Video: Nacht in Koeln

Was geschah wirklich?

ZEITmagazin Nr. 27/2016 — Von , , , , , , , , und
Die Silvesternacht von Köln wurde zur Projektionsfläche in der Flüchtlingsdebatte. Eine Frage blieb unbeantwortet: Was geschah wirklich?

In den Souvenirgeschäften rund um den Kölner Dom kann man Jutebeutel, Plakate und Postkarten kaufen, bedruckt mit dem "Kölsche Jrundjesetz" – einer Sammlung rheinischer Weisheiten, die empfehlen, das Leben nicht so schwer zu nehmen.

Paragraf 2 etwa lautet: "Et kütt, wie et kütt."

Es kommt, wie es kommt?

"Wir waren wie Fleisch an der Theke", sagt Sabrina F., 20. "Ich habe von allen Seiten Hände an meinem Körper gespürt." Sabrina F. ist eines der Opfer der Kölner Silvesternacht. Jener Nacht, die vieles infrage gestellt hat, wofür Köln steht.

Paragraf 10 lautet "Drinkste ene met?": Trinkste einen mit?

"Wir waren da, und wir waren betrunken", sagt ein junger Marokkaner, der sich als Mounir vorstellt. "Es gab Feuerwerk, und wir wollten Fickificki machen, das ist alles." Mounir ist einer von denen, die in der Silvesternacht Frauen angegrapscht haben.

Und auch Paragraf 7 klingt heute schal: "Wat wells de maache?"

"Ausgehend von den Informationen, die wir hatten, bin ich der Meinung, dass wir alles getan haben, was wir tun konnten", sagt Thorsten M., 46, Polizist und in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof eingesetzt. "Aber es war nicht genug."

Ein halbes Jahr ist seit der Silvesternacht vergangen. Aber die Nacht von Köln vergeht nicht. Noch immer lässt sie Talkshows aus dem Ruder laufen, die dann vor allem eins dokumentieren: dass diese Nacht zur politischen Projektionsfläche geworden ist, bevor sie überhaupt begriffen wurde. Ein ähnliches Bild bietet sich im Landtag von Düsseldorf, wo ein Untersuchungsausschuss aufklären soll, was damals geschehen ist. In Nordrhein-Westfalen wird kommendes Jahr gewählt. Und schon jetzt ist absehbar, dass der Ausschuss zur Munitionsfabrik für den Wahlkampf werden wird. Die Opposition nimmt die Regierung von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) unter Feuer, die ihrerseits nachweisen will, dass die Verantwortung nicht bei ihr lag.

Bilder der Überwachungskameras K12 und K14 vom Bahnhofsvorplatz: Um 22 Uhr sind dort mehr als 1.000 Menschen. Alle Gesichter wurden unkenntlich gemacht.

Dabei ist es sehr wohl möglich, nüchtern auf die Ereignisse von Köln zu blicken, auf das, was in dieser Nacht wirklich passiert ist. Die Rolle der Polizei zu dokumentieren, das Leiden der Opfer, die Geschichten der Täter. Und über "Köln" als Chiffre zu reden, die heute die ganze Welt kennt und die es bis in Donald Trumps Wahlkampf schaffte. Man kann zeigen, dass die Silvesternacht keine Naturkatastrophe war, die über die Stadt hereinbrach, wie man angesichts der Berichterstattung meinen könnte, sondern die Summe Hunderter individueller Entscheidungen und Fehlentscheidungen, die zu Toten hätten führen können. Und beschreiben, wie die Silvesternacht ihre mediale und politische Wucht vor allem dadurch entfaltet hat, dass sie je nach Interesse, je nach Sorge, je nach politischer Ausrichtung mit anderen Themen verknüpft wurde: mit der "Frauen und Islam"-Debatte, der Flüchtlingskrise, der "Lügenpresse", der Landespolitik in Nordrhein-Westfalen. "Köln", sagt Helge Malchow, der Verleger von Kiepenheuer & Witsch, dem wichtigsten Verlag der Stadt, "ist im Grunde selbst Opfer dieser Nacht."

Über Monate hinweg hat das ZEITmagazin mit Dutzenden betroffenen Frauen, Tätern, Polizisten, Staatsanwälten, Richtern, Anwälten, Politikern und Kölner Lokalgrößen gesprochen. Auch in Dortmund, Düsseldorf, Paris und Casablanca haben die Reporter recherchiert.

Dies ist die Geschichte einer Nacht und ihrer Folgen.

1 — "Die Deutschen sind alle Muschis"

Für Mounir, den Marokkaner, beginnt die Silvesternacht schon am Nachmittag des 31. Dezember. Seit drei Monaten wohnt er in Köln, mit zwei anderen Marokkanern. Zuvor hat er einige Zeit in Italien gelebt. Zur Einstimmung auf die Nacht pumpt er alles an Drogen in seinen Körper, was er auftreiben kann, Alkohol, Pillen, Cannabis. Zu diesem Zeitpunkt hat Mounir schon mit Deutschland abgeschlossen: "Wir dachten, in Deutschland sei das Leben einfacher, schöner. Deutschland ist aber auch nur kacke." Jetzt will er noch ein Mal so richtig feiern, bevor er wieder weiterzieht, irgendwohin, nur nicht zurück nach Marokko.

Sein Plan für den Abend: bei Penny ein paar Böller kaufen und dann am Hauptbahnhof endlich mal die Sau rauslassen. "Ein Kumpel sagte mir, da kann man das Feuerwerk genießen. Und da sind Frauen unterwegs", erzählt er einige Monate später bei einer Begegnung in Köln. Mounir ist einer von Dutzenden jungen Nordafrikanern, mit denen das ZEITmagazin gesprochen hat.

Nach Sonnenuntergang, kurz nach 16 Uhr, bilden sich im und um den Hauptbahnhof kleine Grüppchen, erinnert sich Mounir. Um 18 Uhr beginnen die ersten Männer damit, Feuerwerkskörper aufeinander abzufeuern. Viel mehr fällt ihm nicht mehr ein: "Ich war so betrunken, bekifft und unter Drogen wie nie zuvor." Er weiß noch, dass auffällig viele Jungs aus seinem alten Viertel in Casablanca da waren. "Es war aber Zufall, dass wir alle da gelandet sind." Das schwört er bei Allah, obwohl ihm sein Gott eher fern zu sein scheint.

Und dann waren da tatsächlich Frauen. Die Polizei, behauptet Mounir, habe nicht eingegriffen.

Also macht er mit: "Ja, hier und da habe ich welche angefasst. Ich nehme die Schuld auf mich. Ich und Mohammed und Ali und Nabil und Kadur, ja, wir haben gegrapscht, und die sollen mal keinen Weltuntergang draus machen. Es tut uns leid. Es gab Feuerwerk, und wir wollten Fickificki machen, das ist alles. Zwar sind alle deutschen Männer Muschis, aber es ist ja auch nicht so, als würden die nie grapschen!" Mounir wurde nie gefasst.

2 — "Das waren doch Flüchtlinge, oder?"

Sabrina F. kommt am Silvesterabend um 23 Uhr am Hauptbahnhof Köln an. Die 20-Jährige macht in Osnabrück eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten. Als sie zusammen mit einer Freundin und drei befreundeten Jungs am Hauptbahnhof aussteigt, steht ihnen in der Bahnhofshalle schon ein Mob gegenüber. Sekunden später spürt Sabrina F. von allen Seiten Hände an ihrem Körper. Eine perfide Taktik? "Wenn man begrapscht wird, möchte man sich erst mal schützen und achtet nicht mehr so darauf, ob man beklaut wird", sagt sie.

In der Menge wird sie von ihren Freunden getrennt. Plötzlich spürt sie einen Schmerz am Oberschenkel, jemand kneift sie brutal, der Bluterguss wird noch tagelang zu sehen sein. Ihr Handy ist weg.

Irgendwann wird sie nach draußen abgedrängt, findet ihre Freundin wieder. Um ihre Freunde am vereinbarten Treffpunkt zu finden, müssen die beiden Frauen noch einmal an dem Mob vorbei: "Ich wusste: Wir müssen da durch. Ich habe meine Freundin eingehakt und bin durchgelaufen. Sie haben meine Freundin am Kragen gezogen, von mir weg. Sie haben immer wieder versucht, mir die Beine wegzuziehen. Als ich aus der Menge kam, waren meine Leggins komplett zerrissen. Sie hingen mir an den Knien, die Männer hatten sie heruntergerissen. Ich stand in Unterwäsche vor dem Dom."

Video: “Ich glaube nicht, dass es Gerechtigkeit für mich oder andere Frauen gibt” Abspielen
Sabrina F. war mit Freunden in der Silvesternacht in Köln. Am Hauptbahnhof stahlen Männer ihr Handy und belästigten sie. Hilfe bekam sie keine.

