Róisín Murphy "Glauben Sie, ein Mann würde so etwas gefragt?"

ZEITmagazin Nr. 29/2016
Immer noch muss sich Róisín Murphy anhören, dass sie kein weltbekannter Popstar sei. Dabei hat sie nichts dagegen, unterbewertet zu werden: "Geht das nicht den meisten Menschen so?" Von

ZEITmagazin: Frau Murphy, was ist der größte Quatsch, den Sie je über sich gelesen haben?

Róisín Murphy: Gleich in einer der ersten Geschichten über mich stand mal: "Róisín Murphy, das 1,90 Meter große Ex- Vogue- Model, singt jetzt." Totaler Quatsch! Ich lache immer noch.

ZEITmagazin: Das Debütalbum Ihrer Band Moloko hieß Do You Like My Tight Sweater?, benannt nach dem Satz, mit dem Sie den Musiker Mark Brydon auf einer Party angesprochen hatten. Seither war Ihre Musik immer von feinem Witz geprägt, Sie lassen sich auch gerne mal in absurden Posen und Kostümen fotografieren. Wie wichtig ist Ihnen Humor?

Róisín Murphy

43, ist in Arklow, Irland, geboren. Mitte der neunziger Jahre wurde sie als Sängerin des britischen Pop-Duos Moloko bekannt. Nach dessen Auflösung begann Murphy 2005 ihre Solokarriere und brachte drei hochgelobte Alben heraus. Nun erscheint ihr neues Werk Take Her Up to Monto. Murphy lebt mit ihren zwei Kindern in London

Murphy: Witze zu machen und Musik zu produzieren sind für mich eng miteinander verknüpft. Tatsächlich habe ich mir während der Arbeit an meinem neuen Album jeden Morgen erst mal eine Platte mit Sketchen der britischen Komiker Peter Cook und Dudley Moore angehört, zusammen mit meinem Produzenten Eddie Stevens. Das gemeinsame hysterische Lachen entspannte uns und öffnete unsere Köpfe und Seelen. Eddies Humor ist meinem sehr ähnlich. Sonst könnte ich auch niemals mit ihm Musik machen. Ich könnte auch nie mit Menschen auf Tour gehen, deren Humor mir fremd ist. Lachen verbindet und hilft gegen vieles.

ZEITmagazin: Sie beschäftigen sich seit einiger Zeit intensiv mit Mode, Design und Kunst. Wieso haben Sie eigentlich die Musik zu Ihrem Beruf gemacht?

Murphy: Das war Zufall. Eigentlich wollte ich tatsächlich eine visuelle Künstlerin werden. Mein Plan war, mich bei der Kunsthochschule einzuschreiben und da dann drei Jahre lang Spaß zu haben. Sie wissen schon: Partys, Drogen und was man da eben so tut. Aber dann traf ich Mark Brydon auf einer Party in Manchester und fragte ihn: Do you like my tight sweater? Noch in der gleichen Nacht schleppte er mich in sein Studio, nahm meine Stimme auf, mochte, was er hörte, und im Handumdrehen hatten wir als Moloko einen Plattenvertrag.

ZEITmagazin: Wissen Sie noch, was Sie damals an der Musikkarriere gereizt hat?

Murphy: Zunächst mal das Geld, denn ich bin ohne Geld aufgewachsen. Ich war allerdings auch verblüfft, dass Mark das mit mir und der Musik tatsächlich ernst meinte. Als wir uns kennenlernten, hatte er schon einige Platten veröffentlicht und war bereits ein wirklich erfolgreicher Produzent. Er betrieb gleich zwei Studios. Das war für mich alles sehr beeindruckend.

ZEITmagazin: Sie haben Ihre Karriere also gar nicht geplant?

Murphy: Nein, ich habe mich aber auch nicht dagegen gewehrt. Immer mal wieder frage ich mich, was wohl aus mir geworden wäre, wenn ich auf dieser Party jemand anderen angesprochen hätte. Ich hatte wie gesagt kein Geld und keinen ernsthaften Plan B. Der Plan kam dann eben zu mir. Der Staat hatte mich seit meinem 16. Lebensjahr finanziert – bis ich 20 war und auf dieser Party in Manchester landete.

ZEITmagazin: Als Sie 16 waren, trennten sich Ihre Eltern und verließen Manchester. Sie blieben, auf eigenen Wunsch, allein zurück. Das Manchester jener Jahre war eine gefährliche Drogen- und Gangster-Metropole. Wurde es nie brenzlig für Sie?

Murphy: Ach was. Manchester war ein toller Ort. Klar gab es da Gangster, aber über die las man nur in der Zeitung, sie beeinflussten kaum meinen Alltag. Gut, ich erinnere mich an einen Abend, an dem wir in dem berühmten Club The Hacienda zwei Stunden eingeschlossen waren. Da hatte es eine Schießerei vor der Tür gegeben, und die Polizei hatte alles abgeriegelt. Es war unheimlich, den Laden zu verlassen, denn wir mussten einen halben Kilometer zwischen schwer bewaffneten, mit Schilden bewehrten Polizisten hindurchlaufen. In Moss Side, dem wilden und wirklich gefährlichen Teil Manchesters, war ich damals trotzdem viel unterwegs. Es gab dort nämlich nicht nur Gangs, sondern auch tolle Reggae-Clubs und viele andere reizvolle Läden. Mit 16 hatte ich keine Angst, und mir ist auch nie etwas passiert. Wenn ich mir vorstelle, dass meine Tochter eines Tages an solchen Orten rumhängen könnte, wird mir allerdings vor Nervosität ganz schwindelig.

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

"Und Sie haben wirklich nie eine musikalische Ausbildung bekommen?

nichts ungewöhnliches bei vocalacts, hört man meistens auch. dass manche gruppen es trotzdem schaffen ein wenig raffinierter zu klingen liegt meist an fähigen "mitarbeitern" bzw. den musiker (meist mit ausbildung) die aus den wagen angaben wie etwas zu klingen hat etwas machen und dann nichtmal anteile an den komponistenrechten bekommen.

Ich fand sie immer schon großartig. Als jedoch Moloko aufgeloest wurde, dachte ich mir schon,daß die ohnehin schon nischige Musik,die sie macht, ein wenig mehr in einer Nische verschwindet. Was nicht bedeutet,daß sie schlecht oder unerfolgreich ist, vielmehr kann sie sich damit besser entwickeln ohne Hype oder andere Ablenkung,die sie vielleicht ablenken koennten.

Die Frau soll blos weiter Musik machen :D