Mei, ist das schön!

ZEITmagazin Nr. 23/2016 — Von
Die bayerische Hauptstadt ist vielseitiger, als die meisten glauben: Sechs Münchens, die uns schwärmen lassen.

Alteingesessene Münchner erzählen gern, dass es früher möglich war, am Dialekt zu erkennen, ob jemand aus Schwabing oder aus Giesing kam. Schließlich waren diese Stadtteile mal eigenständige Dörfer, wie heute noch an den Kirchtürmen und -plätzen zu erkennen ist. Ein weitgehend einheitliches Münchnerisch entstand erst durch den Bayerischen Rundfunk nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch auch wenn die sprachlichen Unterschiede praktisch verschwunden sind, sind die Münchner kein einheitliches Volk.

Da sind die Rot-Grün-Münchner, die ihr Fleisch beim Biometzger Hermannsdorfer kaufen und auf die neuen Luxus-Wohnhäuser "Park Avenue" am Englischen Garten und "Glockenbachsuiten" schimpfen.

Da sind die CSU-Münchner, die seit 35 Jahren nicht mehr auf dem Oktoberfest waren, weil sie nicht verstehen, wie man auf so einer verhunackelten, also bescheuerten Veranstaltung (mit Blaskapellen, die etwa Angels von Robbie Williams spielen) noch eine Gaudi haben kann.

Da ist die Helmut-Dietl-Generation aus den Altbauvillen in Schwabing, die abends beim Aperol Spritz im Osterwaldgarten erzählt, dass man am Viktualienmarkt stundenlang nach einem Parkplatz suchen muss und am Ende eh immer in der überteuerten Parkgarage der Schrannenhalle landet.

Da sind die jungen Kreativen, die sich darüber lustig machen, dass es in der Innenstadt nur einen einzigen Spätkauf nach Berliner Vorbild gibt, das Szenedrinks, und den auch erst seit zwei Jahren.

Allen gemeinsam ist trotz der ewigen Granteleien eine tief sitzende Überzeugung, dass letztlich keine Stadt in Deutschland an München heranreichen kann. Dieses milieuübergreifende Lebensgefühl kommt den Münchnern selbst nicht arrogant und überheblich vor, sondern nur wie der logische Schluss aus einer ganzen Reihe messbarer und gefühlter Wahrheiten: Wo sonst kann man sich an einem schönen Sommertag in einem Fluss durch die Innenstadt treiben lassen, einem Fluss, der so klar ist, dass manche sogar aus ihm trinken würden? Und: Der FC Bayern München ist zum vierten Mal in Folge deutscher Meister geworden. Mag sein, dass es Zufall war, aber nach dem Ausscheiden aus der Champions League im Halbfinale gegen Atlético Madrid investierten die Bayern ganz schnell 70 Millionen Euro in zwei Abwehrspieler, als wollten sie sicherstellen, dass so etwas Schreckliches nie, nie wieder passiert. Außerdem auf der Liste: Die beiden Universitäten der Stadt bekommen in regelmäßigen Abständen Exzellenz-Urkunden ausgestellt. Was man auch sehr gerne las in München, war das große Lob der New York Times für die Münchner Willkommenskultur. Und jetzt haben auch noch zwei Münchner Journalisten mit ihren Panama Papers Mächtige und Staatspräsidenten weltweit zu Fall gebracht. Muss man da den Rest der Liste überhaupt noch erwähnen? Die schönen Biergärten, die Weltklasse-Philharmoniker, das beste Leitungswasser, den mit Design-Preisen ausgezeichneten Münchner Flughafen oder auch die Nobel-Italiener wie das Acetaia, von dem selbst Italiener behaupten, dass sie in Italien noch nie so gut gegessen hätten.

Das Besondere am Münchner Lebensgefühl ist seine Widerstandsfähigkeit. Es ist Münchnern egal, dass man sie in Berlin, Hamburg und Köln für Provinz-Schnösel hält.

Natürlich gibt es auch Dinge, über die sich alle Münchner gleichermaßen aufregen. Dass die Mietpreise so unsäglich hoch sind und man zum Beispiel für einen Eistee im Café Cotidiano am Gärtnerplatz 4,20 Euro bezahlt. Die ersten Witze über die Preise der Stadt hört man schon in der Schule, wenn einem die Geschichte Münchens erklärt wird: Dass München nur eine kleine Ansammlung von Mönchen war, bis Heinrich der Löwe 1158 eine Brücke über die Isar errichtete, um Zoll auf den Salzhandel zu verlangen – die Gründungsidee der Stadt war es, den Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Die hohen Mieten sind auch der Grund, warum Entwicklungen in München langsam vor sich gehen. Es gibt nicht wie in Berlin Viertel mit billigen Altbauwohnungen, in die dann gefühlt über Nacht Tausende Kreative drängen. Deshalb achtet man in München auf die kleinen Veränderungen. Dass die Politik zum Beispiel seit letztem Jahr eine Genehmigung erteilt, über die man in anderen deutschen Großstädten wahrscheinlich lacht: Vor den Restaurants, Bars und Cafés dürfen die Münchner in den Monaten Juni, Juli und August eine Stunde länger sitzen, bis Mitternacht. Welche Freiheit das bedeutet, versteht man wohl nur, wenn man schon mal an einem Sommerabend nachts um elf mit einem Weißweinglas in der Hand von einem Bürgersteig verbannt wurde.