Sabrina F.s Freundin erleidet eine Panikattacke. Ihr Hals, ihre Beine, ihr Oberkörper, alles grün und blau. Die beiden Frauen gehen zu einem Polizisten am Rand des Vorplatzes. Der sagt: "Wir haben anderes zu tun, gehen Sie zum RTW." Da steht aber kein Rettungswagen. Da ist überhaupt niemand, der hilft. "Wir sind dann wie Verlorene durch die Stadt gelaufen", sagt F.

Woher die Männer kommen, die sie belästigt haben, weiß Sabrina F. nicht. "Das hat mich hinterher sehr geärgert, dass die bei der Polizei immer fragten: ›Das waren doch Flüchtlinge, oder? Das waren doch Flüchtlinge?‹ Das kann ich aber nicht wissen, ob diese Männer hier geboren oder Flüchtlinge sind. Ich habe irgendwann nur noch Englisch gesprochen. ›Go away, go away!‹, habe ich geschrien."

3 — Keine zweite Loveparade!

Auch Thorsten M. wird es an diesem Abend mit Fremdsprachen versuchen. Thorsten M., kahl geschorener Schädel, ist schon länger als die Hälfte seines Lebens Polizist. In der Silvesternacht ist er Führer einer Hundertschaft der Bereitschaftspolizei, die an diesem Abend aus 77 Beamten besteht. Er rechnet mit einem Routineeinsatz.

Aber er irrt sich.

Am Breslauer Platz, an der Rückseite des Bahnhofs, ist es ruhig (K22), zeitgleich läuft die Räumung auf dem Vorplatz (K12 und Bild unten von der Bodycam eines Polizisten).

Thorsten M. und seine Kollegen von der Kölner Polizei melden sich um 22 Uhr zum Einsatz. Laut Planung sollen sie sich im Ausgehviertel der Kölner Ringe, an den Rheinbrücken und in der Altstadt verteilen. Das waren in den vergangenen Jahren die Brennpunkte an Silvester. Betrunkene, Taschendiebstähle, Beschießen von Menschen mit Feuerwerkskörpern: Darauf ist die Einsatzführung eingestellt. Die größte Sorge der Polizei ist eine Massenpanik, wie sie fünf Jahre zuvor bei der Loveparade in Duisburg 21 Menschen das Leben kostete. Die Beamten sollen außerdem auf Anzeichen für Terrorakte achten. Der Anschlag von Paris liegt erst sechs Wochen zurück; und nur wenige Stunden zuvor hat die Polizei den Hauptbahnhof in München wegen einer Terrorwarnung geräumt.

Um 22.14 Uhr meldet eine Streife vom Bahnhofsvorplatz über Funk an die Leitstelle der Polizei im Innenstadt-Revier: "Weit über tausend Personen, keine Maßnahmen mit unseren Kräften möglich." Diese Meldung ist ein erster Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt. Dass mehr Menschen zusammengekommen sind als vorhergesehen. Dass etwas aus dem Ruder zu laufen droht. Sie geht aber unter.

Kurz vor 23 Uhr betritt Thorsten M. das erste Mal den Bahnhofsvorplatz. Und ihn "trifft der Schlag", wie er später sagen wird. Thorsten M. hört Gejohle und Geschrei, er sieht enthemmte, betrunkene, berauschte Menschen, die wild herumböllern. Wenn die Polizisten die Männer bitten, das Beschießen von Menschen mit Raketen zu unterlassen, reagieren die vollkommen unbeeindruckt. M. spricht einen Mann auf Französisch an, der Böller in die Menschenmenge schmeißt. Der antwortet nur: "Pas de problème, pas de problème." Glasscherben liegen herum. Ein Mann zerschlägt eine Bierflasche und geht auf einen anderen los. M. sagt: "Die waren komplett weg von dieser Welt." Tatsächlich sind es 2.000 Männer aus Nordafrika und dem Nahen Osten, die sich in dieser Nacht zwischen Bahnhof, Domplatte und Bahnhofsvorplatz bewegen, wie eine Funkzellenanalyse später ergeben wird. Ihnen stehen rund 150 Polizisten gegenüber.

K12: Der Platz ist fast geräumt.

Thorsten M. muss reagieren, so viel ist klar, nur etwa ein Dutzend seiner Leute befinden sich in diesem Moment auf dem Vorplatz. Also beordert er auch alle anderen Polizisten, die er unter seinem Kommando hat, von den Kölner Ringen, der Altstadt und den Rheinbrücken zum Hauptbahnhof. Es ist keine Stunde mehr bis Mitternacht. M. hat Angst vor einer Katastrophe: Jemand könnte durch die Silvesterknaller verletzt werden, auf der Domtreppe könnte eine Massenpanik ausbrechen. M. fürchtet, dass es Tote geben könnte. Die Feier zu Mitternacht könnte zum Katalysator werden, "wie ein Wind, der ins Feuer geht". Um 23.15 Uhr schlägt Thorsten M. seinem Polizeiführer vor, den Vorplatz zu räumen.

Um 23.35 Uhr tönt deshalb eine Lautsprecherdurchsage über den Platz. Alle Anwesenden sollen den Ort sofort verlassen. Kölner Polizisten scheuchen die Menschen von der Domtreppe und vom Bahnhofsvorplatz weg. Sie müssen die Männer schubsen und schieben, weil viele betrunken und bekifft sind, kein Deutsch verstehen oder nicht verstehen wollen. Bundespolizisten versperren zur selben Zeit die zum Domplatz führenden Ein- und Ausgänge des Bahnhofs. Kurz nach Mitternacht ist der Platz geräumt.

K14: Vor der Tür entsteht ein Gedränge, in dem viele Straftaten passieren.

Davon, dass es bereits etliche sexuelle Übergriffe auf Frauen gab, weiß Thorsten M. zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Polizisten werden später berichten, es sei zu dunkel gewesen, um so etwas zu erkennen. In so dichten Mengen könne man nur die nächsten drei bis fünf Meter überblicken. Genauso wenig ahnt M., dass die Räumung des Vorplatzes die Lage nur scheinbar entspannt. Und dass sich wenige Gehminuten entfernt ein neuer Massentatort auftut.

4 — Der Meister der Zugtoiletten

Das neue Jahr ist erst wenige Minuten alt, als es auf der Domplatte zu einer Verfolgungsjagd kommt. Ein Polizist erwischt einen 19-Jährigen, wie er eine Pfandflasche aus dem Rucksack einer Frau zu klauen versucht, und nimmt mit zwei Kollegen die Verfolgung auf. Sie hetzen hinter ihm her, es folgt eine Rangelei, einer der Polizisten schlägt dem Mann auf die Nase, weshalb er nach der Festnahme erst einmal ins Krankenhaus gebracht wird.

Mitternacht – Oben: Auf Gleis 8 und 9 fahren keine Züge. Die Polizei hat die Gleise nach Süden gesperrt. Mitte: Ein Polizist verhindert, dass weitere Menschen auf den Vorplatz strömen. K14: Die Menge vor dem Bahnhofseingang feiert.

Der Mann heißt Youssef, sein Anwalt bittet darum, den Nachnamen nicht zu nennen. Youssef ist Marokkaner, wie Mounir, der Grapscher, und es ist kein Zufall, dass ihre Geschichten Parallelen aufweisen. "Ich habe in meinem ganzen Leben nichts erreicht", sagt Youssef. "Ich bin ein Verlierer." Dabei ist er immerhin nach Europa geschwommen. Mehrmals, so erzählt er, versuchte er, die Meerenge von Gibraltar zu überwinden, irgendwann klappte es, weil er sich auf halbem Weg nach Spanien an ein Boot geklammert habe. In Spanien habe er harte Drogen verkauft, "weil es dort keine Arbeit gibt", in Paris habe er bei einer Tante gewohnt und Plastikwaren auf einem Flohmarkt verkauft – bis ihn die Nachricht erreichte, dass es in Deutschland eine "Willkommenskultur" gebe. "Ich dachte wirklich, dass ich hier auf einen grünen Zweig kommen könnte", sagt er. Als seine Tante ihm zu verstehen gab, dass er bei ihr nicht mehr willkommen sei, streifte er sich seine Lieblingsjacke über, stopfte seine Pyjamahose in einen Rucksack und reiste im Spätsommer 2015 über Luxemburg bis nach Dortmund. Ohne Ticket, in Zugtoiletten. In Dortmund stellte er wie viele andere Nordafrikaner einen Asylantrag, der keine Aussicht auf Erfolg hat.

Kurz vor Jahresende erscheinen auf Youssefs Handy mehrere Nachrichten, dass man in Köln ein bisschen feiern könne. Am 31. Dezember fährt er hin. Wieder in der Toilette eines Zuges. Wenn jemand klopft, bleibt er ruhig. "Ich bin der Meister aller Zugtoiletten", prahlt er später beim Gespräch nahe der Asylbewerberunterkunft in Willich, eine Stunde von Köln entfernt.

