Berlin Russische Revolution

Berlin wird wieder zum Sammelpunkt der russischen Kreativen, die mit ihrem hier geprägten Stil die Modewelt begeistern. Wir haben Berlins neue Bewohner fotografiert, in deutscher und internationaler Mode. Von , und
ZEITmagazin Nr. 28/2016

Das Atelier des Künstlers Dmitri Wrubel in Prenzlauer Berg ist ein Treffpunkt der Hoffnungsvollen. Der Russe lädt zusammen mit seiner Partnerin Viktoria jeden Samstag in sein Atelier ein. Hier kommen Menschen zusammen, die Russland verlassen haben, weil sie unter den gegebenen politischen Umständen dort keine Heimat mehr haben. Einmal war der Politologe Alexander Morozov eingeladen, er sollte über die aktuelle Lage in Russland reden. Er trat nach vorne und sagte, die Lage in Russland mache ihn sprachlos, deswegen wolle er nur ein Gedicht aufsagen. Anschließend trat einer nach dem anderen aus dem Publikum vor – jeder trug ein persönliches Gedicht vor.

Auch der Schriftsteller Wladimir Kaminer war dabei. Er hat mit seiner in den neunziger Jahren gegründeten "Russendisko" russischen Pop in der Hauptstadt zum Hit gemacht, gerade arbeitet er an seinem nächsten Buch – Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger. Für ihn sind es solche Abende, an denen er die russische Seele spürt. "Die Russen sind ja alle sehr poetisch", sagt er. "Jeder kann unzählige Gedichte auswendig." So gesehen wird die deutsche Hauptstadt immer poetischer. Denn sie ist ein Sammelpunkt russischer Exilanten. Kaminer sagt: "Ich fühle mich wie in den zwanziger Jahren, ständig treffe ich hier neue Menschen, die das Land verlassen haben, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen." Für solche Leute ist Berlin die erste Anlaufstation. "Deutschland steht für die Russen für Europa", sagt Kaminer: "Es ist der Beweis dafür, dass Dinge funktionieren können." Vor allem Journalisten kämen nach Berlin, und auch Künstler und Intellektuelle, die hier Freiheit suchten.

Berlin als das Symbol für die Freiheit, für das Leben, das man führen möchte. Das zeigt sich auch in der Mode. Zurzeit sind Designer aus Russland und den Ländern der durch Russland geprägten ehemaligen Sowjetunion präsent wie nie. Designer wie Demna Gvasalia, Mitbegründer des Labels Vetements und Kreativchef von Balenciaga, stehen für eine wilde, ungezügelte Art, Mode zu gestalten. Ihr Vorbild ist der Ost-Streetstyle, wie ihn junge Russen in Marzahn und Neukölln tragen, mit Bomberjacken, Trainingshosen und geschorenen Haaren. Die Schnitte der neuen Designer-Generation sind hart, ganz und gar nicht gefällig und voller Bezüge auf Deutschland und seine Hauptstadt – wenn etwa gelbe T-Shirts mit dem Aufdruck DHL inszeniert werden oder Mäntel, auf deren Rücken der Schriftzug POLIZEI leuchtet. Auf einem Vetements-Kleid findet sich das Logo einer legendären Berliner Schwulenbar: Ficken 3000. Vetements ist eine Marke mit Sitz in Paris, die sich ihre Ideen in Berlin holt.

Berlin und Russland, das ist eine Beziehung mit Tradition. Die Stadt hatte schon viele russische Momente. Als in Russland nach dem Ersten Weltkrieg die Oktoberrevolution losbrach, kamen Tausende Russen nach Berlin. Die Stadt wurde zum Sammelbecken derer, die Grund hatten, die Rote Armee zu fürchten. Es waren Armee-Angehörige, Aristokraten und Intellektuelle. Sie arbeiteten als Taxifahrer oder drehten in Heimarbeit Zigaretten, um in Berlin durchzukommen. Anfang der zwanziger Jahre lebten 300.000 Russen in der Stadt. Rund um den Wittenbergplatz entstand ein kleines St. Petersburg, Charlottengrad genannt, eine Stadt in der Stadt – erbaut aus den Trümmern der bürgerlichen russischen Gesellschaft.

In Berlin sammelten sich die Geflüchteten, bevor sie in andere europäische Städte zogen oder einfach sesshaft wurden. Viele Adlige hatten internationale Verbindungen und konnten auf Hilfe rechnen, zumal da man in deutschen feudalen Kreisen die Bolschewisten ja auch hasste. Nachdem die Russen erfahren mussten, dass die alte Ordnung in Russland verloren war, bauten sie in Berlin russisch-orthodoxe Kirchen, eröffneten ihre eigenen Restaurants und gründeten Tennisclubs. Es gab in der Stadt russische Bücherstuben, russische Konditoreien und russische Zeitungen.