Einen bekannten Münchner hätte diese Entwicklung sicher gefreut, wäre er noch am Leben. Wenn das Lebensgefühl der Stadt einen Schirmherrn bräuchte, es müsste dieser Mann sein. Denn er hat vieles von dem geschaffen, worauf die Münchner heute so stolz sind. Gabriel von Seidl war Architekt. Sein Bruder Emanuel und er bauten um die Jahrhundertwende Dutzende Bierpaläste. Die große Augustiner-Halle an der Neuhauser Straße zum Beispiel. Diesen Lokalen lag die sehr münchnerische Idee zugrunde, dörfliche Bierseligkeit auf Großstadt-Format zu übertragen. Gabriel von Seidl gründete auch den heute noch bestehenden Isartalverein, der sich für die "Erhaltung der landschaftlichen Schönheiten des Isartals" einsetzt: Die großstädtische Gemütlichkeit und die Schönheit der Isar – darauf können sich die Münchner, egal welchen Lagers, immer einigen.

1 — Das neue Bahnhofsviertel

München entdeckt seine kosmopolitische Seite: Rund um den Hauptbahnhof begegnen sich Gemüsehändler, Flüchtlinge und die Jugend der Stadt

Reinhard Pröll steht mit seinem Wagen vor der Durchfahrt zu seiner Garage und flucht. Die Garage befindet sich in einem Innenhof an der Landwehrstraße, in dem auch eine Moschee untergebracht ist. Und die ist gerade wegen Überfüllung geschlossen, viele Leute warten noch auf Einlass. Es ist Freitagsgebetszeit, Pröll kommt jetzt natürlich nicht durch. Er kurbelt die Fensterscheibe runter, steigt aus seinem Wagen und drückt an der Karosserie lehnend auf die Hupe. Hinter ihm bildet sich ein Stau aus Dutzenden, ebenfalls hupenden Autos.

"Ein Umzug lohnt sich nur noch in diesen Stadtteil"

Prölls Auftritt ist eine Botschaft, er überbringt sie stellvertretend für viele Einwohner des Münchner Bahnhofsviertels. Pröll wird später sagen, er habe nichts gegen Flüchtlinge und andere Muslime, solange sie sich an die Straßenverkehrsordnung hielten. Aber geltendes Recht besage nun mal, so Pröll, dass er seinen Renault Laguna auch am Freitagmittag in die Garage fahren kann. Und so steigt er also wieder in sein Auto und fährt in Schrittgeschwindigkeit durch das Menschenmeer, das sich nach kurzem Zögern tatsächlich teilt.

© Laura Edelbacher

Die Gegend südlich des Hauptbahnhofs in München ist schon immer eine eigene Welt gewesen. Das Viertel hat die Form eines Quadrats: oben die Bayerstraße, die am Hauptbahnhof entlangläuft, östlich die Sonnenstraße, im Süden die Nußbaumstraße, im Westen die Paul-Heyse-Straße. Viele Fünfziger-Jahre-Bauten. Hotels und "Süpermarkets", Spielhallen, Kebab-Grills, Gemüseläden. Im schönen München ein hässliches Viertel, laut und schmuddelig. Einen eigenen Namen hatte es nie. Und doch hebt es sich nicht nur äußerlich vom Rest der Stadt deutlich ab: 59 Prozent aller Bewohner kommen aus dem Ausland, im Rest der Stadt liegt die Quote bei 25 Prozent. Lange Zeit war das Bahnhofsviertel die neue Heimat türkischer Gastarbeiter und ihrer Nachkommen. Seit dem EU-Beitritt Bulgariens und Rumäniens kommen auch viele Menschen von dort. Nur 4.500 Bewohner hat das Viertel, aber jeden Morgen strömen 25.000 Menschen herein, die hier arbeiten. In den Wohnungen, meist nur ein bis zwei Zimmer groß, leben hauptsächlich Singles. Seit vergangenem Herbst verbindet man die Gegend auch noch mit der Ankunft von über einer Million Flüchtlingen in Deutschland. Damals begrüßten die Münchner die Neuankommenden am Hauptbahnhof mit Applaus. Acht Monate später sieht man Flüchtlinge in München praktisch nur hier.

