Algorithmen "Kaum etwas ist oberflächlicher als Online-Dating"

Was lernt man über die Liebe, wenn man sehr viele Online-Daten auswertet? Ein Gespräch mit Christian Rudder, der eine Dating-Website gegründet und über seine Erkenntnisse ein Buch geschrieben hat.
ZEITmagazin Nr. 29/2016

Den bisher größten Datenberg zur Liebe im Netz hat der Mathematiker Christian Rudder umgegraben. Für seine Studien standen ihm Informationen großer Dating-Websites, aber auch etwa von Facebook zur Verfügung. Sein US-Bestseller darüber, was uns in Wahrheit zu anderen Menschen hinzieht, ist soeben auf Deutsch erschienen (Inside Big Data, Hanser).

Während seiner Studienzeit in Harvard hat Rudder gemeinsam mit zwei Kommilitonen selbst den Grundstein für eines der weltweit größten Dating-Portale gelegt. Aus einem einfachen Online-Persönlichkeitstest ist OkCupid hervorgegangen, wo heute Tag und Nacht mehr als 100.000 Menschen online sind, um einen Partner zu finden. Das Konzept: Die Nutzer können sich gegenseitig Tausende Fragen stellen, ein selbstlernender Algorithmus prognostiziert anhand der Antworten, wer besonders gut zusammenpasst.

Christian Rudder hat seinen Lebensunterhalt auch noch Jahre nach Gründung seines kostenlosen Dating-Portals als Mitglied der Indie-Band Bishop Allen bestritten. OkCupid, das schließlich für angeblich 50 Millionen Dollar an den Konkurrenten Match.com verkauft wurde, hat er im vergangenen Jahr verlassen.

ZEITmagazin: Herr Rudder, mögen Sie Horrorfilme?

Christian Rudder: Ja, sehr.

ZEITmagazin: Und könnten Sie mit jemandem zusammen sein, der sehr unordentlich ist?

Rudder: Ich denke schon, ich bin selbst sehr unordentlich.

ZEITmagazin: Stört es Sie, wenn andere Rechtschreibfehler machen?

Rudder: Ja.

ZEITmagazin: Ausgerechnet diese drei Fragen werden Menschen, die sich bei Ihrem Dating-Portal anmelden, gleich zu Anfang gestellt. Paare, die zusammenpassen, haben sie besonders häufig gleichlautend beantwortet. Was also würde Ihre Frau wohl sagen?

Rudder: Sie mag wie ich Horrorfilme und keine Rechtschreibfehler, und sie hat kein Problem mit sehr unordentlichen Menschen.

ZEITmagazin: Ist es nicht seltsam, dass die politische oder religiöse Einstellung keine so große Rolle spielt, nicht einmal sexuelle Vorlieben tun das – dafür aber, ob der andere seine Socken liegen lässt? Weit vorne rangiert auch: "Wäre ein Atomkrieg nicht in gewisser Weise aufregend?" Das ist schon irritierend.

Christian Rudder

40, ist in Little Rock, Arkansas, geboren. Er studierte Mathematik in Harvard. 2004 gründete er die Dating- Website OkCupid. Rudder lebt mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter im New Yorker Stadtteil Brooklyn

Rudder: Ja, verrückt, nicht? Die Leute fragen einander jeden Unsinn, das ist das Internet. Unsere User reichen die Fragen selbst ein, wir sammeln nur die Antworten, und unser Algorithmus ermittelt, welche von ihnen die Anziehungskraft zwischen zwei Menschen besonders gut vorhersagen. Ob Menschen ähnliche politische Ansichten haben, ob sie in den USA zum Beispiel Republikaner oder Demokraten sind, ist für eine Beziehung nicht so entscheidend. Gut ist aber, wenn sich beide grundsätzlich für Politik interessieren. Oder beide nicht.

ZEITmagazin: Kein Forscher besitzt so viele Daten wie Sie darüber, was uns zum anderen hinzieht. Die Wahrheit ist allerdings deprimierend: Anscheinend können wir nicht die Person finden, mit der wir glücklich sind.

Rudder: Ganz so schlimm sehe ich es nicht. Viele hoffen wohl, dass es durch das Internet einfacher wird. Die grundsätzlichen Probleme bleiben aber natürlich dieselben.

ZEITmagazin: Es geht schon damit los, dass heterosexuelle Frauen nach Ihren Daten nur jeden sechsten Mann attraktiver als den Durchschnitt finden. Das Urteil von Männern über Frauen hingegen trifft die Realität erstaunlich genau, sie finden die Frauen im Großen und Ganzen prima, wie sie sind.

