Harald Martenstein Über rhetorische Ausweichmanöver

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 24/2016

Kürzlich wurde mir im Netz "Whataboutismus" vorgeworfen. Ich hatte keine Ahnung, was das ist, obwohl es nur zwei Monate vorher in einem Leitartikel der ZEIT erklärt worden war.

Beim Whataboutismus handelt es sich um einen kommunikativen Trick. Besonders beliebt war diese Sache in der Sowjetunion, heute wird es gerne von den Anhängern des Präsidenten Putin gemacht. Wenn man ihnen die Besetzung der Krim vorwirft, antworten sie zum Beispiel: "Und was ist mit Guantánamo?" Auf Englisch: "What about Guantánamo?" Dieses Straflager ist ebenfalls eine höchst fragwürdige Angelegenheit, nur halt eine im Machtbereich der USA.

Man antwortet auf einen Vorwurf einfach mit einem Gegenvorwurf, wobei dieser Gegenvorwurf sachlich richtig ist, nur erfüllt er hier den einzigen Zweck, dem Gegner durch Themenwechsel den Mund zu stopfen und von eigenen Verfehlungen abzulenken. Positiv am Whataboutismus ist die bereits in dem besagten Leitartikel erwähnte Tatsache, dass es sich wenigstens nicht um eine Männerdomäne handelt. Nach der Silvesternacht von Köln, als es Kritik an muslimischen Männern gab, sagten einige Feministinnen: "Was ist mit dem Oktoberfest? Da werden auch Frauen angegriffen."

Fast kein Mensch und fast kein Staat und erst recht fast keine Gruppe der Welt ist frei von Schuld, man findet also eigentlich immer was zum Vorwerfen. Wenn der Papst den Syrer Assad kritisiert, könnte Assad einfach sagen: "Und was ist mit den pädophilen Priestern?" Seit ich den Trick kenne, merke ich, dass die Talkshows zu einem großen Teil aus Whataboutismus bestehen. Als Oskar Lafontaine auf die Mauertoten angesprochen wurde, stellte er die Gegenfrage: "Was ist mit den Toten im Mittelmeer?" Der Gegenvorwurf kann ruhig weit hergeholt sein, immerhin handelt es sich bei der Mauer und der Flüchtlingskatastrophe um recht verschiedene historische Phänomene. Es gibt aber beim Weitherholen eine Grenze. Wenn Lafontaine zur Mauer gesagt hätte: "Und was ist mit dem Oktoberfest?", dann wäre dies zu durchschaubar gewesen. Wenn die Feministinnen nach der Silvesternacht aber gesagt hätten: "Und was ist mit den pädophilen Priestern?", dann hätte dies vielleicht sogar funktioniert.

Auf der Website, auf der ich das Lafontaine-Beispiel gefunden habe, arprin. Gedanken eines liberalen Atheisten, steht auch die Schlagzeile, mit der die Nazipresse auf die internationale Kritik an der Pogromnacht von 1938 reagierte: Londoner Hetze wegen Glasscherben – aber kein Wort über zerstörte Araberdörfer in Palästina!

Bei der Suche nach dem Erfinder des Whataboutismus ist "arprin", für einen kämpferischen Atheisten nicht ganz überraschend, auf Jesus gestoßen. Als die Pharisäer eine Ehebrecherin zu Jesus brachten, sagte er: "Wer von euch frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein." Ich sehe da allerdings einen Unterschied zu Putin, im Gegensatz zu Putin oder Lafontaine geht Jesus nicht zum Gegenangriff über, er nimmt lediglich die Ehebrecherin in Schutz. Ich glaube, jeder Mensch erfindet, ganz ohne Jesus, den Whataboutismus für sich neu. Und zwar als Kind. Ein anderes Kind ruft: "Du bist doof!", und was antwortet man? "Selber doof."

Wenn Sie die Katze Ihrer Nachbarin getreten haben, und die Halterin beschwert sich, fragen Sie einfach, was eigentlich mit dem Leiden der Tiere in den Schlachthöfen ist. Katzen essen Fleisch. Und wenn sie mir im Internet noch mal Whataboutismus vorwerfen, dann lautet meine Antwort: Was ist mit Oskar Lafontaine?

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

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Im Sinne des Religionsstifters Jesus war die einzige "echte Lösung" aber das Selbstopfer am Kreuz. Das wollen wir doch nicht etwa unseren Mitmenschen anempfehlen - wäre auch Blasphemie. "Keine absolute moralische Kategorie?!" Doch, doch - es gibt schon welche: Sie stehen drin im Dekalog (nicht der ganze, wohlgemerkt) wie auch in der Charta über die Menschenrechte. Darunter tun wir es nun auch wieder nicht. Allerdings gibt es im Gange einer "konstruktiven Kommunikation" sofort wieder Interpretationsunterschiede (aus differierenden Interessen: bestes Beispiel: das famose Pseudo-"Krim-Referendum" Putins), die dem jeweils Anderen aufzuzwingen leicht missionarische Züge annimmt. "Grüne Männchen" sind ein probates Mittel, einen "Whataboutism" in die handhafte Tat umzusetzen.

"Jesus hat ganz recht. Das Bewerfen mit Steinen und Schmutz ist das grundsätzliche Übel, nicht ein sog. "Whataboutismus"."

Die Stelle in der Bibel geht ja aber noch weiter - Jesus nimmt nicht bloß die Ehebrecherin in Schutz, sondern sagt danach zu ihr auch:

"Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr!" (Johannes 8,11)

Es ist gerade kein "Whataboutism", indem er ablenkt auf die Sünden der anderen, sondern er fordert von ihr auch Einsicht und Besserung, aber eben keine Strafe für sie.

„Nach der Silvesternacht von Köln, als es Kritik an muslimischen Männern gab, sagten einige Feministinnen: ,Was ist mit dem Oktoberfest? Da werden auch Frauen angegriffen.‘“

Das Beispiel mit den Feministen zeigt, dass Sie das Konzept des Whataboutism leider nicht gänzlich erfasst haben. Wichtig beim Whataboutism ist, wer den Gegenvorwurf mit welcher Absicht vorbringt.

Die erwähnten Feministen waren weder Angeklagte noch Kläger, sondern eher Fürsprecher der Opfer. Sie wollten einen Teil der Kläger auf eine verzerrte Darstellung des Problems hinweisen: Nicht nur die mutmaßlich nordafrikanischen Männer begehen sexuelle Übergriffe, sondern auch nicht-nordafrikanische Männer. Dieser Hinweis diente dazu, die Verengung auf eine bestimmte Gruppe von Tätern zu widerlegen.

Beim Whataboutism versucht der Angeklagte oder dessen Fürsprecher hingegen die Schuld des Angeklagten kleinzureden, indem er oder sie auf die Schuld anderer verweisen und implizieren, dass wegen der Schuld des Anderen das eigene Vergehen nicht so schlimm sein könne oder das Strafmaß ungerechtfertigt sei.

Ein weiterer Aspekt des Whataboutism ist der Versuch, die Diskussion über ein Thema zu verhindern, indem vom Thema weggeführt wird.

Bei dem Verweis der Feministen sehe ich nicht, dass vom Thema weggeführt wird, sondern einfach, dass das sexuelle Übergriffe durch nicht-muslimische Männer genauso zu werten seien wie durch muslimische Männer.