Nicht nur an ihnen liegt es, dass sich das Bahnhofsviertel gerade verändert. Diese ethnische Mischung gibt es nirgendwo sonst in München, und das lockt nun auch viele Kreative an. Wie kommen die so grundverschiedenen Milieus miteinander zurecht? Sind sie gemeinsam die Grundlage dafür, dass hier etwas Neues entsteht?

Erster Eindruck: Auf der Straße riecht es nach Grillfleisch und Shisha-Tabak. Die 50 Meter Bürgersteig vom Gemüseladen Verdi an der Landwehrstraße bis zu der Kreuzung mit der Goethestraße erinnern an einen Straßenmarkt in Jerusalem. Da steht ein arabisch aussehender Mann mit einem Turban auf dem Kopf wie aus Lawrence von Arabien. Eine Gruppe somalischer Flüchtlinge steht im Halbkreis und schaut gemeinsam auf ein Smartphone, auf dem das Video einer afrikanischen Variante von Deutschland sucht den Superstar läuft. Kreativleute sieht man tagsüber noch selten. Höchstens vor dem Restaurant Kiss, dort steht am Nachmittag der in der Stadt sehr bekannte DJ Milen Till und raucht eine Zigarette.

Die Gastronomin Sandra Forster, deren Lokale immer schon beliebt waren bei allen Grafikern, Werbern, Studenten und Designern, hat dieses Restaurant mit Bar direkt neben der Landwehrstraßen-Moschee vor vier Monaten gemeinsam mit den DJs Amédée und Milen Till eröffnet. Das Kiss ist der neue Treffpunkt der Kreativen im Viertel, wenn nicht der ganzen Stadt. Der Designer Konstantin Grcic wohnt in der Gegend, die Modemacherin Ayzit Bostan hat ihr Büro in der Straße. In wenigen Tagen eröffnet ein Freund der Till-Brüder eine Dachterrassen-Bar namens St. Paul Roofbar, für die sich auf Facebook jetzt schon Tausende interessieren.

Das Kiss ist noch ein Fremdkörper im Viertel: Wer in diesem eleganten Lokal abends bei einem der Barkeeper einen Negroni, das aus Gin, Campari und Wermut bestehende Trendgetränk der Münchner, bestellt, kann zwischen der frisch zubereiteten Variante und der gereiften aus dem Glasfass wählen, die weicher schmeckt.

Die Till-Brüder, Münchner mit französischen Wurzeln, wohnen gemeinsam im ersten Stock. Der ältere, Milen, 31, erzählt, dass er gerade dabei ist, sich aus dem Nachtleben zurückzuziehen und in die Kunstwelt einzusteigen. Nun lebt er seit sieben Wochen abstinent und hat seine Anteile am Lokal an seinen Bruder Amédée abgegeben. "Ich habe vorher in Bogenhausen gewohnt und wusste, dass sich ein Umzug innerhalb von München nur noch in diesen Stadtteil lohnt. Nur hier hast du das Gefühl, in einer ganz anderen Stadt zu leben", sagt Milen Till. Er zeigt auf eine restauranteigene Holzbank, die direkt vor dem großen Fenster zur Straße steht. Darauf sitzt jetzt, wie auch an den meisten anderen Wochentagen, eine geschätzt 70-jährige Frau mit Kopftuch und versucht, Passanten Küchenmesser aus einem am Boden liegenden Pappkarton zu verkaufen. Als einer stehen bleibt, hält sie ein Stück Pappe in die Luft und zerschneidet es demonstrativ. Genau dieses Improvisierte, Unregulierte gefällt Milen: dass sich einfach jemand ohne behördliche Genehmigung auf eine Bank setzt und Messer verkauft.

Die Brüder genießen, dass dieses München nicht die gewohnte Postkartenidylle ist. Sie sehen aber auch die bedrückenden Seiten: Wenn die beiden morgens um halb sieben vom Feiern heimkehren, laufen sie an den Bulgaren und Rumänen vorbei, die montags bis freitags an der Straßenecke auf den "Arbeiter-Strich" gehen, also warten, um von Bussen abgeholt und zu Baustellen gebracht zu werden. Als Amédée einmal vom Waschsalon nach Hause schlenderte, bepackt mit mehreren türkischen Supermarkttüten voll Wäsche, folgte ihm eine Gruppe afrikanischer Flüchtlinge in dem Glauben, Amédée sei auf dem Weg zu einer Spendenaktion. Er erklärte ihnen, dass es sich um seine frisch gewaschenen Klamotten handelte.

Fragt man in umliegenden türkischen und arabischen Callshops, Friseursalons und Gemüseläden, was die Besitzer von der Eröffnung des Kiss halten, hört man zumindest nichts Kritisches.

