© Arvida Byström

Menstruation Sie sehen rot

ZEITmagazin Nr. 21/2016
Warum junge Frauen die Menstruation zum Thema machen. Von

Am schlimmsten war es in der Schule. Die Toiletten waren nie sauber, und dann saß man da in dieser grauen Kabine, wütend, weil man wieder mal nicht daran gedacht hatte, und sah nur noch Rot. In solchen Momenten war natürlich keine Freundin in der Nähe. Also raus, schnell irgendeine finden und heimlich fragen, ob sie vielleicht, sie wisse schon. Es sei sehr dringend. Mit etwas Glück wanderte dann ein Stück gepresste Watte von der einen in die andere Hand. Man kam sich vor, als würde man Drogen kaufen. Es gab nichts Peinlicheres als die eigene Periode. Bluten war irgendwie schmutzig.

Dazu passt auch diese Geschichte aus dem Buch The Curse: A Cultural History of Menstruation: Auf den Fidschiinseln wird eine menstruierende Frau als dra tabu bezeichnet. Das bedeutet so viel wie "heiliges, gefährliches, verbotenes Blut" und für die Frau Isolation von der Gemeinschaft. Im frühen 20. Jahrhundert wurde der polynesische Begriff tabu in die deutsche Sprache übernommen, ein Mitbringsel europäischer Seefahrer. Und bis heute ist die Periode einer Frau im öffentlichen Raum tabu.

Doch seit ein paar Jahren gibt es eine neue feministische Bewegung, die New Feminism Wave. Die Anführerinnen sind junge Frauen aus Nordamerika: die kanadische Künstlerin Petra Collins, Lena Dunham, die Erfinderin der Kultserie Girls, die Stand-up-Komikerin Amy Schumer, die Bloggerin Tavi Gevinson und die Designerin Rachel Antonoff. Frauen, die keine Lust mehr haben, sich für ihre Vagina zu schämen. Seit sie sich vom Unsichtbarsein befreit und ihre Stimme erhoben haben, weiß man wieder, wie Schamhaare aussehen (kraus!) und dass Menstruation für die Hälfte der Weltbevölkerung ein Thema ist.

2013 hat Petra Collins ein T-Shirt für die amerikanische Modemarke American Apparel entworfen. Das war eigentlich der Anfang. Auf dem T-Shirt ist eine blutende und behaarte Vagina zu sehen, gezeichnet mit wenigen Bleistiftstrichen, die von einer Hand stimuliert wird, und natürlich stockte vielen der Atem, weil dieses neue Bild überhaupt nicht zum bisherigen passen wollte, das sehr rasiert, sehr glatt und sehr clean war.

Männer, die dem Patriarchat nachweinen, reagierten standesgemäß und echauffierten sich über diese derbe Unverschämtheit und krasse Abartigkeit. Man könne die selbst gemachten Probleme dieser jungen, nervtötenden Frauen, die sich ungefragt aus dem Körbchen getraut hätten, einfach nicht mehr hören.

Menstruation, Masturbation und Schamhaare, sagte Collins nach dem ersten Sturm sehr lässig und sehr abgeklärt, "freak people out. Keine Ahnung, wieso. Ich vergesse immer wieder, wie engstirnig Menschen sind." Das war natürlich nur halb ernst gemeint. Man darf über Collins’ T-Shirt lachen. Man darf auch über das Bild links lachen. Auch das ist ja keine ernst gemeinte Aufklärungskampagne. Es ist gelungene Provokation.

Wenn Dinge aus dem Dunkel ins Rampenlicht gezerrt werden, ändert sich im besten Fall etwas. In den vergangenen Monaten haben gleich mehrere amerikanische Unternehmen, angeführt von Frauen, Hygieneartikel für Frauen auf den Markt geworfen. Seit dem Frühjahr 2015 verkauft Miki Agrawal (Social Entrepreneur des Jahres) Unterhosen, die das Blut direkt aufsaugen (der Trick: superdünne Lagen, die superviel Blut aufnehmen können). Man braucht weder Tampons noch Binden. Übrigens beides Artikel, die in den meisten US-Bundesstaaten als "Luxusgüter" besteuert werden. Agrawals Marke nennt sich Thinx (she thinx, also "sie denkt"), die waschbaren Unterhosen in Schwarz oder Creme sehen ziemlich sexy aus und zählen laut Time Magazine zu den 25 besten Erfindungen 2015.