Youssef kann sich nicht mehr an alle Details der Silvesternacht erinnern. Nur dass er sich zuvor alles Mögliche eingeworfen hat. "Ich klaue, ich nehme Drogen, ich trinke Alkohol. Hätten mich die Brüder gefragt, hätte ich ihnen aber gesagt: Lasst deren Frauen in Ruhe. Da hört der Spaß auf für die Deutschen."

Er vermisse die Altstadt von Casablanca, sagt Youssef, seine Freunde, seine Mutter. Dennoch ist er froh, nicht dort zu sein. In Marokko gebe es für ihn keine Chance auf ein gutes Leben. "Mein Vater ist Alkoholiker, wir wohnten zu fünft in einem Zimmer." Jetzt müsse er endlich die Kurve kriegen.

5 — "Ich werde erdrückt!"

Wenige Gehminuten vom Vorplatz entfernt quert die Hohenzollernbrücke den Rhein, ein Wahrzeichen der Stadt, berühmt für die Vorhängeschlösser, die Liebespaare an den Zäunen anbringen, welche die Geh- und Radwege von den Gleisen trennen. Die Zäune sind etwa zwei Meter hoch. Sie werden noch eine Rolle spielen.

Nur vier Minuten bevor das Feuerwerk beginnen soll, um 23.56 Uhr, sperrt der Polizeiführer der Bundespolizei die Gleise, die über die Hohenzollernbrücke führen. Erst um 1.15 Uhr werden wieder Züge fahren.

Die Hohenzollernbrücke ist 400 Meter lang. Viele Menschen versammeln sich hier jedes Jahr, um einen guten Blick auf das Feuerwerk und den Rhein zu haben. Auf beiden Seiten gibt es Fußgänger- und Radwege, jeweils rund vier Meter breit. In der Mitte sechs Gleise, die zum Hauptbahnhof führen.

Wo passierte was – und wer war zuständig?

Die Chronologie der Silvesternacht in Köln aus der Vogelperspektive.

Schon in der Silvesternacht 2014 war es auf der Brücke zu chaotischen Zuständen gekommen. Schon damals musste sie zeitweise gesperrt werden. Es ist deshalb wenig verwunderlich, dass die Kölner Polizei in einem internen Protokoll des Ordnungsamtes aus dem letzten Jahr prophezeit: Die Brücke werde auch künftig an Silvester "eine Schlüsselstelle" sein. Die Bundespolizei schlug sogar eine "komplette Sperrung" für Silvester 2015 vor. Die Anregung blieb folgenlos.

Statt die Brücke prophylaktisch zu sperren, schickt das Ordnungsamt 24 eigene Mitarbeiter und 44 Sicherheitsleute einer privaten Firma an die Brücke. Das Unternehmen R.S.D. plus Rheinische Sicherheitsdienste suchte für diese Aufgabe geringfügig Beschäftigte, die 10,50 Euro pro Stunde verdienen. Einzige Kriterien: "Beherrschung der deutschen Sprache zumindest mittelmäßig" und "warme Kleidung".

Dabei war die Stadt schon im Vorjahr unzufrieden mit R.S.D. gewesen, wie aus dem Protokoll hervorgeht. Die Beamten bemängelten, dass nicht alle Mitarbeiter gut eingewiesen und für den Job geeignet waren. Zudem bezweifelten sie die Ehrlichkeit der Firma, sie waren unsicher, ob wirklich so viele Personen im Einsatz waren wie angefordert.

Die Mitarbeiter sind in dieser Silvesternacht ausschließlich an den Brückenköpfen postiert, um im Notfall – wie im Vorjahr – mit einem Zaun die Zugänge der Brücke zu sperren. Was auf den 400 Metern dazwischen geschieht, bleibt ihnen verborgen. "Auf der Brücke sahen wir nur eine schwarze Masse", sagt ein Mitarbeiter von R.S.D. Niemand vom Ordnungsamt oder von den privaten Sicherheitsleuten habe auf den Fußwegen der Brücke patrouilliert.

Nur die Bundespolizei, die zu den R.S.D.-Mitarbeitern keine direkte Leitung hat, läuft sporadisch Streife auf den Wegen, um die Gleise zu bewachen. Dann klettern die ersten Feiernden über den Zaun auf die Gleise. Weil Bundespolizei und Ordnungsamt verschiedene Funksysteme nutzen, versucht ein Bundespolizist vor Mitternacht, die Einsatzleiterin der Stadt auf ihrem Handy zu warnen. Er hat jedoch kein Glück, die Mailbox springt an. Es ist reiner Zufall, dass die Brückenwächter vom Ordnungsamt um ein Uhr durch eine Landespolizistin von der Sperrung des Schienenverkehrs erfahren. Die Menschen, die über den Zaun klettern, wollen zur Südseite der Brücke. Sie erhoffen sich dort einen besseren Blick auf das Feuerwerk. Aber auch auf den Wegen ist der Platz längst viel zu eng. Feuerwerksraketen fliegen in die Menge. Menschen klettern auf Stahlträgern herum. Angst macht sich breit. Jemand ruft: "Ich werde erdrückt!" Der Einsatzleiter der Bundespolizei beordert Polizisten einer Hundertschaft aus dem Bahnhof heraus zur Brücke, um Menschen daran zu hindern, auf die Gleise zu klettern.

6 — "Ausgelassene Stimmung"

Die Sperrung des Schienenverkehrs auf der Brücke mag geboten sein, aber sie hat einen Nebeneffekt, den niemand vorhersieht. Denn die Menschen, die Köln schon verlassen wollen, stauen sich in den folgenden 80 Minuten im Bahnhofsgebäude. Dort aber stehen bereits auffällig viele "Migranten ohne Reiseabsicht" herum, wie es im Einsatzprotokoll eines Bundespolizisten heißt. Betrunkene übergeben sich, urinieren in die Ecken oder schlafen ihren Rausch aus. Hinzu kommen viele Menschen, die vom Vorplatz hereindrängen, da sie während der Räumung nicht wie geplant in die Nebengassen gegangen sind, sondern in den Bahnhof hinein. Dass die Bundespolizei außerdem noch bis 0.05 Uhr die Bahnhofstüren zum Domplatz versperrt hält, vergrößert das Chaos nur.

Wenn es einen Moment in dieser Nacht gibt, an dem klar wird, dass es ein Abstimmungsproblem zwischen den Behörden gab, ist es dieser. Für sich gesehen mag jede Maßnahme sinnvoll sein, im Zusammenspiel wirken sie verheerend. Und es gibt keine Person, bei der durchgehend alle Informationen zusammenfließen. Es gibt auch keinen Raum, in dem sich die Verantwortlichen der Kölner Polizei, der Bundespolizei und der Stadt kontinuierlich abstimmen. Es gibt nicht einmal ein Sicherheitskonzept für die Nacht, weil es offiziell keinen Veranstalter gibt.

Video: Was in der Silvesternacht am Dom geschah Abspielen
Unveröffentlichte Aufnahmen von Bodycams und Überwachungskameras zeigen: Am Kölner Hauptbahnhof waren zu wenig Beamte im Einsatz. So entstanden gefährliche Situationen.

Warum das so ist, darüber wird später ein Streit ausbrechen: Der Kölner Polizei, sagt Oberbürgermeisterin Henriette Reker, "fehlt es schon seit Jahren an Personal. Ich bin überzeugt, dass dies das größte Problem an Silvester war: Es waren schlicht zu wenig Einsatzkräfte vor Ort." Die Kölner Polizei, sagt dagegen Ralf Jäger, Nordrhein-Westfalens Innenminister, habe es versäumt, den Einsatz zentral zu steuern. Stattdessen habe die Polizeiinspektion Mitte den Einsatz geführt, die nicht mit allen Akteuren vernetzt gewesen sei.

In der Silvesternacht drängen sich nach der Sperrung der Brücke und der Räumung des Vorplatzes jedenfalls 2500 Menschen im Innern des Bahnhofs. Und das macht es den Tätern leicht. Sie sind enthemmt, sie sind berauscht, und sie haben das Gefühl: Niemand kann sie an irgendetwas hindern. Rund 40 Prozent aller angezeigten Taten geschehen während der Gleissperrung: 370 Vergehen, rein rechnerisch alle 13 Sekunden eins, im Inneren des Bahnhofs, auf dem Vorplatz, auf der Brücke, in der näheren Umgebung. Es werden Handtaschen, Portemonnaies und Telefone entwendet. Frauen wird an den Po und die Brüste gefasst, in einigen Fällen werden ihnen gewaltsam Finger vaginal eingeführt. Das sind Vergewaltigungen. Manche scheitern nur deshalb, weil die Frau eine Strumpfhose trägt. Der Bundespolizei, die für das Bahnhofsgebäude zuständig ist, fehlen in dieser Zeit wichtige Einsatzkräfte. Die sind auf die Hohenzollernbrücke abkommandiert.