Der Inhaber eines etwas heruntergekommenen Callshops, an dessen Fensterfront "75 Prozent billiger" steht, ist Mitte 50, Dreitagebart, er hat das Geschäft in den Neunzigern von seinem Vater übernommen. Wegen der Gentrifizierung durch neue Bars und Restaurants mache er sich keine Sorgen, sagt er. Bei den Ladenmieten seien die Spielhallen die größten Preistreiber, weil deren Inhaber bereit seien, dreimal so hohe Mieten zu bezahlen. Aus diesem Grund haben sich 30 Hausbesitzer der Gegend zusammengeschlossen und vereinbart, keine neuen Spielhallen mehr einziehen zu lassen.

Kritisch blicken die alteingesessenen Türkischstämmigen auf die Araber, sowohl auf die Neuangekommenen als auch auf die, die schon länger hier sind. Viele Wohnungen werden an Angehörige reicher arabischer Medizintouristen vermietet, sie bleiben für einige Wochen oder Monate, während ihr krankes Familienmitglied in der Klinik ist. Auch einige Syrer, Iraker und Afghanen sind Ende der nuller Jahre gekommen und haben eigene Geschäfte aufgemacht, Friseursalons zum Beispiel. Für die Türkischstämmigen, die schon länger hier leben, sind sie Konkurrenz. Viele der Gemüseläden werden in zweiter Generation von derselben Familie geführt.

Die größte Ablehnung spürt man in den Gesprächen, wenn es um Rumänen und Bulgaren geht. Der türkischstämmige Besitzer eines Cafés in der Paul-Heyse-Straße, Ende 30, Baseballcap, sagt: "Die stehen von morgens bis spätabends an Straßenecken herum. Meine Frau würde ich abends nicht alleine rumlaufen lassen." Die Konflikte, die es im Viertel gibt, scheinen allerdings nicht öfter zu Gewalt zu führen als anderswo: Die Kriminalitätsrate im Bahnhofsviertel liegt im Münchner Durchschnitt.

Nachmittags um halb zwei stehen in der Landwehrstraße kaum Bulgaren und Rumänen, dafür aber Dutzende arabische und afrikanische Flüchtlinge. Nebenan ist der Eingang zur Moschee. Viele von ihnen sind erst im vergangenen Jahr nach München gekommen. Auf die Frage, wo er herkomme, antwortet ein junger Afghane namens Mohammad: "Kennst du Hallbergmoos?" Eine halbe S-Bahn-Stunde ist er gefahren, um die Schlau-Schule zu besuchen und anschließend zu beten. In die Moschee geht Mohammad fast jeden Tag. "Verdammt", sagt er, "ich bin heute zu spät zum Gebet."

Die neuen Flüchtlinge aus Afrika, Afghanistan und Syrien wohnen vor allem in den Randgebieten Münchens und im Umland. Hier im Viertel verbringen viele ihre Tage, sie besuchen eine der vielen Sprachschulen, zum Beispiel die Integra-Schule oder die Schlau-Schule, Letztere bietet Mittelschulunterricht für minderjährige Flüchtlinge an. Das München der Flüchtlinge besteht aus diesen Schulen, der Moschee in der Landwehrstraße, Callshops, den Gemüse- und Dönerläden der Gegend und generell Bürgersteigen, auf denen sie abhängen.

Die meisten hier stehen zu dritt, zu viert, zu fünft herum. Ein 20-jähriger Iraker, Kazhim, steht da ganz allein. Er trägt einen weißen Kapuzenpulli und Baggy Jeans. Kazhim wohnt in Eching bei München. Vormittags war er in der Moschee, jetzt genieße er noch ein bisschen die Sonne, sagt er. In diesem Moment kommt ein Mittsechziger-Bayer vorbei und schimpft: "Schaut’s, dass ihr Deutsch lernt! Und nicht nur den Fußweg versperrt!" Es ist nicht zu erkennen, ob Kazhim ihn verstanden hat, und übersetzen will man in diesem Moment auch nicht. "Es ist mehr los als in Eching. Ich kann hier Leute ansehen, das macht mir Spaß."

Mittagessen mit Kazhim im Sara, einem Kebab-Restaurant 200 Meter weiter, wir bestellen Lammspieße mit Salat. Fühlt er sich vielleicht auch deshalb hier wohl, weil er hier auf andere Menschen mit ähnlichen Fluchtbiografien trifft? Kazhim verneint. Seine Haltung dem Viertel gegenüber ist pragmatischer: "Ich kenne nicht viel von München. Ein paarmal war ich am Marienplatz. Aber da ist alles sehr teuer." Schade finde er, dass es um den Hauptbahnhof herum kaum Parkbänke gibt. Manchmal setzt er sich auf die Treppen der Theatergemeinde, einer Ticket-Verkaufsfiliale neben der Moschee, wird dann aber meist von einem Security-Mann verscheucht.