Vor ein paar Monaten perfektionierte ein Start-up die Menstruationstasse. Menstruationstassen gibt es seit den dreißiger Jahren, sie haben sich aber nie wirklich durchgesetzt. Das neue Exemplar aus Silikon, die "Looncup", ist leichter zu handhaben und schickt über einen Mikrochip Informationen ans Smartphone – zum Beispiel, wann die Tasse voll ist.

Auch die Verpackungen von Tampons, etwa der Marke Lola, sehen nicht mehr aus wie pastellfarbene Klischees, und der Bindenhersteller Bodyform setzt sich für "Femojis" auf Smartphonetastaturen ein, also Emoticons, die es Mädchen erleichtern sollen, sich über ihre Regel auszutauschen. Und im Herbst 2016 erscheint Flex – ein Ring wie ein Diaphragma, für Sex ohne Flecken während der Menstruation.

Ein kurzer Rückblick zeigt, dass es nicht einfach um mehr Konsum geht: Im 20. Jahrhundert sind gerade mal drei Hygieneartikel für Frauen erfunden worden. Die erste Erfindung war der Tampon. Allerdings war die Idee von Earle Cleveland Haas, einem Arzt aus Colorado, nicht wirklich neu. Statt aus zusammengerolltem Papyrus, wie im alten Ägypten, war der längliche Bausch jetzt, 1931, aus Watte und hatte zum ersten Mal ein Rückholbändchen. Haas nannte seine Erfindung Tampax, ließ sie patentieren und wurde sehr reich. In den fünfziger Jahren schaffte der Tampon den Durchbruch in Deutschland. Es folgten die Menstruationstasse und der Menstruationsgürtel, besonders beliebt im Mittleren Westen und Gott sei Dank nicht mehr im Einsatz. Man muss sich diesen Gürtel wie den Bund einer viel zu engen und schlimm kneifenden Strumpfhose vorstellen, verbunden mit einer Binde, die sich wahrscheinlich so angefühlt hat wie eine Windel für pflegebedürftige Erwachsene.

Menstruation ist nichts Anormales. Nichts Schmutziges und schon gar kein Beweis für die Minderwertigkeit der Frau. Deshalb ist keines der neuen Produkte verschämt hässlich. Eher elegant bis protzig. Denn es geht letztlich nicht um Blut, sondern darum, dass sich junge Frauen nicht sagen lassen wollen, was gute oder schlechte Weiblichkeit ist.

Dank an Friederike Schilbach

Kommentare

81 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Diese sogenannten Feministinnen haben wieder mal überaus großes Sendungsbewusstsein. Dabei denken sie offenbar nur an sich und ihre eigenen Probleme. Wenn ich mir aber vorstelle wie meine kleine Nichte oder mein Patensohn auf ein T-Shirt reagiert, das eine blutende Vagina und Selbstbefriedigung zeigt, dann frage ich mich, ob es nicht besser wäre, diesen Feministinnen einfach ein Redeverbot zu erteilen.

Ich würde ein solches Shirt auch nicht tragen. Dennoch ist es doch schon skurril, dass wir darauf ablehnend reagieren, es aber als "normal" nehmen, wenn beispielsweise Parketthersteller mit einer halbnackten, am Boden liegenden Frau und dem Slogan "geile Bodenbeläge" Werbung machen.

Hätte ich eine kleine Tochter/Nichte, wäre es mir in dem Fall dann doch lieber, wenn sie den Anblick jener Werbungen, die Frauen zum sexuellen Objekt und Beiwerk degradieren, kritischer hinterfragen würde als eine blutende Vagina.

"Männer, die dem Patriarchat nachweinen, reagierten standesgemäß und echauffierten sich über diese derbe Unverschämtheit und krasse Abartigkeit. Man könne die selbst gemachten Probleme dieser jungen, nervtötenden Frauen, die sich ungefragt aus dem Körbchen getraut hätten, einfach nicht mehr hören. "

Ehrlich jetzt? Laufende Nasen, A-a-Reste, Urin, Popel, Ohrenschmalz, Eiter, Blut und Sabber sind allesamt nichts Anomales. Trotzdem gilt es für Menschen beiderlei Geschlechts als nicht als Zier, sie diese natürlichen Ausscheidungen an Körper und Kleidung zu zeigen. Klingt schon ein bisschen nach selbst gemachten Problemen. Ganz ohne Patriarchat. Und welche Frisur untenrum getragen wird, interessisert auch nur maximal den eigenen Intimpartner. Und da sollte man über alles reden können.