Fünf Minuten nach Mitternacht entscheidet die Bundespolizei, die Türen des Bahnhofs wieder zu öffnen, der Druck von innen ist zu groß. Aber an den Türen gibt es einen Rückstau. Nach einer Weile kommen etwa 200 junge Männer mit Migrationshintergrund vor dem Eingang zusammen und nutzen die Situation aus, beobachtet Polizist Thorsten M. Im Schutz der Gruppe ist es noch einfacher, Feiernde zu begrapschen und zu bestehlen und die Opfer dabei auch noch von der Polizei abzuschirmen. Erst später in der Nacht schaffen es zwölf Polizisten, eine der Bahnhofstüren zurückzuerobern und frei zu halten.

Bild oben und K34: Nach Mitternacht wollen viele Menschen den Hauptbahnhof verlassen, aber es fahren keine Züge. Die Täter nutzen das Gedränge aus, um zu grapschen und zu stehlen.

Die erste Anzeige wegen sexueller Belästigung erstattet eine junge Frau um Mitternacht auf der Polizeiwache Stolkgasse, nur wenige Meter vom Hauptbahnhof entfernt. Die Führungskräfte der Polizei erfahren erstmals gegen ein Uhr, dass Frauen seit Stunden sexuell belästigt werden. Mittlerweile warten 30 bis 50 Personen in dem kargen Raum der Polizeiwache. Waschbeton, schummriges Licht, Metallstühle. Einige Frauen sind aufgebracht, weil ihnen die Polizisten nicht geholfen haben, andere weinen.

Dies ist eine Auswahl, was in diesen Stunden den Anzeigen zufolge geschah:

Bahnhofsvorplatz, gegen 0.20 Uhr: 15 bis 20 Männer bedrängen zwei Frauen, fassen einer von ihnen ans Gesäß und in den Schritt. Ein Mann leckt ihr das Gesicht ab.

Domplatte, 0.30 Uhr: Ein Paar wird von rund 20 nordafrikanisch wirkenden Männern umstellt, sie greifen der Frau in die Hose und rauben ihr die Geldbörse.

Hohenzollernbrücke, 0.30 Uhr: Fünf Männer umringen eine Frau, greifen ihr in den Schritt und an den Po. Später bemerkt sie den Verlust ihres Telefons.

Trankgasse nahe dem Dom, 0.50 Uhr: Zwei Polizisten helfen vier oder fünf Frauen, die von einer Gruppe Männer umringt sind. Die Frauen berichten, einer von ihnen sei ein Finger in die Vagina gesteckt worden.

Bahnhofshalle, 0.55 Uhr: Ein Unbekannter greift einer Frau in den Schritt, an den Po und die Brust und stiehlt ihr Mobiltelefon.

Bahnhofsvorplatz, ein  Uhr: Vier Frauen werden von mehreren Personen begrapscht; Handys, Bargeld und Geldkarte werden gestohlen. Zur gleichen Zeit greifen Männer auf dem Platz einer Frau an den Po und an die Vagina und versuchen, ihr die Handtasche zu entreißen. In der Nähe umzingeln mehrere Nordafrikaner drei Frauen und fassen in die Hosen der Frauen.

Breslauer Platz, 1.30 Uhr: Unbekannte stecken einer Frau ihre Hände in die Hose, begrapschen sie. Danach vermisst die Frau ihr Mobiltelefon.

Bahnsteig 10/11, 2.30 Uhr: Drei Frauen werden von einer Menschentraube umringt und begrapscht.

Um fünf Uhr am Morgen des 1. Januar fahren die ersten 38 Beamten der Bereitschaftspolizei nach Hause.

Um 8.57 Uhr verschickt die Kölner Polizei eine Pressemitteilung: "Polizei Köln zieht Bilanz: Ausgelassene Stimmung – Feiern weitgehend friedlich".

7 — "Er hat mich unter sich begraben"

Etwa drei Stunden bevor diese Pressemitteilung in den Nachrichtenredaktionen eintrifft, gegen sechs Uhr am Neujahrsmorgen, als alles schon vorbei zu sein scheint, kommt Miriam L. mit einer Freundin am S-Bahnhof Trimbornstraße an. Die 18-Jährige hat nicht am Dom gefeiert. Vom Chaos am Bahnhof weiß sie nichts. Ein Stück hinter den beiden Frauen laufen zwei Männer auf der anderen Straßenseite. Sie kommen näher, überqueren die Straße. Vorsichtig will Miriam L. hinter sich gucken. In dem Moment, so erinnert sich L., legt einer der Männer von hinten die Arme um sie und ihre Freundin. Miriam L. kann sich aus der Umarmung rausdrehen, aber der Mann umklammert ihre Freundin und drückt sie an sich, reibt seinen Körper an ihrem Rücken und Po, seine Hände fahren ihren Körper hoch und runter.

Die junge Frau wehrt sich, der Mann reißt sie zu Boden, schlägt ihr mit der Faust ins Gesicht. Ihre Nase blutet. In der Hoffnung, dass ihre Mutter sie hört, schreit Miriam L., so laut sie kann: "Mama!" Nur drei Häuser weiter liegt die Mutter im Bett und schläft.

Miriam L. versucht, ihrer Freundin zu helfen, da wendet sich der Mann ihr zu. Diesmal schlägt er zuerst zu und wirft sie dann zu Boden, greift ihr an die Brust und den Hintern: "Er hat mich richtig unter sich begraben." Sie erinnert sich an Horrorszenarios, die ihr durch den Kopf gehen: Was, wenn er sie vergewaltigt? Ein Messer rausholt? Dann versucht der Mann, Miriam L. ihr Handy aus der Hand zu reißen. Es ging ihm darum, sie anzufassen, nicht sie zu bestehlen, ist die Schülerin trotzdem überzeugt. "Das war wahrscheinlich so: Wenn das eine nicht klappt, dann wenigstens etwas mitgehen lassen."

Der zweite Mann steht einfach nur daneben. Die beiden sprechen Arabisch miteinander. Miriam L. vermutet, dass er aufpasst, ob jemand kommt. Plötzlich laufen der Angreifer und sein Freund weg.

Die beiden Freundinnen rennen die wenigen Meter zu Miriam L.s Wohnung. Dort brechen sie in Tränen aus. Als die Polizei kommt und sie mit auf die Wache nimmt, haben sie sich noch nicht beruhigt.

K21 am Busbahnhof, K12: In den frühen Morgenstunden hat sich die Lage im und vor dem Bahnhof entspannt, während in der Innenstadt weiterhin Frauen belästigt werden.

Die Beamten auf der Polizeiwache in Köln-Kalk wirken gestresst. Ein Polizist sagt den Mädchen, sie sollten aufhören zu heulen, irgendwo sei gerade ein Feuerwehrmann fast gestorben. Was das mit ihrer Situation zu tun haben soll, fragen sie sich.

Heute, fünf Monate später, geht Miriam L. tagsüber wieder allein aus dem Haus, doch sie begegnet anderen Menschen mit Distanz. Sie wechselt jetzt öfter die Straßenseite. Sie hat Angst, wenn ihr Gruppen von Männern entgegenkommen. Sie kann sich nicht vorstellen, sich in der Gegend um die Trimbornstraße je wieder unbeschwert zu bewegen. Ihre Familie wohnt schon immer in dem Viertel, jetzt überlegen sie, wegzuziehen. Die Gegend werde immer problematischer. Miriam L. und ihre Familie sind nicht die Einzigen, die das so empfinden.

8 — "Miiirkel"

Es ist Anfang Mai, es ist dieselbe Woche, in der Miriam L. ihre Geschichte erzählt, da beschimpft in der Kölner Straßenbahnlinie Nummer 9 ein Marokkaner eine ältere Dame. "Radi nchwrk!", schreit er im marokkanischen Dialekt: "Ich steck dir den Finger rein!" Der junge Mann ist Mounir, der Silvestergrapscher. Dass der Reporter seine Ausfälle miterlebt, stört Mounir überhaupt nicht. Die Rentnerin klammert sich an ihre Handtasche. Fahrgäste schauen versteinert auf Linienpläne und Smartphones. Erinnerungen an die Silvesternacht werden wach. Seine zwei marokkanischen Kumpel ziehen ihn weg. Alle drei sind betrunken. Die ergraute Dame wechselt den Waggon. "Dann grapsche ich halt die deutschen Männer an, die sind auch nur Muschis", lallt Mounir ihr hinterher. Deutsche Männer sind Muschis. Irgendwie ist Mounir auf diesem Gedanken hängen geblieben.

Wenig später hält die Straßenbahn im Stadtteil Kalk, an Mounirs Ziel. Wenn das Wetter gut ist, sitzt er hier am Bahnhof und trinkt. "Der Alkohol ist mein Freund", sagt er. Mounir ist klein und hager. Er hat sich eine großzügige Portion Gel in die Haare geschmiert. Kölsch mag er nicht besonders, er schwört auf Billigbier vom Discounter. "Es lässt mich vergessen, wo ich gelandet bin."

