Stilkolumne Die Welttasche

ZEITmagazin Nr. 24/2016

Es ist manchmal ein großer Unterschied, was Designer für ihre Mitmenschen ersinnen – und welche Designs wirklich die Welt prägen. Beispielsweise werden jedes Jahr Hunderte neue Stühle entworfen. Aber der Stuhl, den man tatsächlich überall auf der Welt trifft, ist ein weißer, stapelbarer Plastikstuhl. Auch bei Taschen gibt es ein Äquivalent. Die geräumige, quaderförmige PVC-Tasche mit Reißverschluss und Karomuster-Aufdruck. Kaum eine Tasche kann mehr fassen, und keine andere hat eine solche Verbreitung gefunden. Gewissermaßen ist sie die Welttasche. Niemand kann wirklich sagen, wie diese Tasche genannt wird, denn überall auf der Welt hat sie andere Namen. In New York heißt sie China bag, weil die Taschen aus China kommen. In Deutschland nennt man sie Polenkoffer, weil sie massenhaft auf den in den neunziger Jahren verbreiteten Polenmärkten anzutreffen war. In Nigeria nennt man die Tasche Ghana-must-go bag. Dahinter steckt eine traurige Geschichte. Im Januar 1983 verwies der damalige Präsident Alhaji Shehu Shagari alle Immigranten ohne gültige Papiere des Landes. Dies waren vor allem Ghanaer. Über eine Million von ihnen mussten ausreisen – ihre Habe in jenen Plastiktaschen verpackt.

Es geschieht selten, dass sich ein Gegenstand in solcher Weise verbreitet. Er muss praktisch sein und ein Design haben, das auf der ganzen Welt intuitiv akzeptiert wird und gleichsam zeitlos ist. In diesem Fall werden die Taschen in China hergestellt – das Karomuster allerdings wurde in Indonesien entworfen. Es ist bestimmt kein Zufall, dass zwei der bevölkerungsreichsten Länder an dem Massenprodukt schlechthin beteiligt waren.

Marc Jacobs hat in seiner Zeit als Designer von Louis Vuitton diese Tasche einmal in eine Kollektion integriert, indem er das Design und das Material übernahm und das LV-Logo daraufdruckte. Auch Céline-Designerin Phoebe Philo kreierte eine kleine Hommage an diese Tasche, als sie das Muster in einer ihrer Kollektionen auftauchen ließ. Es dauerte allerdings noch etwas, bis ein Designer auf die naheliegendste Idee kam. Der Berliner Designer Chris Rehberger hat unter dem Label CCD nun diese Tasche als Standard Bag neu erfunden: in gewebtem Leder und in drei Größen. Als Handtasche, Weekender und Maxi-Bag. Sie ist bei Andreas Murkudis in Berlin oder online unter www.livingstandards.net erhältlich. Die in Handarbeit hergestellten Taschen sind genauso schön wie das Vorbild, haben allerdings einen Vorteil: Sie gehen nicht so schnell kaputt.

Foto: Peter Langer / Standard Bag 01 von CCD, 850 Euro

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