Das war meine Rettung "Es könnte ein Desaster werden – aber was, wenn es toll wird?"

Garth Risk Hallberg war ein unglücklicher, einsamer Teenager. Bis seine Mutter eine gute Idee hatte. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 28/2016

ZEITmagazin: Herr Hallberg, die erste Fassung Ihres gefeierten 1.000-Seiten-Romans City on Fire haben Sie mit der Hand geschrieben. Wieso nicht am Computer?

Garth Risk Hallberg: Ich hatte die ersten Notizen zu dem Buch jahrelang in einer Schublade gelassen, weil mir die Idee für das Buch zu groß erschien. Als ich die Notizen wieder hervorholte, war das beängstigend. Ich musste einen Prozess finden, um die Angst beim Schreiben zu kontrollieren. Deshalb habe ich in kleine, karierte Notizbücher geschrieben. So hatte ich immer das Gefühl, nur diese eine Seite füllen zu müssen anstatt eine unendlich lange Datei. Es war immer noch beängstigend und schwierig, aber es ermöglichte mir, überhaupt anzufangen.

Garth Risk Hallberg

37, wurde in Louisiana geboren. Für seinen Debütroman City on Fire (S. Fischer), in dem er vom Ausnahmezustand in New York während des Stromausfalls 1977 erzählt, bekam er zwei Millionen Dollar Vorschuss. Er lebt mit Frau und Kindern in Brooklyn

ZEITmagazin: Wovor fürchteten Sie sich?

Hallberg: Ich hatte Angst zu scheitern. Um überhaupt die Möglichkeit zu schaffen, etwas richtig Gutes zu vollbringen, musst du dich verwundbar machen. Ich hatte beim Schreiben das Gefühl, alles auf den Tisch legen zu müssen. Das erschien mir riskant.

ZEITmagazin: Wieso haben Sie es dann doch gewagt?

Hallberg: Schwer zu sagen. Ich kenne die Angst, vor etwas wegzurennen, sehr gut. Als Teenager hatte ich sehr viel Angst, bis es irgendwann nicht mehr weiterging und ich mich entschied, mich umzudrehen und mich mit der Angst zu konfrontieren. Ich wusste also: Wenn es nicht mehr weitergeht, muss man genau das machen.

ZEITmagazin: Wovor hatten Sie als Teenager Angst?

Hallberg: Mir ging es so schlecht, wie es einem nur als Teenager schlecht gehen kann. Nennen Sie es Einsamkeit. Du fühlst dich einsam und missverstanden, deshalb hörst du auf, auf andere zuzugehen, weil du denkst, dass sie dich ablehnen werden, und dadurch wirst du noch einsamer.

ZEITmagazin: Hatten Sie keine Freunde?

Hallberg: Doch, aber das Einzige, was uns verband, waren Drogen. Bei einigen Leuten, die ich damals kannte, scheue ich mich heute, nachzuforschen, was aus ihnen geworden ist. Ich habe Angst, es herauszufinden.

ZEITmagazin: Gab es nichts, was Ihnen damals Trost spendete?

Hallberg: Das Einzige, was meinem missverstandenen 14-jährigen Selbst half, waren Gedichte. Sie waren leidenschaftlich, intelligent, Rock ’n’ Roll. Ich war oft bis drei Uhr morgens wach, weil ich nicht schlafen konnte, und versuchte dann, Gedichte zu schreiben, die natürlich furchtbar waren.

ZEITmagazin: Und wie haben Sie sich mit Ihren Ängsten konfrontiert?

Hallberg: Als ich 16 war, sagte meine Mutter zu mir: Vielleicht solltest du in diesem Sommer etwas machen, was du auf deine College-Bewerbung schreiben kannst. Ich blockte natürlich ab – ich dachte, wenn ich irgendeinen Sommerkurs belege, wie ihn viele Unis anbieten, wird mich dort jeder komisch finden und nicht mögen. Aber dann kam meine Mutter noch mal und sagte: Ich habe hier einen Kurs gefunden, der nur eine Woche dauert, einen Gedichte-Workshop. Du magst doch Gedichte. Der Kurs kostete 700 Dollar, und wir hatten damals überhaupt kein Geld. Aber sie sagte: Wenn du das machen möchtest, bezahle ich es gern. Ich war total nervös und zugleich positiv aufgeregt. Als wenn man einen Roman anfängt: Es könnte ein Desaster werden – aber was, wenn es toll wird?

ZEITmagazin: Solange man nur von etwas träumt, kann es ja nicht schiefgehen.

Hallberg: Ja. Zu Kursbeginn saß ich mit lauter nervösen Teenagern in einem Raum, wir warteten auf jemand Offizielles, es war ganz still. Bis ein Typ plötzlich fragte: Hat jemand eine Zigarette? Und ich sagte: Ja! Wir sind zu dritt oder viert raus, rauchten und fingen an, darüber zu reden, was wir lasen und schrieben. Das war das erste Mal, dass ich Gleichaltrige traf, die meinen Antrieb teilten. Und sie waren cool. Cool, ohne zu allem Nein sagen zu müssen. Einer wohnte in Washington, ich besuchte ihn oft, seine Freunde waren Maler, Musiker und Schauspieler. Plötzlich war da diese schöne, kreative Welt. Bis heute sind einige dieser Leute meine besten Freunde.

ZEITmagazin: Die Idee Ihrer Mutter hatte Sie gerettet?

Hallberg: Ja, und zwar wortwörtlich. Der Typ, der damals das Eis brach, gab mir den Tipp, dass sein College viele Stipendien vergab, von denen ich dann tatsächlich eines bekommen habe. Dort habe ich meine jetzige Frau kennengelernt. Wenn ich zu der Idee meiner Mutter Nein gesagt hätte, wäre mein ganzes Leben heute anders. Meine Frau, meine besten Freunde, die Stadt, in der ich lebe, dieses Buch – alles wäre nicht so gekommen.

ZEITmagazin: Haben Sie Ihrer Mutter das mal gesagt?

Hallberg: Nein, nein, schrecklicherweise ist es mir immer noch peinlich, dass sie damals recht hatte.

Das Gespräch führte Anna Kemper. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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