Bücher Der Bus, mit dem ich die Welt entdeckte

Der Moderator ist ein wenig zu beeindruckt von meinem "bemerkenswerten Deutsch". Ich fühle mich wie ein Zirkuspferd, das in der Integrationsmanege als Paradebeispiel vorbildlicher Eingliederung in die Gesellschaft vorgeführt wird. In der Sendung erzähle ich auch von dem Bücherbus, wie ich ihn als Kind entdeckt habe und davon, wie er mein Gefühl für die deutsche Sprache geprägt hat. Es ist nichts Neues, davon habe ich schon so oft erzählt. In Interviews, in meinen Büchern. Aber diesmal bekomme ich nach der Sendung eine Mail.

"Sie erwähnten Ihre Begegnung mit Büchern im Duisburger Bücherbus. Das hat mich sehr berührt. Aus einem ganz persönlichen Grund. Ich habe in den siebziger Jahren als Beamter im Bonner Bundesbildungsministerium die Fahrbibliothek in Duisburg als ein Modellprojekt initiiert und finanziert. Jetzt Ihre Karriere zu sehen und ein wenig dazu beigetragen zu haben, erfüllt mich mit großer Freude. Da hat dann eine Investition doch einmal Gutes bewirkt. Einen herzlichen Gruß sendet Ihnen Erhard Schulte, inzwischen 77 Jahre alt."

Meine Kindheit, unsere Zechensiedlung, der Bus – viele Bilder sind gleich wieder da. Wer ist dieser Mann, der mit seiner Idee dazu beigetragen hat, dass ich heute als Schriftstellerin arbeiten kann, dass die deutsche Sprache gefühlt zu meiner Muttersprache geworden ist? Ich muss ihn treffen und schreibe ihm zurück.

Sechs Wochen später stehe ich in Duisburg an der Haltestelle, an der gleich der Bücherbus eintreffen soll. Es gibt ihn noch. Und die Haltestelle liegt nur ein paar Hundert Meter von der Stelle entfernt, wo ich früher eingestiegen bin. Die Geschäfte von damals, die zweistöckigen Zechenhäuser mit den gepflegten Vorgärten, all das gibt es nicht mehr, so wenig wie die Bergarbeiter. Das Einzige, was sich nicht verändert hat, sind die rauchenden Schornsteine, die Himmelskulisse mit den Hochöfen.

Dank Erhard Schulte kam der Bücherbus 1974 nach Marxloh – und damit zu Hatice Akyün, die heute als Journalistin und Schriftstellerin arbeitet. © Isabelle Wenzel

Zur Jahrtausendwende, mit Anfang dreißig, verließ ich Duisburg. Nicht weil ich unbedingt hier wegwollte, nicht wegen der Eintönigkeit. Nein, weil Duisburg mir für ein ganzes Leben zu wenige Möglichkeiten bot und nur eine Enge zuließ, die, wenn man die große, weite Welt gesehen hat, erdrückend ist.

"Hallo, Frau Akyün." Ich drehe mich um. Erhard Schulte ist sehr groß, hat ein freundliches Gesicht mit einem gepflegten, kurzen Oberlippenbart, wie ihn auch mein Vater trägt. Er ist bescheiden gekleidet, dunkle Stoffhose, dunkelgrüner Pullover, um den Hals hat er locker einen Schal geschwungen, so wie ihn ältere Männer gerne tragen. Ich umarme ihn, als würden wir uns nach vielen Jahren wiedersehen.

"Steht hier in der Nähe nicht die große Moschee?", fragt er. Wie aus 1001 Nacht, groß und prächtig steht sie da, in der ehemaligen Zechensiedlung, als sei sie direkt vom Himmel gefallen. Das "Wunder von Marxloh" wird sie genannt. Wunder, weil sie 2008 ohne Demonstrationen, ohne aufgeladene Bürgerversammlungen gebaut wurde. Schulte war noch nie drin, und ich biete an, sie ihm zu zeigen. Da steht er dann, in Socken, mitten im Gebetsraum, neugierig, interessiert, wachsam. So wie ich das erste Mal im Bücherbus. "Die Moschee ist nicht nur Gebetshaus, sondern auch Begegnungsstätte", sage ich. "Wie damals der Bus." Er lächelt. Ich erzähle, wie ich als Kind in eine Moschee ging, die in einem verwohnten Mietshaus untergebracht war. Dass wir stundenlang in einem kahlen Raum saßen, der meistens kalt war, weil fast nie der Kohleofen brannte. Dass ich die arabischen Buchstaben lernte, aber den Koran trotzdem nicht verstand.

