Stilkolumne Sonne vor Augen

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 22/2016

Die Karriere der Sonnenbrille lässt sich mit der von kaum einem anderen Accessoire vergleichen. Einst wurden Brillen zum Schutz gegen die blendenden Sonnenstrahlen mit farbigen Gläsern versehen, sie waren tatsächlich medizinische Instrumente. Es dauerte bis in die 1930er Jahre, ehe die Sonnenbrille ein Massenartikel und schließlich ein Modeobjekt wurde. Der Grund dafür ist, dass sich die Rolle der Sonne in unserem Leben geändert hat.

Die Sonne war lange nicht des Menschen Freund. Wer viel Zeit draußen verbrachte, tat dies meist, weil er dort einer schweren Tätigkeit nachgehen musste. Etwa einen Acker pflügen oder Ziegel schleppen. Wer gebildet war, der arbeitete drinnen. Die Sonne dehydrierte die Feldarbeiter, nicht selten streckte sie ein Hitzschlag nieder. Erst als es üblich wurde, Urlaub zu machen, wurde Sonnenbräune zum Statussymbol. Wer es sich leisten konnte, verreiste, um sich einfach nur in die Sonne zu legen. Jetzt kam die große Stunde der Sonnenbrille: Wer eine dunkle Brille trug, erklärte sich zum Sonnenkind. Zu jemandem, dessen Leben aus Freizeit besteht und der keiner regelmäßigen Arbeit nachgehen muss, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Also wurden Sonnenbrillen nun auch in Innenräumen getragen. Und bald auch am Abend. Sie zu tragen wurde zu einer Frage der Haltung, nicht des Wetters. Heute aber ist die Sonne wieder unser Feind. Leuten, die tief gebräunt sind, unterstellt man eher Leichtsinn als einen luxuriösen Lebensstil. Umso wichtiger wird die Sonnenbrille. Denn wenn man an der mit Schutzfaktor 50 eingecremten Haut schon nicht erkennen kann, ob jemand im Urlaub war, hat es große Bedeutung, den sonnengeküssten Lebensstil mit der richtigen eyewear auszudrücken. Also werden die Sonnenbrillen-Kollektionen immer üppiger.

Und auch die gute alte Sonnenbrillen-Kette kommt wieder auf. In der aktuellen Sommerkollektion von Gucci etwa gibt es goldene Ketten zu goldenen Riesengestellen, bei Balenciaga grüne Ketten für die Reise. Die Münchner Schmuckdesignerin Saskia Diez hat in Zusammenarbeit mit VIU eine Sonnenbrillen-Kollektion mit dazugehöriger Brillenkette entworfen. Dazu kombiniert man am besten Teile aus der Strandmode, die nun auch immer öfter auf der Straße getragen wird: Bikini-Tops, Strandschuhe und sogar Strandtücher. Mit all so was statten Menschen sich aus, um auszudrücken, wie gern sie in der Sonne liegen würden, hätten sie nicht Angst, daran zu sterben.

Foto: Sonnenbrille mit Kette von Saskia Diez, 240 Euro

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