Ich habe einen Traum Sibylle Berg

"Ich muss nur mit Menschen zu tun haben, wenn ich das will"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 25/2016

Ich bin die Meisterin des Langweiltraumes. Manchmal wache ich auf, weil ich mich beim Träumen so langweile, dass ich dieses Jammertal sofort verlassen muss. Ein Beispiel? In meinem Traum stehe ich auf und schaue aus dem Fenster. Und dann gehe ich einkaufen. Fertig. Alle paar Jahre kommt dann ein Flugzeugtraum. Ein wenig bedrohlicher, aber auch langweilig. Ich bin in einem Flugzeug. Keine Pointe.

Diese für mich aufregende Variante setzte ein, als ich in Hamburg studierte. Ozeanografie. Und merkte, dass ich doch nicht Wissenschaftlerin, sondern Schriftstellerin werden muss. Das klingt pathetisch. Sorry. Ich war jung. Aber es ging um mein körperliches Wohlgefühl. Nach dieser Entscheidung wurde mein Leben außerhalb des geschützten akademischen Umfeldes anstrengend. Schlechte Jobs, von mir schlecht ausgeführt, die Angst, im Schreiben nie einen eigenen Ton zu finden. Nie die direkte Verbindung zwischen Hirn und Hand. Ich habe keine gut klingende Erklärung, warum ich beruflich schreiben wollte. Keinen Traum. Kein: Ich will berühmt werden oder Joan Didion, vielleicht wollte ich die Welt retten. Und relativ selbstbestimmt leben, und zwar in der Schweiz. Dem Land, das die größte Deckungsgleichheit zu meiner Langsamkeit darstellt. Für ungefähr fünfzehn Jahre bestand mein Leben aus brennendem Ehrgeiz, Unsicherheit, dem mit wenig Geld ausgeführten Bereisen der Welt, um mehr zu verstehen und etwas zu sagen zu haben. Ich betrachtete alles und schämte mich dafür.

Ich war immer Straight Edger ohne die dazugehörige Gruppe. Ich wollte nie Ablenkung, Rausch oder eben auch Träume. Ich wusste, wenn nichts von außen, also Krieg, Wahnsinn, Krankheit, dazwischenkommt, kann nur ich mir das Leben so einrichten, wie ich es mir wünsche.

Seit zwanzig Jahren habe ich die Idee meines Lebens materialisiert. Ich wohne in der Schweiz, ich begreife sie als Heimat, ich lebe vom Schreiben, ich muss nur mit Menschen zu tun haben, wenn ich das will. Ich bin fast jeden Tag glücklich. Außer wenn die Außenwelt zu stark wird. Die Veränderung der Welt, wie wir sie kannten. Ich bedauere mithin, dass ich nicht doch Wissenschaftlerin geworden bin, um in einer hermetisch abgeschlossenen Blase zu existieren.

Immer wieder streift mich fast Hass zu nennende Abneigung ... Seitdem ich publiziere, arbeiten sich manche, vornehmlich männliche Kulturbetriebler an mir ab. Es scheint, als stünde ich für alles, was sie nicht begreifen können. Frauen zum Beispiel. Sie wollen eine Ordnung wiederherstellen, in der eine Schriftstellerin nie die Welt erklären kann. Sie wollen mir nichts Böses, aber ich soll einfach weggehen.

Meine große persönliche Freiheit ist es, zu bleiben und Erwartungen nicht zu entsprechen. Ich träume davon, dass ich weiter den Luxus habe, zu tun, was ich will, dass es Menschen gibt, die das interessiert. Und dass ich erst verschwinde, wenn mein Leben überraschend nach 130 Jahren endet.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

60 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

Langweiltraum, das hört sich für mich schön an. Ich weiß nicht, warum so viele Menschen der Langeweile nichts abgewinnen können. Ich träume oft sehr spannend (Atomexplosion, Flugzeugabsturz), scheinbar so oft, dass mein Traum-Ich davon gelangweilt ist. Es reagiert immer sehr unterkühlt auf Katastrophen und kommentiert lakonisch.

Frau Bergs Texten kann ich immer etwas abgewinnen. Ich wünsche ihr, dass sie alle Kulturbetrieb-Spackos um das Doppelte überlebt!