Zlatan Ibrahimović "Ohne meine Frau wäre ich eine Zumutung"

ZEITmagazin Nr. 25/2016
Eine Begegnung mit dem Fußballer Zlatan Ibrahimović in Paris. Ein Interview von und

Zlatan Ibrahimović sitzt schweigend vor dem Spiegel in einem Pariser Fotostudio und bekommt die Haare frisiert. Es ist halb acht abends. Gestern um Mitternacht war der Termin noch kurzfristig um zwei Stunden vorverlegt worden, heute dann wurde er um sechs Stunden nach hinten geschoben. Seine Entourage – einer der Männer trägt eine exakte Kopie von Ibrahimovićs Frisur – wirkt auf groteske Weise unterkühlt. Es ist ein wenig so, als wäre man zu einem Interview mit dem Terminator gekommen: Da gibt es jetzt wirklich nichts zu lachen.

Unter den Weltfußballern ist Ibrahimović der mit dem klarsten, schärfsten Image: großmäulig, unberechenbar, ein Ego-Shooter. Er hat die Sorte raue Jugend gehabt, die ihm noch heute eine besondere street credibility verleiht: Er ist ein Junge aus dem Migrantenviertel Rosengård in Malmö. Die Mutter Putzfrau, der Vater Trinker. Zlatans Wille, es von ganz unten nach ganz oben zu schaffen, führt ihn zunächst zum Fußballclub FC Malmö. Ajax Amsterdam wirbt ihn ab. Wechsel zu Juventus Turin, Inter Mailand, Barcelona, zum AC Mailand, zuletzt zu Paris Saint-Germain, wo er vier Jahre blieb, so lange wie nirgends zuvor. Allein für diesen Club hat er 156 Tore geschossen.

Wer Ibrahimović interviewt, muss damit rechnen, dass etwa die Hälfte seiner Antworten klingt wie aus dem Mund einer Actionfigur: "Glaubst du an Jesus? Dann glaubst du an mich", "Wer mich stoppen will, muss mich umbringen". Als er vor wenigen Wochen seinen Abschied aus Paris auf Twitter ankündigte, schrieb er: "Ich kam als König und gehe als Legende."

Im Stehen wirkt Ibrahimović dann auch groß wie ein Braunbär. Und trotzdem jungenhafter, weicher, irgendwie lieber als gedacht. Die reine, glänzende Haut, der akkurat gestutzte Bart: Zlatan Ibrahimović sieht nicht nach Straße, sondern nach teuren Gesichtscremes aus. Er lacht viel. Dieser Mann ist im Gegensatz zu seiner Entourage selbstironisch und höflich. Es wird ein offenes Gespräch, den PR-Leuten zu offen – sie unterbrechen es mehrfach. Keine Fragen zu Zlatans fußballerischer Zukunft, lautet die strikte Ansage – um den Stürmer buhlen derzeit Vereine auf der ganzen Welt. Dafür bitte viele zum Sportmode-Label A–Z, das der Fußballer in diesen Tagen auf den Markt bringt. Zlatan lässt das Interview laufen. Sich nicht an die Vorgaben zu halten scheint ihm zu gefallen.

ZEITmagazin: Herr Ibrahimović, wie viel Testosteron braucht es, um als Mann einen Zopf zu tragen?

Zlatan Ibrahimović: Ich glaube an die Geschichte von Samson: Je länger die Haare, desto stärker bist du. Würde mir jemand den Zopf abschneiden, ginge meine Kraft verloren.

ZEITmagazin: In Amsterdam und Turin trugen Sie Ihr Haar noch leicht verstrubbelt und offen. Mittlerweile kennt man Sie nur noch mit diesem strengen, kontrollierten Look, fast wie Karl Lagerfeld.

Ibrahimović: Ich habe diesen Stil für mich gefunden, als ich in Italien lebte. In Mailand lernt man, auf sein Äußeres zu achten. Ich habe viele Sachen ausprobiert, aber mit den langen Haaren fühle ich mich stark und selbstbewusst.

ZEITmagazin: Gibt es Kollegen, mit denen Sie über Mode sprechen?

Ibrahimović: Es werden eher Witze gemacht. Wenn einer mit einer neuen Frisur oder einer neuen Jacke in die Umkleidekabine kommt, kann er sich ziemlich sicher sein, dass das kommentiert wird. Man sieht vielen Spielern nun mal an, dass sie stundenlang vor dem Spiegel stehen – es wirkt alles zu gewollt. Was Geschmack angeht, kommt bis heute keiner an David Beckham heran. Und manche Trainer sehen sehr klassisch und elegant aus. Zinédine Zidane und José Mourinho zum Beispiel, die selbst mal Spieler waren. Aber die sind natürlich auch älter als wir Spieler, reifer.