Als Reporter, der in München geboren wurde und hier auch aufgewachsen ist, würde man gern berichten, dass von der Willkommensstimmung des vergangenen Herbstes unter den Einheimischen noch viel zu spüren ist. Nur bekommt man davon wenig mit.

In diesen Tagen fallen unter den Münchnern im Bahnhofsviertel drei Gruppen auf. Die Kosmopoliten, junge Kreative wie die Till-Brüder, die sich darüber freuen, dass ihre Stadt ein Viertel hat, das sie ein wenig an London, Berlin, Paris erinnert. Die Pragmatisch-Neutralen, die sagen, dass es ihnen egal sei, woher die Menschen auf den Straßen kommen, solange sie sich an die Gesetze hielten. Und die Ablehnenden, die vor allem auf das Benehmen der Flüchtlinge schimpfen.

In einem Café kann man eine Gruppe von Münchnern mittleren Alters belauschen. Aus dem Gespräch schließt man, dass sie Gymnasiallehrer sind. Eine der Frauen, Anfang 40, erklärt: "Ich verstehe total, warum die Flüchtlinge hierhergekommen sind. Wenn es in meiner Heimat so zugehen würde wie in Syrien, würde ich auch fliehen." Wenige Sätze später sagt sie: "Was ich furchtbar finde, ist, wie die ganzen Flüchtlinge aus Afrika einem in der S-Bahn immer zwischen die Beine schauen. Sogar den Kindern."

Alteingesessene Münchner findet man in den wenigen alten Geschäften. Früher gab es hier viele Elektromärkte, die alle verschwunden sind. Das Tonnadelparadies ist noch da, weil kaum ein anderer verkauft, was Wolfgang Gleich im Angebot hat. Genau wie sein Großvater, der das Geschäft 1919 gründete, handelt Gleich mit Nadeln für Plattenspieler. Er trägt ein Holzfällerhemd und ist 57 Jahre alt. "Die Türken, Kroaten und Araber sind selbstverständlicher Teil dieser Gegend", sagt Gleich. "Manche Kunden haben aber wegen der arabischen Flüchtlinge mittlerweile ein bisschen Angst, in meinen Laden in diesem Innenhof zu kommen. Ich kann aber ganz klar sagen: Ich hatte nie Probleme mit Flüchtlingen. Nie."

Reinhard Pröll, der Mann, dessen Garage sich neben der Moschee befindet, wohnt 20 Jahre hier. Er ist Maschinenschlosser, 58 Jahre ist er alt. Nachdem Pröll endlich seinen Wagen in seine Garage gefahren hat, blickt er auf das Meer an Menschen im Innenhof. "Ich verstehe, warum die hier sind." Mehr müsse dazu nicht gesagt werden, findet er. Pröll gehört zu den pragmatischen Bewohnern des Viertels. Auf die Idee, von hier wegzuziehen, würde er nie kommen. Es sieht so aus, als gefalle ihm dieses neue München ganz gut.

2 — Das Isar-München

Die Münchner hegen eine tiefe Liebe zu ihrem Fluss. Viele werden hier den gesamten Sommer verbringen – und Ausflüge mitten in der Stadt unternehmen.

Fünf junge Frauen und Männer stehen bis zum Bauchnabel in der Isar und trinken Bier. Ihre Taschen haben sie am Ufer abgelegt. Die Sonne strahlt, die nächsten Biere lagern in Griffweite in diesem größten Kühlschrank der Stadt.

Vom Feierabendverkehr auf den umliegenden Straßen ist nichts zu hören. Schließt man die Augen, ist da nur das Rauschen des Flusses. Wenn man jemandem erklären soll, warum die Isar so besonders ist, dann vielleicht so: Im Wasser kommst du dir jedes Mal vor wie in einem Gebirgsbach. Nur halt mitten in der Stadt.

© Laura Edelbacher


Dass die Münchner heute ein so liebevolles Verhältnis zu ihrer Isar hegen, liegt an der Umsetzung des Isar-Plans, der eine "Renaturierung" zum Ziel hatte: Von 2000 bis 2011 befreiten Arbeiter den Fluss von seinen Kaimauern. Sie schütteten stattdessen Kieselsteine auf, legten kleine Inseln an, Treppen und Wiesen. Die Stadt ließ seitdem einiges bleiben, was in anderen Großstädten, durch die Flüsse laufen, normal ist: Es gibt keine Festivals, die den Fluss feiern, so wie man es etwa von den Wienern mit ihrem Donauinselfest kennt. Niemand hat eine Promenade errichtet mit Cocktailbars im Sand wie an der Seine in Paris. Kein Restaurant hat aufgemacht mit Isar-View. Während Flüsse in anderen Städten oft eine wirtschaftliche Teilung bedeuten, in Hamburg zum Beispiel zwischen dem strukturschwachen Wilhelmsburg und der HafenCity, sagt es in München nichts über Geld aus, ob man sich links oder rechts der Isar befindet. Keiner schaut mit Argwohn auf die andere Seite.

