Gesellschaftskritik Über einen weiblichen Bond

© Frazer Harrison/Getty Images
ZEITmagazin Nr. 25/2016

Emilia Clarke wäre gerne jemand anderes. Ihr sollte das leichterfallen als unsereins, denn Clarke ist Schauspielerin, in Game of Thrones spielt sie die Daenerys Targaryen. Ende Mai verkündete sie: "Ich wäre gerne Jane Bond." Bond? Jane Bond? Ja, tatsächlich – plötzlich gibt es weibliche Bewerber um die Nachfolge von Daniel Craig. Der hatte seine Bereitschaft, erneut den Geheimagenten mit der Ordnungsnummer 007 zu verkörpern, im Herbst so umschrieben: "Lieber schneide ich mir die Pulsadern auf." Seither ist die Besetzungsfrage offen. Und warum sollte 007 im nächsten Film nicht weiblich sein? Doppelnull minus Testosteron, plus zweitem X-Chromosom?

Bereits eine Woche vor Clarke hatte sich Gillian Anderson ins Gespräch gebracht, indem sie eine Fotomontage von sich auf einem 007-Plakat twitterte. "Weiß nicht, wer dieses Poster gemacht hat, aber ich liebe es!" – schon klar. Mit Anderson bewirbt sich eine Fachkraft, mehr als 200 Folgen lang verkörperte sie die FBI-Agentin Dana Scully in der Serie Akte X. Aber egal, ob Clarke, Anderson oder auch die Bollywood-Königin Priyanka Chopra ihre Doppelnull-Ambitionen bekundeten, diskutiert wurde schnell kategorisch. Die Contra-Fraktion: Eine Frau würde treue Fans verschrecken. Die Pro-Fraktion: Eine Frau würde für frischen Wind in dem Endlos-Epos sorgen.

Wir Nicht-Schauspieler in unserer spezialeffektefreien Welt voller Kanzlerinnen und Astronautinnen, Fußballeuropameisterinnen und jeder Menge Chefinnen verfolgen amüsiert, welche Widersprüche die vermeintliche Kreativindustrie gebiert. Vertraut sie doch auf erfolgreiche Fortsetzungen oder Neuauflagen alter Erfolge, die überraschend sein sollen, aber gleichzeitig auch nicht zu überraschend. Wenn es darum geht, in solchen Remakes Männerfiguren durch Frauen zu ersetzen, ist Gemäkel sicher. Wie beim weiblichen Ghostbusters, der vor seinem Kinostart im Juli heftig kritisiert wurde. Und wer weiß, was Laverne Cox (Orange is the New Black) sich im Herbst anhören muss, die in der recycelten Rocky Horror Picture Show den transsilvanischen Hausherrn Frank N. Furter spielt. Rollentausch, das scheint in der Realität unkomplizierter zu sein als in der Fiktion. Aber ist er auch genauso verlockend? Sollte der nächste Bond tatsächlich weiblich werden, müssten statt Bond-Girls natürlich Bond-Boys her, neue Männerrollen also! Und Emilia Clarkes erste Wahl wäre dann Leonardo DiCaprio.

Kommentare

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Weiblicher Bond heißt mit 99%iger Wahrscheinlichkeit, dass dann da irgendeine der aktuellen Hollywood-Barbies kampfsportelnd und irgendwie den Kerl rauskehrend durchs Bild rennt. Natürlich müssen dann permanent männerfeindliche Sache eingebaut, in die Nüsse getreten und aggressiv gevögelt werden (weil so emanzipiert und so dominant und so)...solche Frauenrollen trifft man mittlerweile in jedem x-beliebigen Film...gähn.

Ich halte davon überhaupt nichts und finde es auch nicht besonders kreativ, einfach die männliche mit einer weiblichen Hauptrolle zu besetzen. Wenn sie gerne eine Agentin in Abenteuer schicken wollen, dann bitte ein neues Format und sich nicht auf den Bekanntheits- und Beliebtheitsbonus ausruhen. Darüberhinaus funktioniert das sowieso nicht. Wer Bond-Filme mag, mag auch den Sexismus, der in diesen verkörpert ist.