Harald Martenstein Über "Quality Time" und Selbstverwirklichung

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ZEITmagazin Nr. 23/2016

Mein kleiner Sohn hat kürzlich zum ersten Mal eine Geschichte erzählt. Sie geht so: "Vogel. Baum. Hoch. Vogel weg." Als er dieses hochkonzentrierte, stilistisch unangreifbare Stück Literatur über die Vergänglichkeit alles Fliegenden erzählte, war ich nicht da. Ich habe im Büro gesessen und geschrieben. Leute, die Kinder haben und viel arbeiten, erzählen manchmal von der sogenannten "Quality Time", die sie mit ihren Kindern verbringen. Es sei nicht viel Zeit, ja, sicher, aber diese Zeit sei dafür besonders intensiv, sie würden sich in dieser Zeit ganz und gar auf das Kind einlassen.

Alles, was Kinder zum ersten Mal tun, geschieht als Premiere nur dieses eine Mal, man ist entweder dabei oder nicht. Alle neuen Erfahrungen und prägenden Erlebnisse ereignen sich ein Mal. Der Film lässt sich nicht zurückspulen. Es gibt nur diese eine Chance. Und es ist nie vorherzusehen, wann sie kommt, denn Kinder können sich nicht nach deinem Terminkalender richten. Du kannst fast alle Arbeiten verschieben, fast alles im Leben lässt sich wiederholen, aber der Moment, in dem dein Kind die ersten Schritte tut, ist einmalig. Da war ich übrigens dabei.

"Quality Time" ist die Umschreibung eines Selbstbetrugs. In Wahrheit hängt die Qualität dieser Beziehung, der Beziehung zum Kind, ziemlich stark von der Zeitmenge ab, die man dafür hergibt. Auch die Zeit, in der nichts Großartiges passiert, ist von Bedeutung. Man ist einfach nur da, das ist auch gut. Bei Paaren ist es doch genauso. Die eine Person liegt auf dem Sofa und liest, die andere Person steht in der Küche und kocht, sie reden oder schweigen, das ist auch gut.

Ein Vollzeitberuf und Kinder lassen sich nicht auf befriedigende Weise miteinander verbinden. Und ich glaube, dass es schöner und wertvoller ist, mit seinem Kind zusammen zu sein, als einem ungeliebten, womöglich nicht mal gut bezahlten Job nachzugehen. Wer den Leuten einredet, dass beide Eltern arbeiten müssen, egal was, alles andere sei falsch, verbreitet eine nicht sehr menschenfreundliche Ideologie.

Aber was, wenn man den Beruf liebt? Bei mir ist das der Fall, ich schreibe gern, ich lese gern vor. Meistens. Jede Arbeit ist manchmal unangenehm, das gilt ebenso für die Zeit mit den Kindern, da herrscht auch nicht immer Idylle. Aber ich habe ständig ein schlechtes Gewissen. Wenn ich schreibe, wäre ich gern mit dem Kleinen zusammen und würde seinen Geschichten zuhören. Wenn ich dann auf dem Spielplatz bin, muss ich mich zwingen, nicht an meine To-do-Liste zu denken, die inzwischen fast so lang ist wie ein Harry Potter-Roman. Jeder, der in einer ähnlichen Lage ist, kennt das. Es gibt keine Lösung, nur Kompromisse, nur halbe Sachen. Und das Verrückte ist: Besser geht es nicht. Wenn ich die traditionelle Männerrolle spielen und den Kleinen nur selten sehen würde, wäre das für mich das viel größere Unglück. Und wenn ich das Schreiben aufgeben und nur noch für ihn da sein würde, dann wäre das auch ein Unglück, wenngleich ein kleineres als im ersten Fall. Besser als jetzt geht’s nicht.

Ein ähnlich fragwürdiges Wort wie "Quality Time" heißt "Selbstverwirklichung". Man soll, steht auf der Homepage des Psychologen Rolf Merkle, in sich hineinhören und sich fragen: Wie möchte ich leben? Was ist mir wichtig? "Das beginnt schon am Morgen. Stehe ich auf, oder bleibe ich liegen?" Die Frage, ob ich aufstehen will, stellt sich mir nie. Wenn es im Leben mehrere Dinge gibt, die einem wichtig sind, diese Dinge sich aber widersprechen, dann sollte man das S-Wort aus dem Vokabular streichen.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

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Wunderbar. Der Artikel spricht mir aus der Seele. All die tollen, modernen Begriffe sind nur Makulatur. Eltern kleiner Kinder, die voll arbeiten, wissen, dass das vor allem eines heißt: Stress! Und zu wenig Zeit für die Kinder. All die wunderbaren Momente, die nie wieder kommen, das erste deutliche Mama oder Papa, sind unbezahlbar und ich würde das nicht gegen den tollsten Beruf der Welt eintauschen wollen. Die ersten 2-3 Jahre sind kostbar. Genießen wir sie.

Vielen Dank für diesen Beitrag. Der Bedarf an »Zeitmenge« nimmt mit dem Alter der Kinder übrigens auch nicht ab, er ändert sich nur. Auch die Gespräche mit einem Teenager oder die fantastischen Geschichten eines 10jährigen lassen sich nicht per Knopfdruck in ein quality-time-Fenster pressen … manchmal muss man einfach da sein und zu hören können (ja, das muss man sich leisten können wollen).