Auch der Schriftsteller Vladimir Nabokov lebte lange in Berlin: von 1922 bis 1937. Er war kein großer Freund der Stadt, aber sie prägte sein Frühwerk, dort finden sich wunderbare Beschreibungen der Metropole. Nabokov heiratete in Berlin und bekam hier seinen Sohn.

Die Stadt hatte einen großen Vorteil, den viele heute noch an ihr schätzen: Sie lässt einen sein. In Berlin konnten die Russen unter sich bleiben. Mit seinen vier Millionen Einwohnern, damals eine der größten Städte der Welt, bot Berlin genug Platz für jede Kultur. Zeitweise wurden in den russischen Verlagen Berlins mehr Bücher veröffentlicht als in Moskau. Die Russen waren es, die Berlin erstmals zur internationalen Stadt machten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Osten Berlins gleichsam ein Teil Russlands. Davon zeugen heute noch wichtige Bauwerke. Die im russischen Bombast-Stil gebaute Karl-Marx-Allee, das Café Moskau, auf dessen Dach eine Nachbildung des Satelliten Sputnik thront. Und natürlich das Wahrzeichen Berlins, der Fernsehturm. Der ursprünglichen Planung nach sollte seine Facetten-Kugel nachts rot angestrahlt werden. Als sozialistischer Gruß Moskaus in den Westen.

Die heutige russische Diaspora in Berlin besteht nicht mehr aus geflohenen Adeligen oder Militärs. Aber immer noch sind es jene, die hier ein besseres Leben suchen. Schätzungsweise 200.000 russisch sprechende Menschen leben in Berlin. Es sind zum einen die vielen, die nach der DDR-Zeit hiergeblieben sind. Dazu kommen Tausende jüdische Aussiedler. Und dann sind da noch die Russen, die Berlin als neue Heimat oder Heimat auf Zeit gewählt haben, darunter Studenten, Künstler und solche, die sich im heutigen Russland bedrängt fühlen.

Auch Menschen wie Dmitri Wrubel. Er ist als Maler durch das Bild, das er auf die Berliner Mauer gemalt hat, bekannt geworden: Es zeigt Honecker und Breschnew, die sich innig küssen. Wrubel wohnt seit sechs Jahren in Berlin. "Solch politische Kunst könnte ich im heutigen Russland nicht mehr machen", meint er. In der alten Heimat ist er nur noch selten.

Wenn man darauf achtet, entdeckt man überall in Berlin den Einfluss der russischen Kultur. Es gibt russische Bars, Restaurants, Dampfbäder und Geschäfte mit Namen wie Bukowina, Matreshka und Samowar, in denen die Waren des alten sowjetischen Imperiums angeboten werden: Rigaer Sprotten, Kamtschatkakrabben, armenischer Kognak. Es gibt eine russische Lokalzeitung und einen russischen Radiosender.

Die deutsche Hauptstadt hat eine Sonderrolle. Sie liegt zwischen Ost und West. Mit ihrer rücksichtslosen Architektur, ihrer Unordnung, den erbarmungslosen Wintern und dem nimmermüden Nachtleben. Ebendas macht Berlin zur Inspirationsquelle für die neue Generation von Designern, die gerade die internationale Modewelt umkrempeln. Allen voran Gosha Rubchinskiy und Demna Gvasalia. Gvasalia, Georgier mit deutschem Pass, ist der Kopf des Designer-Kollektivs Vetements. Und er liebt Berlin: "Berlin gibt mir das Gefühl, dass alles möglich ist." Man habe sogar überlegt, die Marke in Berlin zu gründen – sei dann aber aus wirtschaftlichen Gründen nach Paris gegangen.

Das Label Vetements hatte schnell den Ruf, von Moderebellen gestaltet zu werden. Bei der jüngsten Show spazierten die Models zwischen Kirchenbänken herum, trugen Sweater mit überdimensionierten Schulterpolstern und T-Shirts mit Slogans wie "Fuck you, asshole". Auch die Stücke von Gosha Rubchinskiy haben nichts mit üblichen Schönheitsvorstellungen zu tun. Seine acidwashed Jeans und schlecht sitzenden Mäntel bringen ein anarchisches und ungezügeltes Moment zurück in die Mode. Sie nehmen Bezug auf die russische Realität, auf die Leute, die sich irgendwie durch ihren Tag schlagen müssen und dazu anziehen, was für diesen Zweck brauchbar ist: eine Jeans und eine Jacke. Während der amerikanische Streetstyle längst von der Designermode aufgesogen wurde, kann der Straßenstil der Russen dieser noch etwas entgegensetzen: eine gewisse radikale Wucht.

Der kurz geschorene Mode-Russe ist gewissermaßen der Gegenspieler des Großstadt-Hipsters mit Bärtchen. Letzterer lebt in einer Welt, in der alles ironisch, crafted und flexitarisch ist und man nostalgisch verklärt zurück in die analoge Zeit schaut. In einer Bomberjacke von Vetements hingegen blickt man besten stur und schnörkellos nach vorne.

Zum Glück ist in einer Stadt wie Berlin Platz genug für beide.

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