Hier, in der Taunusstraße, liegt das "marokkanische Viertel" von Köln – zu Miriam L.s Wohngegend ist es ein Kilometer Luftlinie.

Hier gibt es drei Imbisse, zwei Friseursalons, eine Bäckerei, ein Reisebüro und einen Supermarkt. Generell sind die viel zitierten "maghrebinischen Ghettos" in den Städten Nordrhein-Westfalens – in Düsseldorf, Leverkusen, Krefeld oder Dortmund – maximal eine Straße lang. In der Taunusstraße trifft man sich zum Tee und zu Fußballabenden, wenn Barcelona oder Real Madrid spielen. Hier kommen Arbeitslose, Werksarbeiter und Ingenieurstudenten zusammen, sie leben schon lange legal und friedlich in Deutschland.

Männer wie Mounir sind neu hier: Maghrebiner, die ohne Papiere aus Marokko oder nach Stationen in Südeuropa nach Deutschland gekommen sind. Sie bilden das Milieu, aus dem viele der Silvestertäter stammen.

Nordrhein-Westfalen hat besonders viele junge nordafrikanische Migranten. Zum einen wegen der Nähe zu Belgien. Zum anderen, weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf Maghrebiner spezialisierte Außenstellen in NRW unterhält und deswegen 80 Prozent aller Marokkaner und 60 Prozent aller Algerier dorthin verteilt hat. Nordafrikaner, die in Flüchtlings- und Asylbewerberunterkünften registriert sind, begehen nach Polizeistatistiken deutlich häufiger Straftaten als andere Ausländer, viel öfter als etwa syrische Kriegsflüchtlinge. Zwar fallen Maghrebiner offiziell in dieselbe Kategorie, wenn sie – meist ohne Aussicht auf Erfolg – Asyl beantragen. Aber es handelt sich um ein sehr spezifisches Milieu.

Das Innenministerium und die Kölner Polizei wissen seit Ende 2013 zudem, dass es eine maghrebinische "Antänzerszene" in der Stadt gibt. Die jungen Männer treten in Gruppen auf, tanzen um ihre Opfer herum, lenken sie ab, mitunter durch Grapschen, aber ihr Ziel ist Diebstahl. Die Behörden reagieren 2014 mit einer Initiative namens "Klarkommen", die jungen Straftätern aus Nordafrika, im Jargon Nafris genannt, Wege jenseits der Kriminalität aufzeigen soll.

"Klarkommen" betreut rund 150 Nordafrikaner. Die Initiative gilt als erfolgreich, als Vorzeigeprojekt. Aber sie hat eine schwierige Klientel. Zwei der Betreuten werden später als Beschuldigte der Silvesternacht in Erscheinung treten. Jetzt soll "Klarkommen" ausgebaut werden. Zu spät? Eins ist klar: Der Zustrom neuer Nafris seit dem Sommer 2015 hat alle überfordert.

Mounir ist einer von ihnen. Er kam im vergangenen Herbst. "Merkel hat uns eingeladen", lacht er und verschluckt sich dabei fast, "da sagen wir nicht Nein." Unklar, ob Mounir sich über seine eigene oder Deutschlands Naivität lustig macht. Den Nachnamen der Bundeskanzlerin spricht er mit lang gezogenem Vokal aus. "Miiiirkel", sagt er. Vor seinem Umzug nach Kalk, sagt Mounir, habe er in Süditalien manchmal Oliven oder Tomaten gepflückt. "Oft bekam ich keinen Lohn. Italien ist kacke." Auf seiner linken Wange trägt er eine markante Narbe. "Ergebnis einer Messerstecherei zu Hause in Casablanca", sagt er. In Marokko nennt man solche Jungs cicatrice: Narbengesicht. Er nimmt einen Schluck aus seiner Bierflasche. Zu seinen Füßen lagert Pfandgut im Wert von 64 Cent, genug für die nächste Pulle.

"Ich hatte großen Spaß, zum ersten Mal seit langer Zeit", so lauten seine abschließenden Worte über die Silvesternacht. Reue? Eher nicht: Diese Welt habe ihn sein ganzes Leben lang schlecht behandelt, sagt Mounir, er wüsste nicht, warum er sich da gut benehmen solle. "Die Deutschen sollten mal nach Nordafrika gehen, um zu verstehen, warum wir alle hierhergekommen sind." Einige Tage später verschwindet Mounir, ist in Köln-Kalk nicht mehr auffindbar. Einem Freund hat er etwas von einem Verwandten in Belgien erzählt.

9 — "Frau Kraft wäre in Tränen ausgebrochen"

Die Pressemitteilung der Kölner Polizei vom Neujahrsmorgen, in der von "ausgelassener Stimmung" die Rede ist, markiert den Anfang eines Debakels, das bis heute andauert. Sie ist mangelhafter Kommunikation geschuldet, Sprecherin Martina Kaiser weiß am Morgen schlicht nichts von den sexuellen Übergriffen. Im Laufe des 1. Januar trudeln Informationen ein, trotzdem berichtet die Pressestelle erst am 2. Januar darüber. Kaiser bittet später um Versetzung, entschuldigt sich bei den Opfern. Es hilft nichts: An den Behörden klebt seither der Vorwurf, sie hätten etwas verschweigen wollen.

So geht der Untersuchungsausschuss des Landtags etwa bis heute einem mysteriösen, von zwei Kölner Polizisten bezeugten Anruf nach, der aus der Landesleitstelle gekommen sei und in dem am 1. Januar darum gebeten worden sei, den Begriff "Vergewaltigung" aus einer Polizeimeldung zur Silvesternacht zu streichen.

Der 4. Januar, ein Montag, ist der Tag, an dem alles zu kippen beginnt. Übers Wochenende sind kaum Artikel über die Silvesternacht erschienen, und die wenigen, die es gibt, beschreiben nicht das gesamte Ausmaß, von 30 bis 50 Krawallmachern ist die Rede. Am 4. Januar wird der Polizei die Dimension allmählich klar; über 90 Anzeigen liegen mittlerweile vor.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers berichtet von Straftaten "völlig neuer Dimension" und von Tätern, die nordafrikanisch aussähen. NRW-Innenminister Jäger erklärt, ebenfalls am 4. Januar, gegenüber Kölner Zeitungen: Man werde nicht hinnehmen, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit sexuellen Attacken zu erniedrigen. Vor dem Bahnhof gibt der CDU-Innenexperte Gregor Golland als erster Landtagsabgeordneter ein Fernsehinterview: "Ich wusste da schon aus internen Quellen bei der Polizei, dass die Täter Flüchtlinge waren, und habe das auch benannt", erinnert er sich stolz. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als führende Politiker und der Polizeipräsident noch behauptet hätten, das dürfe man doch nicht so sagen, das wisse man noch gar nicht.

Tatsächlich erklärt am 5. Januar Polizeipräsident Albers: "Wir haben derzeit keine Erkenntnisse über die Täter." Er will korrekt sein, es gibt schließlich noch keine Festgenommenen. Und Oberbürgermeisterin Henriette Reker sagt: "Es gibt keine Hinweise, dass es sich dabei um Täter handelt, die hier in Köln eine Unterkunft als Flüchtlinge bezogen haben."

Golland regt das noch heute auf: "Seien wir doch mal ehrlich: Frau Kraft wäre tief betroffen auf der Domplatte erschienen und wahrscheinlich noch in Tränen ausgebrochen, wenn das ein rechter Mob gewesen wäre. Es waren einfach die falschen Täter."

Von diesem 4. Januar an lassen sich die Ereignisse der Nacht und der Kampf um ihre Deutung nicht mehr trennen. Jetzt geht es nicht mehr nur darum, was eigentlich geschehen ist, oder darum, ob "Flüchtlinge" der angemessene Begriff für die mutmaßlichen Täter ist, sondern auch um Kritik an der Flüchtlingspolitik, um Schuldzuweisungen zwischen Stadt und Land, um angebliche Vertuschungsabsichten.

Die Berichterstattung geht durch die Decke. Es gilt, etwas nachzuholen. Auch den Journalisten ist ja das wahre Ausmaß der Übergriffe bisher entgangen. Emma schreibt von der "Terrornacht". Die Berliner Zeitung spricht von "Sexualterror", Bild von "Sex-Mob", einer "enthemmten Meute".

"Köln" wird ein globales Thema. Im Guardian warnt ein Kommentator vor einem "Sex-Dschihad". Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico erklärt: "Sobald man Migranten ins Land lässt, kann man solche Probleme bekommen." Donald Trump schreibt an seine Millionen Twitter-Abonnenten: "Deutschland erlebt massive Angriffe auf seine Bevölkerung durch Migranten, die ins Land gelassen wurden. Silvester war ein Desaster. THINK!"

