Ich habe einen Traum Omar Sy

"Ich fahre auf meinem blauen Fahrrad über das Dach – hinauf in den Himmel"
ZEITmagazin Nr. 23/2016

Ich bin in der Pariser Banlieue aufgewachsen, in Trappes. Wir lebten zu zehnt in vier sehr kleinen Zimmern, mein Vater arbeitete in einer Fabrik, meine Mutter ging putzen. Mein einziger Traum war es, dieser Gegend zu entkommen. Ich wollte ein besseres Leben, nicht das, das für mich vorgesehen war. Ich wollte nicht kriminell werden, aber ich wollte auch nicht in einer Fabrik arbeiten und in meinem Viertel bleiben. Mein Eindruck war, dass man uns dort halten wollte – die Lehrer, Sozialarbeiter und Politiker. Ich wollte raus.

Zum Glück ist mir das gelungen, auf eine Art und Weise, von der ich nicht zu träumen gewagt hätte. Mein Plan war, Elektroingenieur zu werden, nach Afrika zu gehen, in den Senegal, die Heimat meines Vaters, und dort beim Aufbau des Landes mitzuarbeiten.

Meine Eltern hatten ihre afrikanische Heimat verlassen. Ihre Träume von einem besseren Leben, vor allem für ihre Kinder, sind der Grund, warum ich in Frankreich geboren und aufgewachsen bin. Und ich wollte dieses bessere Leben auch, um meinen Eltern zu zeigen, dass ihre Entscheidung richtig war.

In den letzten Jahren ist die Situation der Jugendlichen in der Banlieue noch schwieriger geworden. Viele sehen kaum noch eine Chance, rauszukommen. Sie haben ihre Träume verloren. Ich wünsche mir sehr, dass sie die wiederfinden. Das müssen sie einfach. Wie soll man etwas erreichen ohne Träume? Deshalb müssen wir es schaffen, dass Träumen für sie wieder möglich wird.

Ich erinnere mich noch sehr gut an einen wiederkehrenden Traum, den ich mit zehn Jahren zum ersten Mal hatte und der mich die nächsten Jahre über begleitet hat. In diesem Traum fahre ich auf meinem blauen Fahrrad auf dem Dach des Gebäudes entlang, in dem wir wohnten. Als das Dach endet, fahre ich weiter, immer höher hinauf in den Himmel. Eigentlich ist es das Fahrrad, das durch die Luft fährt, ich habe keine Kontrolle darüber. Dieser Kontrollverlust macht mir Angst. Aber es ist auch sehr aufregend. Möglich, dass ich in meiner Kindheit zu oft E.T. gesehen habe. Vielleicht symbolisiert dieser Traum aber auch meine Sehnsucht, die Welt, in die ich hineingeboren wurde, zu verlassen und an einen besseren, mir noch unbekannten Ort zu gelangen.

Mein Leben ist heute reicher und schöner, als meine Träume es je waren. Trotzdem begleiten mich meine Ängste immer noch. Mein schlimmster Albtraum, meine größte, existenzielle Angst ist es, nicht geliebt zu werden, der Liebe nicht wert zu sein. Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass ich Komiker und Schauspieler geworden bin. Ich bin froh, dass meine Frau und ich schon vor meiner Karriere ein Paar waren. Sonst würde ich mich ständig fragen, ob sie wirklich mich liebt oder nicht eher den erfolgreichen Schauspieler.

Es fällt mir sehr schwer, über meine Ängste zu reden. Ehrlich gesagt versuche ich die meiste Zeit meines Lebens, sie zu verdrängen, mich nicht mit ihnen zu beschäftigen, wenn kein Anlass dazu besteht. So gelingt es mir, glücklich zu sein.

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