Rudder: Es ist ein kleines Wunder, dass Männer bei all den Bildern von perfekten Frauen, denen sie durch die Medien ausgesetzt sind, immer noch so ausgeglichen urteilen. Bei Frauen ist es anders, es gab auf dem Markt der Geschlechter aber schon immer diese Spannungen. Unsere Daten zeigen, dass Männer die mangelnde Wertschätzung von Frauen kompensieren, indem sie fünf- oder sechsmal so viele von ihnen ansprechen und damit ihre Chancen wieder ausgleichen.

ZEITmagazin: Sie konnten belegen, dass Männer jeden Alters Frauen Anfang 20 am attraktivsten finden. Sie bleiben emotional am Ende der Adoleszenz hängen. Frauen hingegen bevorzugen gleichaltrige Männer.

Rudder: Auch daran ist ja nicht das Internet schuld. Die gängige Erklärung der Evolutionsbiologie ist, dass Männer länger fruchtbar bleiben und Frauen im gebärfähigen Alter bevorzugen. Frauen hingegen wollen mit dem Vater ihrer Kinder alt werden.

ZEITmagazin: Welcher Faktor ist denn absolut gesehen der wichtigste für die Popularität auf einer Dating-Plattform?

Rudder: Das Aussehen, mit großem Abstand.

ZEITmagazin: Wenn das nun nicht deprimierend ist!

Rudder: Dass wir so oberflächlich sind?

ZEITmagazin: Ja, unsere inneren Werte verblassen angesichts von schlichter Schönheit.

Rudder: So ist es. Ich wünschte, die User würden tatsächlich nicht so streng nach Aussehen filtern, sondern sich mit viel mehr anderen Menschen treffen, um sie persönlich kennenzulernen. Aussehen ist für eine gelungene Beziehung nicht unwichtig, wird aber online auf völlig überzogene Weise als Filter genutzt. Im echten Leben ist es nur Teil eines Gesamtpakets. Wir konnten das sehen, als wir bei OkCupid eine App namens Crazy Blind Date getestet haben, die Menschen nur aufgrund ihrer Persönlichkeit zu echten Dates zusammenbrachte. Erstaunlicherweise waren die Menschen mit den realen Treffen oft sehr zufrieden, auch wenn sie vom Aussehen her nicht ebenbürtig waren. Leider war die App kein großer Erfolg.

ZEITmagazin: Extrem schöne Menschen, so zeigen Sie in Ihrem Buch, erschüttern Dating-Plattformen wie Erdbeben: Das obere eine Prozent hyperschöner Frauen erhält zigmal mehr Kontaktanfragen als bloß sehr gut aussehende Frauen. Was raten Sie schönen Frauen?

Rudder: Es kann für sie dennoch sinnvoll sein, im Internet zu daten. Zum einen ist es viel sicherer, denn sie müssen sich nicht in einer Bar von Dutzenden Männern ansprechen lassen. Sie können jemanden zunächst kennenlernen, bevor sie sich mit ihm treffen. Wenn ich eine schöne Frau wäre, würde ich all diese unaufgeforderten Kontaktanfragen aber einfach ignorieren und selbst diejenigen Männer ansprechen, die ich interessant finde. Die Frau bekommt fast sicher eine Antwort. Für Männer gilt: Sie müssen sich auf sehr viel mehr Zurückweisung gefasst machen und sollten sich davon nicht entmutigen lassen.

ZEITmagazin: Was sollen wir tun in einer Welt, in der unser alles dominierendes Foto dank Social Media und Google inzwischen mit allem verknüpft ist, wofür wir sonst noch stehen?

Rudder: Das Netz ist keine Modeerscheinung, also müssen wir damit umgehen. Vor fünf, sechs Jahren haben deshalb alle an ihrer personal brand gearbeitet, jeder war ein Produkt, seine eigene Marke. Heute tun Menschen viele Dinge wieder lieber privat, sie nutzen geschlossene Medien wie Snapchat. Es könnte sogar sein, dass sie wieder anfangen, mit ihren Freunden öfter zu telefonieren, statt bloß Inhalte zu posten. Fotos von Ihnen werden aber immer irgendwo online sein, egal, was geschieht, das ist nun mal so.

ZEITmagazin: Die populäre App Tinder, die zu jenem Internet-Konzern gehört, der auch OkCupid übernahm, hat die Reduktion aufs Oberflächliche perfektioniert. Dort entscheiden die User anhand eines einzigen Fotos mit einem kurzen Wisch, ob sie jemanden kennenlernen wollen: links nein, rechts ja. Weltweit werden derzeit täglich 1,4 Milliarden Gesichter weggewischt. Wie hat das die Beziehungsanbahnung verändert?