Was Google-Nutzer mit Köln verbinden

Die häufigsten Suchworte in Kombination mit dem Begriff Köln – vor und nach den Übergriffen an Silvester. Ab dem 3. Januar ändern sich die Suchbegriffe schlagartig.

Am 8. Januar entlässt Innenminister Jäger den Polizeipräsidenten Albers. Aber nicht wegen der Machtlosigkeit der Polizei in der Silvesternacht, stellt Jäger klar: Als die Dimension der Übergriffe bekannt wurde, sei in der Öffentlichkeit fälschlicherweise der Eindruck entstanden, die Polizei habe die Herkunft der Täter zu verschleiern versucht. Diesem Eindruck sei Albers nicht entschlossen genug entgegengetreten. Es ist die Metaebene, die das erste politische Opfer fordert, nicht das Desaster in der Nacht selbst.

Traditionell erwähnen die Medien in Deutschland nur in Ausnahmefällen die Herkunft eines Straftäters. "In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht", so steht es im Pressekodex. "Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte."

Dieser Richtlinie – und einem ähnlich lautenden Erlass des Innenministeriums – sei stets auch die Kölner Polizei gefolgt, sagt ein Sprecher. Daran habe sich auch nach der Silvesternacht nichts geändert.

Das mag formal so sein. Aber im letzten Quartal des Jahres 2015 erwähnen nur fünf Pressemitteilungen der Polizei, bei denen die Verdächtigen identifiziert sind, deren Herkunft. 2016 ist dies allein im Januar bei 13 Mitteilungen der Fall – Meldungen über die Silvesternacht nicht mitgerechnet. Offensichtlich hat sie etwas verändert.

10 — "Gesichter des Hasses"

Das Büro von Helge Malchow liegt im Zentrum des Geschehens. Aus seinem Fenster blickt er sowohl auf den Bahnhof als auch auf den Dom. Zu seinen Füßen liegt die Domplatte, auf der er regelmäßig Kundgebungen, Mahnwachen und Demonstrationen beobachten kann. Die Domplatte ist ein Spiegel Deutschlands, seiner Aufregungen, seiner Sorgen, seiner Wut. Manchmal schneller als das Internet, sagt Helge Malchow. Er ist der Verleger von Kiepenheuer & Witsch, dem Verlag von Heinrich Böll und Günter Wallraff. Es ist auch der Verlag von Alice Schwarzer.

Was hat "Köln" so aufgeladen? Warum dieses gewaltige Echo, diese unglaubliche Wucht? Die Silvesternacht mit ihren kriminellen Übergriffen und dem Polizeiversagen, glaubt Helge Malchow, habe zu einer weltweit begierig aufgegriffenen Chiffre werden können, weil viele im Grunde nur auf solch ein Ereignis gewartet hätten: auf ein Ereignis, das den Stimmungsumschwung von der Willkommenskultur zur Ablehnungs- und Furchtkultur markiert. Die Silvesternacht habe den Unmut gegenüber Migranten und Merkelscher Willkommenskultur nicht erzeugt, glaubt er; sie habe vielmehr einem längst existierenden Unmut ein Ventil geliefert.

Weltweites Suchinteresse an der Kölner Silvesternacht

Diese Zeitraffer-Animation zeigt, wie die Suchkombination Köln+Silvester bei Google ein weltweites Phänomen wurde – allerdings erst mit einigen Tagen Verzögerung nach den Übergriffen.

Malchow sagt das nicht leichthin. Er nimmt schon seit Längerem tektonische Verschiebungen in der bundesdeutschen Demokratie wahr. Korrespondierend mit dem islamistischen Terror sehe er bei den Demos der Rechten, die er aus seinem Bürofenster manchmal beobachtet, immer öfter "Gesichter des Hasses", wie er sie vorher nicht gekannt habe. Kamen die erfolgreichen Empörungsbücher früher klassischerweise aus der linken Ecke, kommen sie heute von rechts. Der Zeitgeist, sagt Helge Malchow, habe sich komplett gedreht.

Der Zeitgeist vielleicht – aber nicht Alice Schwarzer. Die Autorin und Frauenrechtlerin sitzt in einem Restaurant nicht weit vom FrauenMediaTurm, dem Sitz der Emma- Redaktion – und eins ist ihr bei diesem Gespräch besonders wichtig: Sie habe immer schon vor den radikalen Ausprägungen des Islams gewarnt. Viele andere hätten beim Thema Islam einen blinden Fleck, sie nicht.

Insofern, sagt sie, sei die Silvesternacht in Köln ein schreckliches, aber im Grunde ein längst erwartbares Ereignis gewesen, das hoffentlich vielen die Augen geöffnet habe. Längst erwartbar. In Schwarzers Worten wird Malchows These plötzlich greifbar: "Köln" wird zur Chiffre, in Schwarzers Fall eben zur Chiffre für alles, was sie am Islam seit je zu kritisieren hat.

Sie lebe auf dem Land und kümmere sich um eine Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan, erzählt sie. Eine Familie mit einem kleinen Jungen und einem Mädchen – da könne sie zuschauen, wie sie alle auflebten, in der Liberalität Deutschlands, wie sie die Freiheit genössen, auch durch das Fallen des Kopftuchs. Sie ruft muslimische Menschen als Kronzeugen auf, die den politischen Islam anklagen.

Dass viele Täter in Köln religiöse Analphabeten waren, Muslime höchstens auf dem Papier, spielt für Schwarzer keine Rolle. Sie stammen aus einer Welt, die Frauen unterdrückt und Freiheiten, für die Schwarzer ihr Leben lang gekämpft hat. So sieht sie es. So hält sie es auch in ihrem Buch über die Silvesternacht, Der Schock heißt es, Malchow hat es verlegt. Differenzierung war noch nie ihre Lieblingstugend.

Alice Schwarzer verknüpft die Silvesternacht mit Islamkritik und Frauenrechten. Die rechte Bürgerbewegung pro Köln verknüpft die Silvesternacht mit ihrer Ablehnung von Flüchtlingen: In ihrer Geschäftsstelle am Rande der Altstadt hängt ein Poster, auf dem bärtige, messerschwingende Orientalen eine blonde Frau verfolgen. "Rapefugees not welcome", steht darunter. Wieder andere verknüpfen die Silvesternacht mit ihrer Empörung über die angeblich vorherrschende Kultur der Political Correctness oder über die "Lügenpresse". Es sind solche Verknüpfungen, die "Köln" zu einem Dauerthema gemacht haben.

11 — "Legendär tolerant"

Henriette Reker empfängt in ihrem großzügigen Büro im Historischen Rathaus. Auf ihrem Ledersofa liegt Schwarzers Buch Der Schock. Sie hat es noch nicht gelesen.

Reker ist eine untypische Kölner Politikerin. Sie ist ein Verwaltungsprofi, kein Bauchmensch. Keine, die ihre Bürger mit Worten umschmeichelt. Viele haben ihr das nach der Silvesternacht vorgeworfen. Zu kühl, zu spät habe sie reagiert. "Vielleicht habe ich den Frauen, den Opfern, zu wenig Trost gespendet. Aber meine Aufgabe ist es, dass diese Stadt funktioniert. Ich bin nicht die oberste Hirtin. Mir geht es um die Sicherheit in der Stadt."

Sicherheit. Es ist ein Wort, das in Köln lange spießig klang, spaßverderberisch. Ein Wort, um das man sich hier, in dieser "legendär toleranten Stadt", wie Reker sagt, keine Gedanken machen wollte.

"Et hätt noch immer jot jejange": Paragraf 3 des Kölner Grundgesetzes.

Aber dieses Mal ist es nicht gut gegangen. Reker hat inzwischen reagiert: 100 zusätzliche Mitarbeiter wird das Ordnungsamt bekommen, und eine Videoüberwachung an 48 neuralgischen Punkten der Stadt ist geplant. Die Verantwortung für die Silvesternacht lädt sie woanders ab: Natürlich seien in der Stadt Fehler gemacht worden, aber es sei ganz klar ein Versäumnis der Landespolitik gewesen, dass die erforderliche Zahl an Beamten nicht zur Verfügung gestellt worden sei.

Reker hat nach der Silvesternacht einen Satz gesagt, der für zusätzliche Empörung sorgte: Frauen sollten, so empfahl sie als Antwort auf die Frage nach einem Sicherheitstipp, zu Unbekannten doch eine Armlänge Abstand halten, um sich vor Übergriffen zu schützen. Sie kommt von sich aus darauf zu sprechen, nennt den Satz rückblickend "unglücklich". Aber erklären kann sie ihn. Reker wurde am 17. Oktober 2015, einen Tag vor der Oberbürgermeisterwahl, auf offener Straße von einem Mann attackiert, er rammte ihr ein 30 Zentimeter langes Messer in den Hals. Als sie gewählt wurde, lag sie im Koma. "Wenn man selbst so eine Erfahrung gemacht hat, dann erhält man sich gern eine Illusion der Wehrhaftigkeit aufrecht."