Der Gebirgsbach in der Großstadt

Jeder mögliche Eingriff ins Isar-Leben wird in München zum Stadtgespräch. Momentan geht es zum Beispiel um ein Flussbad nach Züricher Vorbild und die Frage, ob man an der Erhardstraße vor dem Patentamt eine Panoramatreppe zur Isar bauen soll oder nicht. Planungsausschüsse tagen, wägen ab, tagen. Es wird zwar gestritten, es gibt Befürworter und Gegner, doch die Grundhaltung wird von keinem in Zweifel gezogen: Niemals soll die Isar durch Kommerz verschandelt werden. Dafür nehmen die Einwohner einiges in Kauf. An der Isar zwischen der Reichenbachbrücke und der Wittelsbacher Brücke sitzen an Sommerabenden Hunderte junger Menschen, doch bis heute gibt es hier nicht einmal eine vernünftige öffentliche Toilette. Sondern nur zwei Dixi-Klos. Als Feiernder geht man ins Gebüsch, als wäre man auf einer Waldwanderung.

Während das Isar-Publikum nach Einbruch der Dunkelheit jünger wird, ist es tagsüber, typisch München, vollkommen gemischt. Eltern mit Kinderwagen, die deutschlandweit bekannten Nackten mit ihrer sonnengegerbten Haut, ineinander verschlungene Paare jeden Alters, Büroangestellte, die unter ihren Anzügen Badeklamotten tragen.

An der Isar kann es für einen selbst im Grunde nur dann ungemütlich werden, wenn man aufstehen und Bier holen muss. Wem das zu viel ist, wartet auf die Verkäufer, die gefühlt im Stundentakt mit ihren Fahrrädern vorbeikommen und unter der Hand kalte Getränke anbieten. Wenn sie mal nicht da sind oder man zusätzlich noch Lust auf eine Wurstsemmel hat, geht man zu den Kiosken. Vor manchen, dem Kiosk Isarwahn etwa, sind Biertische aufgebaut. Dort steckt abends um elf schon mal ein Mann, der seinen 35. Geburtstag feiert, seinen Laptop an die Kiosk-Boxen und spielt die Songs der beiden großen Münchner Hip-Hop-Gruppen Main Concept und Blumentopf. Oder nach einem langen Tag an der Isar sieht man einen Traktor, der vor dem Kiosk hält und frischen Leberkäse und Brezn bringt. Mitten in der Großstadt, auf dem Land.

3 — Made in München

Eine Metzgerei, die ihren Senf selbst herstellt, und eine Gärtnerei, die alte Gemüsesorten wiederbelebt: In München kann man von einheimischen Produkten sehr gut satt werden.

Wie der Restaurant-Besitzer Jochen Kreppel in München einkauft

Mein Küchenchef Thomas Strobl und ich haben im bekannten Münchner Restaurant Atlantik Fisch gearbeitet. Nach vier Jahren aber hatte ich von Hummern, Austern und Thunfischen genug. Ich eröffnete das Upper Eat Side in einer ehemaligen 1860er-Kneipe in Giesing, gegenüber von meiner Wohnung. Das Konzept ist einfach: sehr hohe Produktqualität, wenig Chichi. Es gibt jeden Tag sechs kleine Gerichte für je sechs Euro. Und als Hauptgerichte richtig schwere Stücke Fleisch und Fisch. Mir ist wichtig, dass ich die Hersteller meiner Produkte kenne, und damit meine ich nicht nur das Essen: Das Holz für die Stühle und Tische kommt aus Münsing, der Bruder unseres Küchenchefs Thomas hat dort eine Schreinerei. Die Fotos im Lokal hat mein Bruder gemacht: Münchner Wahrzeichen wie die Frauenkirche, die Siegessäule, die Bavaria.

