Achtsamkeit Du bist, was du denkst

Alles eine Frage der Einstellung? Wie unsere Gedanken unser Leben verändern können. Von
ZEITmagazin Nr. 22/2016

Kann man durch Denken abnehmen? Man kann.

Oder exakter: Man kann bei einer Tätigkeit mehr oder weniger Gewicht verlieren, je nachdem, wie man über sie denkt. Was wie eine neue Diätmarotte klingt, ist in Wahrheit die Erkenntnis einer Harvard-Professorin namens Ellen Langer. 2007 untersuchte sie, ob es sich positiv auf die Fitness von Zimmermädchen auswirke, wenn man ihren Job zum sportlichen Training umdefinieren und ihnen dieses mitteilen würde. Das Aufschütteln von Betten und das Schrubben von Bädern sollten als eine Art Training an unkonventionellen Fitnessgeräten begriffen werden. Das Ergebnis: Nach vier Wochen hatten jene Teilnehmerinnen, deren Arbeit zum Sport erklärt worden war, durchschnittlich ein Kilo abgenommen – allein durch eine veränderte Einstellung zur Arbeit. Die Kontrollgruppe machte ihren Job mit derselben Haltung wie zuvor – und blieb gleich schwer.

Das Experiment ist einer von zahllosen Versuchen, welche die mittlerweile 69-jährige Langer unternommen hat, um ihrem Lebensthema "Wie viel Macht haben Gedanken über uns?" auf den Grund zu gehen. In Hunderten von Studien erforscht sie schon seit den achtziger Jahren, wie sich Gedanken über uns und unsere Umwelt auf unsere Befindlichkeit auswirken. Heute liegen Langers Bücher in amerikanischen Buchhandlungen auf den Tischen mit den "wichtigen Neuerscheinungen", und sie tritt im Fernsehen auf.

Warum leben wir, wie wir leben? Wieso sind wir, wie wir sind? Können wir etwas ändern oder nicht? Im Mittelalter hätte man solche Fragen dem "Schicksal", dem "Willen Gottes" und der "Herkunft" überlassen, mit den Psychoanalytikern Freud und C. G. Jung kam im 20. Jahrhundert das Unbewusste ins Spiel, jene geheimnisvolle Unterströmung von Trieben und Prägungen aus der frühen Kindheit, die uns an erstaunliche und schreckliche Orte tragen kann. Ellen Langer hat nichts gegen Freud, sie räumt dem Unbewussten aber einen weit geringeren Stellenwert ein, als die Analytiker es tun. Sie interessiert sich für die Frage: Wie beeinflussen uns Informationen, die wir im Hier und Jetzt empfangen und auf bestimmte Weise interpretieren? Langers Ziel ist es, das Bewusstsein der Menschen dafür zu schärfen, dass ihre Handlungen größtenteils auf Annahmen über die Welt beruhen, die ihnen im Laufe der Zeit beigebracht oder eingeredet wurden – und die im Leben nicht unbedingt weiterhelfen.

© ZEITmagazin

Besucht man Frau Professor Langer in ihrem Haus unweit des Harvard-Campus, begegnet man einer ungestümen älteren Dame, die sich einen Hundewelpen im Tragetuch vor den Bauch gebunden hat wie ein Baby. "Das ist Sofie", stellt sie den winzigen Terrier vor. Eben ist sie von einer Reise zurückgekehrt. Wenn sie nicht gerade in Harvard unterrichtet, ist die Wissenschaftlerin dauernd unterwegs – als Referentin für internationale Organisationen oder Wirtschaftsunternehmen. Oder um Auszeichnungen entgegenzunehmen. Langers Popularität hängt im Kern mit einem Buch zusammen, das sie vor fast dreißig Jahren veröffentlicht hat und dessen Thema sie seither variiert: Mindfulness. Doch Langers Verständnis von "Achtsamkeit" hat mit dem heute verbreiteten Trend der im Buddhismus verankerten Meditationspraxis wenig zu tun. Mit Mindfulness meint sie, sensibel zu werden: dafür, ob das, was ich über mich und die Welt denke, auch tatsächlich so ist.