12 — "Echt jetzt, Entschuldigung!"

Youssef, der Mann, der an Silvester eine Pfandflasche gestohlen hat, sitzt mit gesenktem Kopf im Saal Nummer 18 des Amtsgerichts Köln. Als einer der wenigen, die noch in jener Nacht festgenommen wurden, muss er sich vor der Justiz verantworten. Draußen spielt das Aprilwetter verrückt.

Zehn Verhandlungen haben bis Redaktionsschluss stattgefunden, in denen die Richter elf ausnahmslos aus Nordafrika stammende Angeklagte verurteilt und einen freigesprochen haben. Drogenbesitz, Diebstahl, Hehlerei: Meistens sind die Prozesse Routine, dauern nicht länger als ein paar Stunden. Aber es gibt Ausschläge: Am ersten Prozesstag im Februar sind 50 Reporter da; als es im Mai zum ersten Mal um ein Sexualdelikt geht, stehen sich die Journalisten wieder auf den Füßen. Die Aussagen der Zeugen sind für die Prozesse zentral. Die engagierteren Verteidiger klammern sich an jede Lücke, die sie in den Schilderungen ausmachen, etwa wenn Orts- oder Zeitangaben Monate nach Silvester nicht mehr ganz zusammenpassen. Im bislang einzigen Prozess gegen einen Grapscher musste die Staatsanwaltschaft den Vorwurf fallen lassen, weil die Zeugin den Angeklagten nicht zweifelsfrei identifizieren konnte.

Die Staatsanwaltschaft hat bislang keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass es eine massenhafte Verabredung der Täter gab, ebenso wenig die Polizei-Ermittlungsgruppe "Neujahr". Aber es gibt die gewaltige Zahl von knapp 1200 Straftaten, die selbst Angela Merkel, der extreme Kritiker wegen ihrer Politik sogar eine Mitschuld geben wollen, hat fragen lassen: "Gibt es in Teilen von Gruppen auch so etwas wie Frauenverachtung? Ich glaube nicht, dass es nur Einzelfälle sind."

Bis Redaktionsschluss lagen 1182 Strafanzeigen zur Kölner Silvesternacht vor, von denen sich 497 auf sexuelle Übergriffe beziehen, die 648 Opfer betreffen. Die Zahlen differieren, weil einige Opfer gemeinsam Anzeige erstattet haben. 284 Personen wurden den Anzeigen zufolge zugleich Opfer eines sexuellen Übergriffs und eines Eigentumsdelikts. Es liegen fünf Anzeigen wegen Vergewaltigung vor, dabei geht es jeweils um das Einführen von Fingern. 16 Versuche wurden angezeigt.

Alles zusammengenommen gibt es 1276 mutmaßliche Opfer der Silvesternacht, von denen die meisten nicht in Köln leben. Von den 183 Beschuldigten gelten 55 als Marokkaner, 53 als Algerier, 22 als Iraker, 14 als Syrer, 14 als Deutsche. 73 Beschuldigte sind Asylsuchende, 36 hielten sich illegal hier auf, 11 hatten eine Aufenthaltserlaubnis. Bei den übrigen ist der Status ungeklärt. Acht Beschuldigte befinden sich noch in U-Haft.

Trägt jeder einzelne Angeklagte Schuld am Gesamtgeschehen?

Ja, sagt die Staatsanwaltschaft.

Nein, meinen die Verteidiger.

Die Ankläger sprechen von einer "besonderen, in Deutschland noch nicht da gewesenen Situation". Sie argumentieren mit dem "beeinträchtigen Sicherheitsempfinden" der Bevölkerung. Von den Urteilen müsse "ein klares Signal" ausgehen. Auch bei geständigen Tätern fordern sie ausnahmslos Haftstrafen – mal mit, mal ohne Bewährung. Zur Abschreckung, aus "generalpräventiven Gesichtspunkten".

Die Verteidiger verlangen, das Gericht müsse ihre Mandanten so betrachten, als wäre die Tat zu einer beliebigen Zeit an einem beliebigen Ort geschehen. Sie sprechen von einer "allgemeinen Hysterie", von "Kollektivschuld", einer sogar von einer "Hetzjagd" auf die Angeklagten.

Youssef versteht nicht so recht, was passiert, obwohl ein Dolmetscher neben ihm sitzt. Die letzten vier Monate hat er in Untersuchungshaft im Jugendgefängnis von Wuppertal verbracht. Jetzt sitzt er in einer Pyjamahose auf der Anklagebank.

Breitbeinig betritt einer der drei Polizisten, die Youssef in der Silvesternacht festhielten, nachdem er die Pfandflasche aus dem Rucksack geklaut hatte, den Zeugenstand. Er kaut Kaugummi. Ein Kollege, der eben dran war, hat erklärt, viele Polizisten seien wegen der Ereignisse am Hauptbahnhof "extrem traumatisiert".

Youssef schaut reglos auf den Boden, trotzdem meldet er sich zwischendurch zu Wort, um bei den Deutschen um Verzeihung zu bitten. "Echt jetzt, Entschuldigung", sagt er nun schon zum dritten Mal.

"Ich nehme die Entschuldigung nicht an", antwortet der Kaugummi kauende Polizist.

Youssef hatte einen Mix aus synthetischen Drogen und Alkohol im Blut. Er schwört sogar, nicht bei Bewusstsein gewesen zu sein. "Ich nehme nie wieder Drogen! Ich klaue nie wieder etwas!" Sein Verteidiger argumentiert, dass sein Mandant eigentlich noch ein Kind sei. Der 19-Jährige trägt eine Frisur, die viele in der Altstadt von Casablanca als modisch bezeichnen würden: kahl rasierter Hinterkopf mit einer Haarinsel auf dem Schädel.

Die nächste Zeugin in Youssefs Prozess ist eine Polizistin, die bei seiner Festnahme dabei war. "Vor dem Hauptbahnhof spürte ich tausend Hände an meinem Gesäß", sagt sie. Youssef schaut sie mit aufgesetztem Dackelblick an. Der Richter schüttelt sich vor Ekel. "Das muss schrecklich gewesen sein." Er wirft einen bösen Blick auf die Anklagebank. "Wallah, Entschuldigung", ertönt Youssefs Stimme erneut.

Dabei wird Youssef gar keine sexuelle Belästigung vorgeworfen.

13 — Royal Air Maroc

In Düsseldorf, 35 Kilometer von Köln entfernt, sitzt Innenminister Ralf Jäger in einem schwarzen Ledersessel und sagt einen Satz, der für einen Law-and-Order-Sozialdemokraten erst einmal überraschend weich klingt: "Sicherheit ist ein Gefühl." Was Jäger meint: Ob Bürger sich sicher fühlen, hat nicht nur mit objektiven Fakten zu tun. "Köln", sagt er, "ist weltoffen und sicher."

Das heißt nicht, dass er keine klare Meinung zur Silvesternacht hätte. Henriette Reker zeigt mit dem Finger auf die Landespolitik? Jäger zeigt zurück: "Mit dem Wissen, das man vorher hatte, hätte man die Übergriffe nicht verhindern können. In der Silvesternacht wussten viele etwas, aber keiner alles. Es wurden Fehler gemacht." Die Bereitschaftspolizei hätte seiner Meinung nach frühzeitig gerufen werden müssen; die Einsatzleitung hätte nicht bei der Polizeiinspektion Mitte liegen dürfen; zu viele Polizisten seien zu früh in den Feierabend entlassen worden.

Jäger ist in einer merkwürdigen Lage. Einerseits steht er unter Beschuss, Politiker wie der CDU-Landtagsabgeordnete Gregor Golland fordern seinen Rücktritt. Jäger war schon Zeuge im Untersuchungsausschuss und wird wohl noch einmal vernommen werden. Andererseits muss er politische Tatkraft beweisen, Konsequenzen ziehen: Auch er will mehr Polizeipräsenz, um solche Taten in Zukunft zu verhindern. "Wir müssen bei Großereignissen prüfen, ob eine behördenweite BAO, also eine ›Besondere Aufbauorganisation‹ der Polizei, sinnvoll ist." Das soll eine bessere Abstimmung aller beteiligten Behörden sicherstellen, als sie in der Silvesternacht gelang.

Zugleich gibt es eine Realität, die Jäger Grenzen setzt. So hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière nach Silvester zwar viel getan, um Abschiebungen nach Nordafrika zu erleichtern. Ist in die Maghrebstaaten geflogen und hat Abkommen geschlossen. Will Marokko, Tunesien und Algerien zu "sicheren Herkunftsstaaten" erklären lassen. Aber sein Gesetzentwurf muss noch durch den Bundesrat.