Mein Küchenchef und ich machen regelmäßig unsere Oberland-Tage: Wir setzen uns in sein altes VW-Cabrio und besuchen Metzger, Gärtner, Röstereien, Fischer, meistens empfohlen durch Gäste. Die Lachsforelle für unser Lachsforellencarpaccio kommt aus der Isar, von der Fischzucht Aumühle. Dazu gibt es eine Radieserl-Vinaigrette, grüne Kräuter und zerlassene braune Butter, die ich bayerisches Olivenöl nenne. Sauerampfer, Sonnenblumenkresse, Wildkräuter und Gurkenblüten bekomme ich von einem wunderbaren Gärtner in der Watzmannstraße hier in Giesing, dem Johannes. Seinen Dill habe ich neulich für unser Gurkensorbet mit Sauerrahm verwendet. Die Gurken habe ich aus der Gärtnerhalle in der Großmarkthalle, wo es auch ausgezeichnete Tomaten und Erdbeeren gibt. Die Münchner Metzger "Jäger und Sammler" beziehen ihr Biofleisch aus dem Salzburger Land, die liefern mir seltene 750-Gramm-Ochsenrippen. Für Privatleute praktisch: Das Fleisch kann man sich per App schicken lassen. Die Jungs von "Tilmans Biere" leisten auch gute Arbeit. Die haben mir neulich eines vorbeigebracht, das sie mit Basilikum, Ingwer und Pfefferminze gebraut haben. Entspricht nicht dem alten Münchner Reinheitsgebot, aber: was für ein Sommerbier! Und einen Tipp noch: Auf dem Weg nach Italien nicht nach 40 Minuten bei McDonald’s am Irschenberg halten. Lieber am Irschenberg ein paar Meter weiter in die Dinzler Rösterei fahren, in der man den besten Espresso für einen Euro bekommt.

Jochen Kreppel, 30, ist Inhaber des Restaurants Upper Eat Side, Werinherstraße 15 in München-Giesing

4 — Jetzt oder nie

In der Stadt mit den höchsten Nettokaltmieten Deutschlands ist es kompliziert, neue Cafés, Galerien oder Modeläden zu eröffnen. Die Lösung: Zwischen- und Umnutzung

5 — Das FC-Bayern-München

Wo kauft Jérôme Boateng seine Brillen? Wo holt sich Robert Lewandowski morgens seinen Green Smoothie? Und wohin geht Xabi Alonsos Frau gerne Essen?

© Laura Edelbacher

6 — München für jedermann

Der Traditions-Italiener an der Großmarkthalle, das Wirtshaus mit selbst gebrautem Bier: Wenn in München ein Lokal gut ist, kommen wirklich alle

Es gibt nicht viele Vokabeln, deren Erwerb dem außerbayerischen Gast beim Besuch der Landeshauptstadt anzuraten ist. Doch da es hier um das bayerische Wirtschaftsleben geht, genauer: das Leben in der Wirtschaft, also der Gastwirtschaft, ist der Ausdruck "oiso" zum gelegentlichen Gebrauch durchaus anzuraten. Die soziale Funktion eines je nach Temperament mal resigniert, mal aber auch kraftvoller ausgestoßenen "oiso" ist mit dem hochdeutschen Äquivalent "also" bloß unzureichend umschrieben. Sie gleicht am ehesten dem britischen well: So, wie der Engländer vom mühsam beherrschten Missfallen ("Das ist jetzt nicht Ihr Ernst!") bis zum wohlwollenden Schnurren der Zufriedenheit so ziemlich alles in dieses kurze Wörtchen zu verpacken vermag, so vermag der Bayer mit einem minimalistisch gesetzten "oiso" die gesamte gastronomische Spannbreite eines Sonntagvormittags auszudrücken – von aufgebrachter Bestürzung über die ungenügende Qualität des Schweinebratens bis zur wohligen Behaglichkeit über das dritte Bier vorm Mittagsläuten.

Der Münchner Wirtshaus-Frieden

Oiso, das Fraunhofer. Hier mit einem Lobpreis des Münchner Wirtshauses zu beginnen scheint mehr als angemessen, da zum einen am hiesigen Schweinebraten nie etwas auszusetzen ist, nicht einmal der Preis. Vor allem aber verkörpert das Fraunhofer jenen sehr besonderen inneren Frieden der Münchner Gastronomie, welche im Kern eine Bürgerkriegsökonomie darstellt. Denn um die Rolle von Wirtshaus, Kaffeehaus und Biergarten in München zu verstehen, muss man Bayern als Bürgerkriegsland begreifen. Seit der Gründung – und Niederschlagung – von Deutschlands einmaliger Räterepublik vor hundert Jahren sind hier die Schwarzen und die anderen in ein erbittertes Ringen um die Oberhand verwickelt. Dass es die letzten 70 Jahre zum Äußersten nicht gekommen ist, ist der befriedenden Wirkung des Prinzips Biergarten zuzuschreiben: Die Kombination aus Bier und Garten hat die ewigen Mehrheits- und Rechthaber von der Staatspartei CSU ein bissl weniger herrschsüchtig gemacht und die dauernden Möchtegern-Revoluzzer von Kurt Eisner bis Konstantin Wecker etwas weniger rebellisch (oder resigniert, je nach Gemütslage).