Rudder: Tinder ist das erste wirklich globale Phänomen, die App funktioniert überall. Weil Text keine Rolle mehr spielt. Alles auf ein einziges Foto zu reduzieren, das ist die neue, universelle Weltsprache. Kaum etwas ist oberflächlicher als Online-Dating. Aber solange sich die Menschen am Ende treffen, ist auch das prima. Die eigentliche Beziehung findet immer offline statt, da liegt die eigentliche Magie, das können wir nicht analysieren. Es ist letztlich egal, wie Menschen zusammenfinden, Hauptsache, sie tun es. Tinder hat geholfen, den Markt weiter zu öffnen, besonders für jüngere Menschen, die sonst nicht auf die Idee gekommen wären, Dating-Seiten zu benutzen.

ZEITmagazin: Ein wachsendes Problem scheint zu sein, dass weit mehr gut ausgebildete Frauen die Universitäten verlassen als Männer. Sie finden keine gleichwertigen Partner mehr.

Rudder: Ach, wissen Sie, es gab immer ein Ungleichgewicht. Vor 30 Jahren war das Verhältnis umgekehrt, da gab es überwiegend gut ausgebildete Männer, und trotzdem hat man sich gefunden. Heute müssen eben immer mehr Chefinnen ihren Assistenten heiraten. Nur unsere Vorstellungen müssen sich ändern, wer der Initiator ist bei der Beziehungsanbahnung. Frauen können nicht mehr so passiv sein, und das ist gut so.

ZEITmagazin: Sie haben nicht nur Fotos und Persönlichkeitsmerkmale, sondern auch zig Millionen Kontaktnachrichten ausgewertet. Wie wichtig ist Kommunikation bei der Partnersuche?

Rudder: Das ist eine der Paradoxien des Internets: Auch wenn Ihr Foto alles überstrahlt, ist es doch entscheidend, wie Sie online mit Ihrem potenziellen Date kommunizieren. Das geschriebene Wort ist im Online-Zeitalter wichtiger als jemals zuvor, es ist gleichsam Ihre Visitenkarte. Menschen, die gut schreiben können, die intelligent und lustig sind, haben einen großen Vorteil.

ZEITmagazin: Das klingt romantisch. Sie fanden in Ihren Daten aber eher Prosaisches. Einmal erfolgreiche Kontaktnachrichten werden per Copy-and-Paste dutzendfach wiederverwertet.

Rudder: Die Leute haben doch aber auch früher beim ersten Date immer dieselben Geschichten aus der Dose erzählt. Wie habe ich diese Narbe bekommen? Warum trage ich dieses Tattoo? Das ist nicht verwerflich. Solange es dazu führt, dass sich zwei Menschen treffen, sind auch vermeintlich höchst individuelle Formbriefe völlig okay. Niemand verliebt sich allein wegen einer Nachricht.

ZEITmagazin: Wie haben Sie eigentlich Ihre Frau kennengelernt?

Rudder: Wir sind mit unserer Indie-Band aufgetreten, und am selben Abend trat auch die Band ihres Freundes auf, so haben wir uns kennengelernt, aber zunächst den Kontakt verloren. Unabhängig voneinander zogen wir später beide als Single nach New York, und mein WG-Genosse traf sie zufällig auf der Straße. So unternahmen wir etwas zusammen, und schließlich wurden wir ein Paar.

ZEITmagazin: Was für ein glücklicher Zufall. Warum gibt es eigentlich so wenige Gründer von Dating-Websites, die ihre Partnerin online gefunden haben?

Rudder: Ich verstehe, was Sie sagen wollen, aber das liegt eher an der Generation der Gründer. Als wir unsere Frauen fanden, gab es einfach noch keine vergleichbaren Angebote. Wir mussten sie erst erfinden.

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Vielen Dank für das interessante Interview!
Ich habe mich vor einiger Zeit auf OKCupid angemeldet und mit großem Interesse viele, viele Fragen beantwortet. Aber natürlich wird einem nach einiger Zeit klar, dass es tatsächlich die gleichen Probleme wie im realen Leben sind, die auftreten: Man schaut natürlich als erstes nach Aussehen und urteilt bei potenziellen Beziehungs- oder Sexualpartnern schnell über kleine Dinge.
Ich frage mich sogar, ob OK Cupid nicht vielleicht noch schlimmer ist als andere Seiten, da durch diese teilweise lustigen und lockeren Fragen suggeriert wird, man würde sich gut verstehen bloß weil man Horrorfilme (nicht) mag.
Es ist fast so schwer, eine gute Dating-Seite zu finden wie eine/n passende/n Partner/in.
Momentan probiere ich ein wenig herum und kann nur allen raten, genau darüber nachzudenken, auf welcher Seite man sich anmeldet und sich vielleicht vorher sinnvollerweise Erfahrungs- oder Testberichte durchzulesen (http://www.betrugstest.co...).
Und noch eins: Warm Männer durchschnittlich auf Frauen Anfang 20 stehen soll biologisch bedingt sein? Das driftet aber schon wieder schnell in eine sozialdarwinistische Ecke.
Vielleicht liegt es auch einfach an einem Frauenbild, das ansozialisiert wurde und durch Medien manifestiert wird!