Und dann ist da das Kleingedruckte. Marokko zum Beispiel hat sich ausbedungen, dass maximal vier Abzuschiebende auf einmal in ein Flugzeug gesteckt werden dürfen; und zwar ausschließlich in Linienflüge der staatlichen Royal Air Maroc. Sobald einer randaliere, so Jäger, weigerten sich die Piloten, ihn mitzunehmen. Benötigte Passersatzpapiere stelle die Regierung in Rabat zu zögerlich aus. Seit Silvester habe NRW gerade mal elf Marokkaner abschieben können. "Wenn das in dem Tempo weitergeht", rechnet Jäger vor, "dann ziehen sich die anstehenden Abschiebungen noch 25 Jahre hin." Wenigstens gehe es bei den Tunesiern besser.

14 — "Ich sterbe vor Langeweile"

"Eigentlich gibt es in Köln eher beschuldigtenfreundliche Richter": Ein Satz, den mehrere Kölner Anwälte in Hintergrundgesprächen sagen. Für die Silvestertäter gilt er nicht: Die beantragten Strafen liegen oberhalb dessen, was in Köln vor Silvester für vergleichbare Delikte verhängt wurde, die meisten Urteile nach Einschätzung von Kölner Juristen ebenfalls. Die Richter beantworten die Frage nach der Mitverantwortung der einzelnen Täter für die Silvesternacht meistens mit Ja.

Für Youssef, den Pfandflaschendieb, lautet das Urteil: zwei Jahre auf Vorbewährung nach Jugendstrafrecht wegen versuchten Diebstahls und Widerstands gegen die Staatsgewalt. Am Abend, nachdem ihn das Gericht auf freien Fuß gesetzt hat, schwört Youssef, den richtigen Weg einzuschlagen: "Ich werde mich bessern." An einem Teich neben dem Asylbewerberheim in Willich füttert er Enten. Hier, 25 Kilometer von Düsseldorf entfernt, war er im Herbst 2015 gelandet, nachdem er, aus Paris kommend, seinen Asylantrag gestellt hatte.

Youssef will nach Paris zurück. "In Deutschland verdammen sie dich zum Nichtstun und zu 23 Stunden am Tag in der Einzelzelle. Bloß weg hier." In Frankreich sei es einfacher, in der Illegalität zu überleben. So reden seit der Silvesternacht viele junge Nordafrikaner, und etliche haben sich bereits davongemacht.

Drei Tage bevor er seine Reise nach Paris antreten will, schickt Youssef über WhatsApp eine Nachricht. Er wolle zu Freunden in Dortmund, er halte es in Willich nicht mehr aus. Hier seien selbst die Enten angeödet, "ich sterbe vor Langeweile".

Es sind gerade einmal drei Tage vergangen, seit er aus der U-Haft entlassen wurde. In Dortmund dauert es keine 48 Stunden, bis er wieder Drogen und Alkohol mixt. Kurz darauf ein Anruf: Youssef steht erneut vor dem Haftrichter. Er wird beschuldigt, in Bochum ein Handy geklaut zu haben. Drei Wochen später kommt er frei, der Fall bleibt ungeklärt. "Wir dachten, er schickt uns mehr als nur schlechte Nachrichten aus Deutschland", wird seine Mutter dazu sagen.

15 — "Dicke Eier"

In der Altstadt von Casablanca hat der Fischverkäufer seine Schubkarre auf dem Platz vor der Apotheke geparkt. Nebenan verkauft ein älterer Mann schrumpelige Karotten für drei Dirham das Kilo, umgerechnet 30 Cent. "Da kann ich das Gemüse gleich in der Apotheke kaufen", schimpft Youssefs Mutter.

An ihrem langen bunten Kleid funkeln Strasssteinchen. Die Nachricht von der erneuten Festnahme ihres Sohnes hat die Mittfünfzigerin vor einer Woche erreicht, Youssef hat es seiner Schwester erzählt. "Wie der Vater, so der Sohn", seufzt sie.

Youssefs Mutter wohnt mit ihren beiden Töchtern in einem winzigen Raum. Mit ihrem Mann hat sie sich zerstritten. "Möge ihn Allah auf den rechten Weg leiten", sagt sie. Er sei ein arbeitsloser Mechaniker, drogen- und alkoholabhängig. Als er seinen Job in einer Druckerei verlor, habe er begonnen, seine Frau und seine Töchter zu schlagen. Youssef sagt, auch deswegen sei er abgehauen.

Die Mutter kauft ein halbes Kilo Karotten und schimpft auf die marokkanischen Männer: "Große Klappe, nichts dahinter."

Ich bekniete meinen Vater, Geld zu besorgen
Moustafa

Moustafa, der Nachbar, hört mit. Er steht einige Meter weiter mit dem Rücken zur Hausfassade. In seinem Mundwinkel hängt eine Zigarette. "Sie hat recht!", lacht er. Der 32-jährige Tagelöhner in der schwarzen Jogginghose hat heute nichts zu tun; er bietet seine Arbeitskraft für fünf bis zehn Euro pro Tag an: Mal trägt er Steine auf Baustellen herum, mal schrubbt er Boote.

Moustafa kennt Youssef flüchtig. "Ein feiner Kerl, der ein Drogenproblem hat." Viele junge Männer in der Altstadt von Casablanca seien abhängig von den billigen roten Pillen aus Algerien.

Dabei geht es den Jungs aus der Altstadt, ging es auch Youssef, dem Pfandflaschendieb, und Mounir, dem Grapscher, nicht so schlecht wie den Menschen in den Slums, etwa in Sidi Moumen im Osten der Stadt, wo ganze Familien in Baracken aus Wellblech hausen. Von dort machten sich aber nur wenige auf den Weg nach Europa. Die Altstadt von Casablanca hat dagegen einen Exodus erlebt. Warum? Moustafa schnipst seinen Zigarettenstummel auf den Boden. "Anders als die Hungernden aus Sidi Moumen haben wir noch einen Anspruch an unser Leben auf Erden."

Er selbst hätte es auch fast nach Deutschland geschafft. Es begann mit Bildern, die er im Sommer 2015 auf Al-Dschasira sah: "Syrer, Iraker, Afghanen, die ungehindert nach Europa spazieren." Für die Jungs im Viertel habe es kein anderes Thema mehr gegeben. "Ich bekniete meinen Vater, Geld zu besorgen", erzählt Moustafa. Nach einer Woche hatte die Familie rund 3.000 Euro zusammengekratzt, geliehen von Onkeln und Tanten.

Er hat noch Bilder auf seinem Smartphone; sie zeigen ihn in Istanbul und in Badehose am Strand. Dann erhielt er die Nachricht, dass sein Vater im Krankenhaus mit dem Tod ringe. Während seine Kumpel in Boote Richtung Griechenland stiegen, setzte sich Moustafa in ein fast leeres Flugzeug nach Casablanca. "Das Leben ist ein Arschloch", sagt er.

Beim Spaziergang durch die Altstadt zählt Moustafa auf, wer alles nach Europa abgehauen ist: "Drei aus dieser Gasse ... hier wohnte auch einer ... hier kenne ich zwei Brüder ... hier, über der Bäckerei, lebte ein Freund von mir, der ist jetzt in Deutschland ... der Sohn des Friseurs ist auch weg ..." Viele Marokkaner, die ohne Papiere durch Europa irren, auch einige aus der Silvesternacht, stammen aus diesen Gassen.

Moustafa findet, dass es schön blöd von den Jungs war, ihre Zukunft wegen ihrer "dicken Eier" aufs Spiel zu setzen. "Die schicken sie bald alle zurück", sagt er. Aber er möchte noch etwas anderes loswerden: "Wenn wir Nordafrikaner alle Vergewaltiger sein sollen, was passiert dann hier in Casablanca jede Nacht tausendfach? Siehst du die Bars und Bordelle dahinten in der Parallelstraße? Da ficken europäische Geschäftsmänner unsere Frauen, verlangen von ihnen Dinge, die unter der Würde eines Menschen liegen." Nun hat er sich so in Rage geredet, dass er etwas erzählt, was er sonst wohl für sich behalten hätte: "Meine Schwester, sie ist 16 Jahre alt, weiß nur zu gut, was der wahre Skandal ist."

"Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet": Paragraf 6 des Kölner Grundgesetzes. "Kennen wir nicht, brauchen wir nicht, fort damit."

Die Abschiebungen aus Deutschland, von denen Moustafa gehört hat, dass sie bald beginnen sollen, lindern seinen verletzten Stolz ein wenig.

Eben doch kein Paradies da drüben.


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Lesen Sie hier vier Lehren aus der Silvesternacht in Köln sowie von einem Besuch im Maghreb.

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Redaktion: Silke Janovsky, Elisabeth Rank

Video: Claudia Bracholdt, Ute Brandenburger

Visualisierungen und Infografik: Paul Blickle, Fabian Mohr, Sascha Venohr

Koordination: Philip Faigle, Götz Hamann