In einem ihrer berühmtesten Experimente lud sie Anfang der achtziger Jahre alte Herren um die achtzig in ein ehemaliges Kloster in New Hampshire ein. Dort war alles so eingerichtet wie zu jener Zeit, als die Probanden zwanzig Jahre jünger waren. Uralte Bücher und Magazine lagen herum, im Fernsehen lief Rauchende Colts, und abends diskutierten die Testpersonen scheinbar zeitgenössische Themen wie die kubanische Revolution.

Die Männer waren aufgefordert worden, sich über die Ereignisse jener Zeit so zu unterhalten, als fänden sie ganz aktuell statt. Eigentlich waren die Probanden es gewohnt, betreut und gepflegt zu werden. Jetzt lebten sie plötzlich eine Woche lang in einer Umgebung, die in keiner Weise dem entsprach, was als "altersgerecht" galt: Mahlzeiten etwa wurden nicht zur festgelegten Stunde serviert, sondern mussten selbst zubereitet werden, und anschließend machten die Achtzigjährigen den Abwasch. Und, o Wunder: Nach sieben Tagen in der Zeitkapsel waren die Probanden beweglicher geworden, schnitten in den Hör-, Seh- und Intelligenztests deutlich besser ab als die Kontrollgruppe. Als sei auch das Altern bloß eine Frage der eigenen Einstellung.

In welchem Ausmaß der Geist den Körper beeinflusst, zeigen auch die Versuche des amerikanischen Sozialpsychologen John Bargh: Er ließ die Teilnehmer einer Experimentalgruppe Kreuzworträtsel lösen, die negative Stereotype über das Älterwerden enthielten – etwa "schwerhörig", "grau", "Hautfalten". Eine Kontrollgruppe löste Rätsel mit neutralen Wörtern. Danach wurden alle Probanden in ein anderes Gebäude geschickt, und die Forscher stoppten heimlich die Zeit, die jeder für den Weg benötigte. Und siehe da: Diejenigen, die sich mit Begriffen aus der Welt der Senioren beschäftigt hatten, liefen nachweislich langsamer als die anderen. "Priming-Effekte" nennen Psychologen das Phänomen, dass Wörter oder Bilder beim Menschen spezifische Assoziationen an frühere Erfahrungen auslösen und so sein Verhalten beeinflussen. "Priming aktiviert Gedanken, die wir unaufmerksam aufgenommen und verinnerlicht haben", sagt Ellen Langer. Solche unterschwelligen Gedanken zu entdecken, meint sie mit Achtsamkeit: "Was wir sehen, hängt davon ab, worauf zu achten wir gelernt haben. Mindfulness bedeutet: in dem, was wir bereits zu kennen glauben, etwas Neues entdecken."

Seit einiger Zeit bietet Langer Kurse an, in denen man lernt, das alte Leben mit neuen Augen zu betrachten. Zum Beispiel überlegen sich die Teilnehmer neue Regeln für bekannte Spiele: Warum beim Schach nicht mal die Dame zur entscheidenden Figur machen? In einer anderen Übung schalten Rechtshänder eine Zeit lang auf die linke Hand um und Linkshänder auf die rechte – mal schauen, was passiert. "Man aktiviert dabei die jeweils andere Gehirnhälfte und kommt auf neue Gedanken", so Langer. Obendrein übt sie mit den Teilnehmern ihrer Kurse das "Reframing", eine verblüffend einfache Technik, die aus der Systemischen Familientherapie stammt und heute von Therapeuten aller Richtungen angewandt wird. Es geht darum, Ereignisse – also das, was die meisten Menschen Realität nennen – aus einem veränderten Blickwinkel zu betrachten und sich dadurch alternative Verhaltensmöglichkeiten zu eröffnen. Ein Beispiel: Ob wir jemanden, der sehr korrekt auftritt, als langweilig (negative Einschätzung) oder zuverlässig (positive Einschätzung) wahrnehmen, hängt von unserer Sichtweise ab – und führt zu sehr unterschiedlichem Verhalten gegenüber dieser Person.

Langers Methode ist einfach: Sie stellt grundsätzlich alles infrage. Aus ihrer Sicht ist der Grat zwischen dem Urteil und der sich selbst erfüllenden Prophezeiung schmal. Wer hat festgelegt, dass etwas so und nicht anders ist? Wer hat bewiesen, dass mit dem Alter zwangsläufig Sehvermögen und Kurzzeitgedächtnis nachlassen? Oder liegen diese Schwächen eher darin begründet, dass alle Schwierigkeiten von alten Leuten ferngehalten werden und sie dadurch kaum noch Erfolgserlebnisse haben? Ist körperlicher Verfall womöglich – zum Teil – eine sich selbst erfüllende Prophezeiung?