ZEITmagazin: Der Dokumentarfilm Ihr redet, ich spiele begleitet Ihren Weg vom Nachwuchstalent aus Malmö zum Profifußballer. In diesen ersten Jahren wirkten Sie oft ein wenig verloren.

Ibrahimović: Als ich 2001 zu Ajax kam, habe ich mich zunächst sehr einsam gefühlt. Ich bin allein nach Amsterdam gezogen, und meine Freunde waren weit weg von mir. Im ersten Monat habe ich mir ein teures Auto gekauft. Ich musste sogar einen Kredit bei der Bank aufnehmen und bin dann, weil ich meine Miete nicht mehr bezahlen konnte, einen Monat bei meinem Teamkollegen Maxwell eingezogen. Das war eine sehr schwere Zeit. Aber sie war auch wichtig. Mental hat mich diese Phase stärker und unabhängiger gemacht.

ZEITmagazin: Sie gründeten dann früh eine Familie, mit 25 Jahren. Ihre beiden Söhne sind heute acht und neun Jahre alt.

Ibrahimović: Ich habe zwei kleine Ninjas zu Hause, ja.

ZEITmagazin: Wollten Sie alles anders machen als Ihre Eltern?

Ibrahimović: Wieso?

ZEITmagazin: Ihre eigene Kindheit war hart: Ihre Eltern trennten sich, als Sie zwei Jahre alt waren. Sie wuchsen bei Ihrer kroatischen Mutter auf, die Sie mit dem Kochlöffel verprügelte. Dann bei Ihrem bosnischen Vater, der seine Erinnerungen an den Balkankrieg im Alkohol ertränkte.

Ibrahimović: Ich mache meinen Eltern keinerlei Vorwürfe. Sie gaben mir so viel, wie sie konnten. Natürlich sind viele harte Dinge passiert, das kann ich nicht leugnen. Aber dass ich deswegen etwas kompensieren müsste? Nein. Ich kann mich nur bei meinen Eltern bedanken. Ich bin froh über meine Herkunft, denn sie hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

ZEITmagazin: Ihre Kinder werden vermutlich nie vor einem leeren Kühlschrank stehen, so wie Sie das aus Ihrer Jugend kennen. Wie bringen Sie ihnen bei, für das, was sie haben, dankbar zu sein?

Ibrahimović: Ich packe meine Kinder nicht in Watte. Ich verlange Resultate von ihnen: in der Schule, im Fußballtraining, ich erwarte Disziplin und Respekt. Das sind Werte, die ich von meinem Vater gelernt habe.

ZEITmagazin: Was ist der Unterschied zwischen Ihnen als Vater und Ihrem eigenen Vater?

Ibrahimović: Ich glaube, ich bin ruhiger. Aber ich habe es auch einfacher als er. Ich kann meinen beiden Kindern mehr Möglichkeiten bieten. Andererseits habe ich viele Dinge von meinem Vater geerbt. In mir brennt das gleiche Feuer.

ZEITmagazin: Sie haben es im Gegensatz zu vielen Fußballern geschafft, eine ganze Karriere lang mit derselben Frau zusammen zu sein, der Mutter Ihrer Kinder. Helena ist elf Jahre älter als Sie. Ist der Altersunterschied ein Thema in Ihrer Ehe?

Ibrahimović: Es ist ein Glück, dass sie elf Jahre älter ist. Helena hat viel mehr Geduld als ich. In hitzigen Momenten behält sie einen kühlen Kopf. Ohne sie wäre ich für meine Mitmenschen vermutlich eine Zumutung. Sie hat den Löwen in mir gezähmt.

ZEITmagazin: Streiten Sie sich oft?

Ibrahimović: Das haben wir gar nicht nötig. Helena und ich sind auf Augenhöhe, wir teilen uns alle Aufgaben 50 zu 50. Denn auch wenn meine Persönlichkeit sehr unschwedisch ist, weil ich nicht so ruhig und geduldig bin wie meine Landsleute, sind wir eine sehr traditionelle schwedische Familie. Was viele überraschen wird: Wir führen kein besonders luxuriöses Leben und habe nicht mal Personal, das für uns arbeitet und unsere Wohnung putzt, darum kümmern wir uns selbst.

ZEITmagazin: Wie schaffen Sie es, als einer der berühmtesten Spieler der Welt den weiblichen Versuchungen zu widerstehen, die sich Ihnen wahrscheinlich täglich bieten?

Ibrahimović: Helena und ich sind seit zehn Jahren zusammen und glücklich. Jeder Tag, der vergeht, ist ein Rekord. Ich habe nicht vor, mir mit einem Fehltritt das Leben zu ruinieren.