Wir laufen zurück zur Haltestelle. Marxloh war Ende der fünfziger Jahre ein wohlhabendes Geschäftsviertel, auch das weiß Herr Schulte. "Klein-Amerika" nannte man es, wegen der vielen Pelzgeschäfte und Juweliere. Die Stahl- und Kohleindustrie florierte. Es kamen viele Gastarbeiter, erst die Italiener, dann die Spanier, die Griechen und schließlich die Türken.

Heute heißt Marxloh "Hochzeits-Mekka". Brautmoden- und Goldgeschäfte, Hochzeitsfotografen und Friseure säumen die Weseler Straße, die unweit der Haltestelle liegt. Sie gehören Kindern und Enkeln der türkischen Gastarbeiter. Man könnte meinen, dass ihnen nichts Besseres eingefallen ist, als in Deutschland an den Traditionen der Heimat festzuhalten. Aber so ist es nicht. Sie bieten eine Dienstleistung an, dort, wo es die Nachfrage dafür gibt. Türkische Supermärkte, Bäckereien und Imbisse prägen das neue Bild von Marxloh. Nur die Filiale einer Sparkasse unterbricht die Szenerie. Als ich hier noch wohnte, hieß der Supermarkt Schätzlein, die Metzgereien hießen Schmieding und Dicksen, die Bäckereien Weicht und Gierbert. Es gab das Tanzlokal Damschen und den Hansa-Krug. Blumen kauften wir bei Blumen Krüger.

Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Ich war letztens das erste Mal seit 22 Jahren wieder in meinem alten Bücherbus und durfte feststellen, dass immer noch die gleiche Person den Bus fuhr und die Bücher verteilte. Und genau an diesem Tag, der mich zufällig in meine Heimat brachte, fuhr der gute Herr zum letzten Mal seine Route, um danach in Rente zu gehen. Der Bus wird weiterfahren, allerdings wird er zunehmend weniger frequentiert.

Dass die Kinder der zugezogenen Türken ein so schlechtes Türkisch sprechen, hätte sie nicht gedacht, sagte meine Schwester, die Türkisch gelernt hatte und sogar ihre Vornamen gegen türkische tauschte, Gebühr 500 DM. Wer in Deutschland lebt und richtig Türkisch kann, kann i.d.R. auch gut Deutsch. Kann man nicht den Bildungshunger der asiatischen Einwanderer in die Köpfe der türkischen und arabischen Neubürger bringen? Chinesenkinder machen Abitur und studieren in Deutschland; nebenbei lernen sie auch noch einigermaßen Mandarin lesen und schreiben. Die Vietnamesen sind auch sehr fleissig. Kinder aus fremden Kulturen lernt ordentlich eure Vater- oder Muttersprache, das bereichert enorm und ihr könnte auch als Mittler zwischen Kulturen helfen. Ein Lob an die türkisache Sprache, soweit ich davon verstehe: Sie ist viel ordentlicher als das Deutsche, in der Grammatik, wie in der Aussprache. (Drei verschiedene "e": "Der Lehrer" müsste eher so geschrieben werden: "Däär Leer'r").

Harald A. Irmer, Techniker

Nachdem ich vergeblich versucht habe, mich mit dem Französischen anzufreunden, finde ich, dass Deutsch schon relativ "ordentlich" ist. Aber vielleicht kommt einem das nur so vor, weil es ja die Muttersprache ist.
Ansonsten: ein Hoch auf die Bibliotheken! In meiner Kindheit gab es keinen Bücherbus, in der DDR gab es wohl in jedem Dorf eine Bücherei und mittlerweile versucht man, wieder da anzuknüpfen.