"Mindless automata" nennt Langer jene Überzeugungen, die unser Leben steuern, ohne dass wir es bemerken – als seien wir darauf programmiert, fremde Gedanken ungeprüft zu übernehmen. Eine weitverbreitete unbewusste Annahme besteht zum Beispiel darin, dass Menschen glauben, bei Gymnastik grundsätzlich zu ermüden, wenn zwei Drittel der Übungen absolviert sind. Als Beweis für diese Regel ließ Langer drei Gruppen von Probanden unterschiedlich viele Hampelmannsprünge machen: Alle drei Gruppen kamen nach etwa zwei Dritteln der Übung aus der Puste – absolut unabhängig davon, ob sie hundert, dreihundert oder fünfhundert Sprünge absolvieren sollten.

Ähnliches gilt für Vorurteile über bestimmte gesellschaftliche Gruppen. Frauen, heißt es beispielsweise, seien schlecht in Mathematik. Wer dieses Vorurteil – oder andere Fälle von Voreingenommenheit – verinnerlicht hat, neigt dazu, es durch sein Handeln unbewusst zu bestätigen. So haben Experimente gezeigt, dass Teilnehmerinnen, die zu Beginn eines Mathematiktests auf einem Fragebogen ihr Geschlecht angeben müssen, eine deutlich schlechtere Leistung zeigen als in einem Test, bei dem das Geschlecht nicht zur Sprache kommt. Ähnliches gilt für weiße Amerikaner, die in einer Arbeit auffallend schlechter abschnitten, nachdem man ihnen mitgeteilt hatte, sie würden gemeinsam mit asiatischen Kommilitonen schreiben und die Leistungen würden später verglichen. All diese Experimente zeigen: Nicht nur was wir über uns selbst, sondern auch das, was wir über andere denken, hat enorme gesellschaftliche Konsequenzen.

© ZEITmagazin

Langer gilt als Mitbegründerin der "Positiven Psychologie", einer Richtung, die sich weniger für das interessiert, was Menschen krank macht, und mehr für das, was sie zufrieden und gesund macht. Eine regelrechte Bewegung wurde daraus Anfang der neunziger Jahre, als der amerikanische Psychologe Martin Seligman Präsident der einflussreichen American Psychological Association wurde. "Wir brauchen eine Wissenschaft, die sich mit menschlichen Stärken beschäftigt", sagte Seligman. Es war der entscheidende Schub für die "Positive Psychologie", der sich dreißig Jahre später in einer veränderten Haltung zur "professionellen Hilfe" zeigt: Wer heute einen Coach, Therapeuten oder Mentaltrainer in Anspruch nimmt oder ein Kommunikationsseminar besucht, gilt nicht mehr als krank oder gestört – sondern als klug und bestrebt, etwas für das eigene Glück zu tun.

Kommentare

39 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Merkel, Göring-Eckardt, Roth, Peter, Kipping und wie sie alle heißen, beweisen ja täglich die Kraft des weiblich-positiven Denkens. Es funktioniert sogar im ganz großen Rahmen! Wir schaffen das!
Mein Problem als negativ denkender Mann ist nur dass ich das zwar anerkenne, aber ich kann nicht etwas wollen wollen, wie Schopenhauer sagte.
Der Versuch dass das das (ohnehin illusionäre) Ich sich selbst am Schopf aus dem Sumpf zieht ist zum Scheitern verurteilt.

Sie denken zu viel und in die Ihnen vertraute Richtung, darum schließt sich der Kreis und Sie gelangen immer an dem Punkt, wo Sie schon vorher waren. Wenn Sie das wollen, weil Sie das schon kennen und Ihnen Vertrautes mehr liegt, spricht nichts dagegen, darauf zu beharren, dass es nur so und nicht anders sein kann. Die Gedankenwelt gestaltet man selbst und welche Kraft oder Resignation einem daraus erwächst, steht einem frei zu wählen. Der Rest ist wie immer nicht absolut, aber vielleicht einen Versuch wert. :)