© Laura Edelbacher

Sieht man vom gelegentlich sachfremd eingesetzten Bierkrug ab, profitiert das Gastgewerbe in der Stadt also seit bald hundert Jahren von einer Art Münchner Wirtshausfrieden, wo anders als im übrigen Bayern die Roten keineswegs hoffnungslos unterlegen und die Schwarzen nicht automatisch überlegen sind.

Sosehr München angesichts dieser komplexen Historie bei manchen Zugereisten der Ruf vorauseilt, eine schwer zugängliche Stadt zu sein: In der Gastronomie geht es offener, bunter, gemischter zu, als es selbst Berlin mancherorts zuwege bekommt. Und immer wieder täuscht der erste Eindruck.

Die Täfelung dunkel, an der Wand Geweihe, und auch der Kini grüßt herab (es gibt nur einen: Ludwig II.): Wer im Fraunhofer seinen Schweinebraten verspeist, aber nicht von hier ist, der wähnt sich im tiefsten, ewigen CSU-Land. Tatsächlich geht die Wirtschaft auf Ursprünge in so ferner Vergangenheit zurück, dass die Isar damals noch vor den Toren der Stadt lag. Aber das heutige Fraunhofer verdankt seinen Ruf einem 68er-Revival. Seitdem stützt sich seine Popularität neben Knödeln und Speckkrautsalat auch auf linksgestrickte Volksmusik im Hinterhof und die Katzensprung-Nähe zu den Freunden des gehobenen Kettensägenmassakers im benachbarten Werkstattkino.

Dann ist da das Café Reichshof in Haidhausen, auch so ein Fall. Klingt wie AfD. Ist aber voll bio. Bio-Bäckermeister Neulinger und Frau haben hier in eine Traditionswirtschaft eine lichte Öko-Insel hineingezaubert, wo man die handgewalkten Brotlaibe, Brezeln und Zwetschgennudeln aus der Backstube auch vor Ort verzehren kann. Die Pizzeria um die Ecke hatte jahrelang einen Zeitungsausschnitt im Schaufenster hängen, wonach Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck (Das Leben der Anderen) hier am Platz wohnte. Irgendwann war die Zeitung verblasst, und der Oscar-Ruhm ist es wohl auch, jetzt hängen nur noch die Pizzapreise aus. Bäcker Neulingers Ruhm dagegen ist stetig gewachsen, dank seiner sehr münchnerischen Form einer schwarz-grünen Koalition: beim Handwerk traditioneller als die CSU, bei den Zutaten ökologischer als mancher Grüne. Wobei Grün in Bayern heißt: Hier werden auch Weißwürste serviert.

Bleibt die Frage: Kann man auch das Too-much- München verteidigen, das grelle, das bunte, das Von-allem-ein-bissl-zu-viel-München? Man muss, unbedingt, alles andere wäre heuchlerisch. Das Café Münchner Freiheit etwa ist der Biergarten unter Münchens Kaffeehäusern. Hier finden München-Hasser alles, was sie immer schon verabscheuten (zu große Sonnenbrillen, zu satte Mundart, zu viele Bussis), aber auch die Torten und Eisbecher sind eben die eine Nummer zu groß, die es braucht, damit man sicher (und zufrieden) sein kann: Es ist München hier.

Gleichzeitig ist hier auch ein altes München zu Hause, das sich erhalten hat, ausgerechnet hier, wo so viel dagegenspricht, das Geld und der Lärm und die Bussis. Und so finden sich unter den riesigen roten Sonnenschirmen auch die verbliebenen Schwabinger Omas aus ihren dunklen Nachkriegswohnungen mit den günstigen Mietverträgen, dazu die ähnlich selten gewordenen Vertreter der Schwabinger Rest-Boheme. Cornelius Gurlitt hat um die Ecke gewohnt und jahrzehntelang unerkannt, stumm und verbissen seinen Bilderschatz gehortet und gehütet. Manchmal wiederum radelt Rainer Langhans vorbei, ja, der von der Kommune 1. Und als sei’s ihm aufgetragen, all diese München-Welten miteinander zu versöhnen, sitzt inmitten der Cafégäste einer, der viel lieber gegrantelt hat, als Frieden zu stiften. In Bayern weltberühmt ist Helmut Fischer gewesen, der Protagonist aus Helmut Dietls Serie Monaco Franze, deren Nachruhm jenseits der Landesgrenzen von Dietls noch größerem Erfolg ramponiert wurde, Kir Royal. Inmitten dieses Jahrmarkts der Eitelkeits-Torten sitzt Monaco Franze also da, der ewige Kaffeehausgänger, als Bronzestatue an seinem Kaffeehaustisch. Und auch die Statue ist eine Nummer zu groß.

Mitarbeit Karten: Julia Rothhaas