Ich habe einen Traum Kat Kaufmann

"Ich träume davon, im Sinne aller, die Weltherrschaft zu übernehmen"
ZEITmagazin Nr. 21/2016

Was für Träume hat man noch, wenn man als Asylantenkind – das von Barbies und Bananen und einem Gameboy fantasierte – endlich drin ist im sogenannten Game (leider ein lebensgroßes Monopoly und nicht Super Mario, wo zwei Klempner das Böse verdreschen) und nun in mehreren Sprachen gehört, gelesen und mitunter sogar verstanden wird? Danke, liebste Eltern, für Erziehung, Klavierunterricht, danke für New York und London und Paris. Und für Doitschland ein ganz spezielles Danke. Alles mit leichten Traumata überstanden: Schindlers Liste in einem deutschen Kino sehen und begreifen, dass man, kaum hat man den Saal verlassen, mitten in den Spielort dieses Filmes tritt ... Und die Skipper-Puppe, 1991, im Neon-Badeanzug ... Diese geile Skipper im Neon-Badeanzug und mein kleines Asylantenkind-Ich. Stundenlang stand ich davor, ohne Taschengeld und in abgetragenen DDR-Spendenklamotten der Neu-BRDler, die, kaum war Wende, alles angewidert ausgezogen und in die Tonne geschmissen hatten und jetzt Nike trugen, wie es sich gehörte. Die Verkäuferin kam, und ich fragte: "Wasisdahs", womit mein Wortschatz aufgebraucht war – und man reichte mir den Karton, und ich hielt wenigstens den, wenn schon nicht die Neon-Skipper selbst, so lange verliebt in den Händen, bis die Verkäuferin komisch guckte.

Jetzt also, da Bananen, Skipper und "Wasisdahs" längst kein Problem mehr sind (Schindlers Liste schon ...), ist es an der Zeit für neue Träume.

Ich will es wieder recht bescheiden angehen: Ich träume – angesichts der die gesamte Welt einnehmenden Situation, dieses Clubs, den wir Leben nennen, dieses schäbigen Tempels der Selbstvergessenheit, in dem wir alle zappeln und an dessen Pforte Fuck the World in großen Lettern leuchtet, wo Vollidioten ganze Länder führen, die schöne Gottheit Internet geknebelt weinend in der Ecke liegt und in den Kommentarleisten ein jeder lieber seine Dummheit feilzubieten sucht, anstatt, mit ein paar Klicks nur, sich neues Wissen anzueignen, und wo verfälschte Abziehbilder einer Sinnentleertheit die Sicht nur trüben und mit falschen Wünschen infizieren –, angesichts all dessen also träume ich davon, im Sinne aller, die wohlgemeinte Weltherrschaft zu übernehmen. Mit einem Trupp aus Russell Brand und Bernie Sanders, dem Dalai Lama. Dazu einer Armada Mönche aus Tibet, die zwar Ninja-Skills besitzen (sollte es in meiner neuen Welt, in der es friedfertig und sauber zugeht, dann irgendwann doch zu einer interstellaren Invasion kommen), doch hauptsächlich damit beschäftigt sind, uns allen hübsche Gärten anzupflanzen.

Es wird ganz wundervoll. Ich freue mich schon so.

Wie schon mein Bruder John zu sagen pflegte: "You may say I’m a dreamer – but I’ve got a loaded gun!"

In der Gun sind Samen natürlich. Für neue Bäume.

An alle, die jetzt sagen wollen, "Träum weiter ...": Ansporn ist immer gut, danke. Wird gemacht. So viel weiter und bunter und größer noch! Solltet ihr auch versuchen.

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Kommentare

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Weltherrschaft ist doch was Feines. Ich schätze diesen Traum teilen insgeheim alle Menschen. Jeder weiß schließlich ganz genau was richtig ist und was falsch, und jeder ärgert sich über diejenigen welche es scheinbar nicht wissen... also alle anderen Menschen. Wenn man nur die Herrschaft übernehmen könnte, wenn man den anderen nur zeigen könnte wie es richtig geht - dann würde man alles ins Lot bringen, dann würde es richtig laufen. Wirklich böse Menschen gibts nicht, nur Menschen mit guten Absichten welche aber total in die Hose gegangen sind.