ZEITmagazin: Wenn man Ihr Leben mit dem eines Rockstars vergleicht, gibt es einen großen Unterschied: Sie müssen die Finger von Alkohol und Drogen lassen. Bleibt Ihnen nur der Sex?

Ibrahimović: Als Fußballer siehst du alles unter dem Gesichtspunkt: Was bringt mich auf dem Platz weiter? Es gibt schon einige Spieler, die sagen, dass sie durch viel Sex zu besseren Leistungen kommen. Ich habe das auch schon versucht. Warum auch nicht? Aber für mich war Wut immer der bessere Antrieb. Ich merke das immer wieder: Wenn ich auf irgendetwas oder irgendjemanden wütend bin, werde ich richtig gut.

ZEITmagazin: Ihr Manager Mino Raiola sagt, Ihre Familie habe Sie zu einem besseren Spieler gemacht. Früher warf man Ihnen vor, zu egoistisch zu sein, nicht abzuspielen, nicht für die Mannschaft zu arbeiten. Stimmt das?

Ibrahimović: Ich war schon immer ein guter Teamplayer. Auch wenn die Leute denken, ich sei ... ach was, so muss ich mich doch gar nicht darstellen! Es ist mir egal, was die Leute denken! Ich bin der Mann, der die Tore schießt. Einer, der nur für die Mannschaft spielt, gewinnt keine 29 Pokale, so wie ich es getan habe.

ZEITmagazin: Wie sehr viele Fußballer gelten Sie als leidenschaftlicher Computerspiele-Zocker. Was spielen Sie?

Ibrahimović: Bevor meine Kinder geboren wurden, habe ich oft bis spät in die Nacht gespielt, Pro Evolution zum Beispiel, ein Fußballspiel. Helena hat es mir zwar nicht verboten, aber sie sah es nicht gern.

ZEITmagazin: Haben Sie sich selbst gespielt?

Ibrahimović: Ganz bestimmt nicht, das wäre doch absurd.

ZEITmagazin: Und es wäre, zumindest in den vergangenen vier Jahren, bestimmt nicht sonderlich spannend. Ihre Konkurrenz in der französischen Liga war eher schwach. War das nicht langweilig?

Ibrahimović: Ich habe mit Paris Saint-Germain eine Mannschaft und eine Liga international etabliert. PSG ist zu einem europäischen Topteam geworden.

ZEITmagazin: Jetzt gehen Sie. Warum?

Ibrahimović: Ich sehe meine Karriere als stetige Reise an. Ich mache mir vorher keinen Plan, wie lange ich bei einem Verein bleibe. Es war einfach mal wieder ein Instinkt, der mir sagte: Es ist Zeit. Diese ständigen Abschiede sind Teil meines Jobs.

ZEITmagazin: In wenigen Tagen geht die EM für Sie und Ihre schwedischen Nationalspielerkollegen los. Worauf hoffen Sie?

Ibrahimović: Ich glaube wirklich daran, dass wir gewinnen werden. Für mich ist es natürlich ein besonderes Gefühl, mit Schweden ausgerechnet in Frankreich zu spielen, meiner Heimat der vergangenen Jahre. Ich mochte Paris sehr. Auch wenn mein Paris hauptsächlich aus Fußballtraining und -spielen bestand.

ZEITmagazin: Derzeit spekulieren alle darüber, wo es Sie hinzieht, in die USA, nach China, Italien oder England. Sie wollen es noch nicht verraten. Eines der erstaunlichsten Gerüchte ist, dass Sie in Manchester nicht nur Stürmer, sondern auch Co-Trainer von José Mourinho werden sollen. Passt so ein Lehrerjob denn zu Ihrer Mentalität?

Ibrahimović: Wenn ich jetzt sage, dass ich mir nicht vorstellen kann, Trainer zu werden, und es dann doch werde, hätte ich Sie angelogen. Sagen wir: Es wäre auf jeden Fall eine interessante und neue Herausforderung.

ZEITmagazin: Sie haben Meisterschaften in Italien, den Niederlanden, Spanien und Frankreich geholt. Nur der Champions-League-Titel fehlt Ihnen. Holen Sie den noch in Ihrer Karriere?

Ibrahimović: Ja, und zwar bald. Und dann setze ich mich zur Ruhe an einem Ort, an dem mich keiner findet.

Kommentare

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Unter dem Video stand dieser Kommentar: When Zlatan left the house when he was 13, he looked at his dad and said " you're the man of the house now"

Ich habe nie einen Spieler gesehen, der eine derart hohe Quote von erstaunlichen Toren hatte. Von den Spielern der letzten zwanzig Jahre hat mir nur Henry so viel Freude bereitet. Messi ist unbestritten einer der besten, aber sein Spiel ist immer gleich und die Tore laufen doch irgendwie immer nach dem gleichen Schema... Nein, Zlatan hat schon Recht, er ist der Größte.