte alle verbotenen Zugänge. Du kannst dort stundenlang laufen und findest sogar Plätze, wo du ein Picknick machen kannst. Du begegnest dort so sonderbaren Menschen, es ist wie in einem Science-Fiction-Film.

ZEITmagazin: Trotz Ihrer Ängste haben Sie Konzerte auf der ganzen Welt gegeben. In Paris kamen 1,5 Millionen, in Moskau sogar 3,5 Millionen Menschen. Wie haben Sie diesen Massenandrang verkraftet?

Jarre: Zu meinem ersten Konzert 1979 an der Place de la Concorde kamen eine Million Menschen. Ich war in keinster Weise auf diese Situation vorbereitet. Es war das erste Mal, dass ich mit der Idee experimentierte, elektronische Musik außerhalb des Studios aufzuführen, ich war schon immer von der Oper als Kunstform fasziniert. Ich kann mich erinnern, dass ich mit meinem Verleger vor dem Konzert auf der Bühne vor einer schwarzen, unendlichen Menschenmasse auf den Champs-Élysées stand. Es hat mich fast ein Jahr gekostet, mich von diesem Schock zu erholen.

ZEITmagazin: Wieso war das Event für Sie ein Schock?

Jarre: Das Konzert war ein Experiment. Als Kind hatte ich Schwierigkeiten, mit der Außenwelt in Verbindung zu treten. Ich wollte Musik performen, aber nicht mich selbst wie ein Rockstar präsentieren. Dann kam das Konzert in Paris, und am nächsten Tag ging es in das Guinness Buch der Rekorde ein. Es war so unwirklich, dass ich Panik bekam und nicht verstand, wie das passieren konnte.

ZEITmagazin: Waren Sie nicht trunken vom Erfolg?

Jarre: Ja, und dennoch hatte ich so meine Zweifel. Für mich ist Musik eine Sucht. Als Künstler bewegst du dich zwischen Frustration und Hoffnung. Die Frustration besteht darin, dass du nicht das erreichst, was du eigentlich wolltest. Du kannst nur hoffen, dass es beim nächsten Mal weniger schlecht wird. Lust und Schmerz ist genau die Form von Beziehung, die ich mit der Musik erfahren habe.

ZEITmagazin: Das hört sich widersprüchlich an: Musik als Rettung, die zugleich schmerzt?

Jarre: Es ist mehr als eine Rettung. Meine Mutter hat mir beigebracht, dass nur ich mich selbst retten kann. Im Hinblick auf die Musik würde ich eher von Therapie als von Rettung sprechen. Wir Musiker therapieren uns selbst. Musik zu machen erspart mir eine Menge Geld bei Psychologen wie Ihnen. Musik ist für mich eine Heilmethode, um Menschen näherzukommen.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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