Bücher Der Bus, mit dem ich die Welt entdeckte

Endlich kommt der Bus. Es ist ein umgebauter Linienbus, weiß und blau lackiert wie früher, aber er wirkt viel kleiner. Und es gibt keine Stufen mehr, denn er ist barrierefrei. Ich schaue in der Kinderecke nach, ob die alten Bücher noch da sind. Hanni und Nanni finde ich. Die Schrift auf den neuen Büchern ist moderner, die Seiten sind aus festerem Papier, und die Farbe des Buchdeckels ist nicht so verwaschen, wie ich sie in Erinnerung habe. "Das Buch zum Film" steht in bunten Buchstaben auf dem Umschlag. Meine kindliche Aufregung ist längst verflogen und weicht der Ernüchterung. Die Legende der Vergangenheit, dass ich hier alle Inhalte zwischen zwei Buchdeckeln aufgesogen habe, weicht der Erkenntnis, dass sich das Leseverhalten offenbar dem Fortschritt angepasst hat: Während ich früher mit dem Bus in fremde Welten aufbrach, Seite um Seite in mir Fragen geweckt wurden, für die ich selber nach Antworten suchen musste, werden im neuen Bücherbus auch jede Menge Antworten in Form von CDs, DVDs und Tablets mitgeliefert.

Etwa 100.000 Euro kostet der Bücherbus heute die Stadt Duisburg im Jahr. Er fährt dienstags bis freitags 34 Haltestellen an, alle in der Nähe von Schulen. Rund 35.000 Bücher wurden voriges Jahr ausgeliehen. Aber wie viele Horizonte erweitert wurden und wie viel Lust auf Neues damit geweckt wurde, davon kann keine Statistik erzählen.

Ich lade Herrn Schulte zum Essen ein. Der türkische Imbiss gehört einem ehemaligen Schulfreund. Der Laden läuft gut, er hat eine große Auswahl, natürlich auch Döner. Amüsiert beobachtet Herr Schulte meine Veränderung in Sprache, Gestus und Lautstärke, als ich unser Essen auf Türkisch bestelle. Dann zeigt er mir ein Foto. Er im Garten des Ministeriums, Anfang dreißig, die Ärmel des weißen Hemdes hochgekrempelt, dunkle Krawatte, in der Hand eine Pfeife – wie sie damals in der Bonner Republik viele rauchten, auch um seriöser zu wirken. Bei Adana Kebap und Ayran erfahre ich, wie er den Bücherbus nach Duisburg brachte.

Seit mehr als 40 Jahren fährt der Bücherbus durch Duisburg. Er ist eine Bücherei auf Rädern – und war früher auch eine Art Sozialberatung. © privat

Im Sommer 1969 sitzt er in seinem Arbeitszimmer in Bonn. Er ist Hilfsreferent für Weiterbildung des Bundesbildungsministeriums, es ist die Zeit des Aufbruchs. Gesamtschulen entstehen, um die eine ideologische Debatte entbrennt, die sich bis in die Gegenwart zieht. Hauptschule für die, die körperlich arbeiten werden, Realschule für die, die im Unterricht aufpassen, und Gymnasium für die Chefs von morgen – das ist für viele nicht mehr zeitgemäß. Überall erweitern Universitäten ihre Kapazität, Fachhochschulen werden aufgebaut, der zweite Bildungsweg soll Kindern aus einfachen Verhältnissen die Tore in eine bessere Zukunft öffnen. Der Himmel über der Ruhr ist noch nicht blau, aber Stahl- und Kohlekrise künden vom Ende des klassischen Industriezeitalters. Und so greifen die Länder gerne nach den Geldtöpfen des Bundes. Der möchte im Gegenzug mehr Einfluss, auch bei Bildungsangeboten.

Schulte hat oft mit seinem Land und dessen Vergangenheit gehadert, erzählt er. Etwa, dass er als Jugendlicher in Spanien am Strand ein Mädchen kennenlernte und es zu ihm sagte: "Mit Deutschen möchte ich nichts zu tun haben." Bitter sei das gewesen. Geschichtskenntnisse müsse man so verdichten, dass ein moralisches Bewusstsein entstehe. "Die Ungebildeten sind die Verführbaren", sagt er. Die Begegnung mit dem Fremden im eigenen Land sei immer der erste Schritt zur Toleranz.

Bücherbusse gibt es damals bereits seit Längerem in vielen Bundesländern, aber abseits der Städte findet man sie praktisch nicht. 1971 setzt Schulte sein Projekt "Fahrbibliothek" durch: einen Bus, der durch deutsche Landkreise rollt. Drei Jahre lang fährt er quer durch Deutschland, er bringt Bildung dorthin, wo sonst nicht viel ist. Dann soll das Projekt auslaufen. Erhard Schulte bekommt die Anweisung, den Bus zu versteigern und den Erlös dem Bundeshaushalt zuzuführen. "Aber ich hatte einen anderen Plan. Ich wollte ihn nach Marxloh schicken." Er ist nie in Marxloh gewesen, aber der Stadtteil ist damals schon bekannt dafür, dass dort viele türkische Gastarbeiter mit ihren Familien leben. Seine Kollegen im Ministerium spotten, Schulte sei für die Mühseligen zuständig. Doch solche Sticheleien motivieren ihn nur. Und er gewinnt: 400.000 Mark steckt das Ministerium 1974 in das Projekt. Drei Jahre später übernimmt dann die Stadt die Kosten.

Dass Schulte den Bus überhaupt finanziert bekommt, ist ein Zufall. Der verantwortliche Beamte aus dem Finanzministerium habe mal in München auf ein Taxi gewartet, erzählt Schulte, als neben ihm ein Bücherbus hielt. Menschen strömten hinein. Für den Beamten war das ein gutes Zeichen. "Planungen", sagt Schulte, "hingen damals oft von solchen Zufällen ab."

Hoffentlich gibt es auch heute noch viele Schultes. Wenn die Kinder der Menschen, die jetzt gerade zu uns kommen, bald Deutsch sprechen und in einigen Jahren dann eigentlich schon ein Teil von uns geworden sind, werden wir verstehen, wie wichtig die Schultes für dieses Land sind.

Der aktuelle Duisburger Bus ist bereits 19 Jahre alt und fällt wohl bald auseinander. Die so klamme Stadt hat nun endlich einen neuen bestellt. Auch in Zukunft werden Kinder die Chance haben, Bücher in die Hand zu bekommen, so wie ich. Ohne den ersten Bücherbus hätte mein Leben vielleicht eine andere Richtung genommen. Ohne ihn hätte ich nicht gelernt, mich in Bücher zu vertiefen, mich anzustrengen. Ich habe es vielen Zufällen zu verdanken, dass er auf einmal in meiner Straße stand – vor allem aber Erhard Schulte.

Kommentare

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Ich war letztens das erste Mal seit 22 Jahren wieder in meinem alten Bücherbus und durfte feststellen, dass immer noch die gleiche Person den Bus fuhr und die Bücher verteilte. Und genau an diesem Tag, der mich zufällig in meine Heimat brachte, fuhr der gute Herr zum letzten Mal seine Route, um danach in Rente zu gehen. Der Bus wird weiterfahren, allerdings wird er zunehmend weniger frequentiert.

Dass die Kinder der zugezogenen Türken ein so schlechtes Türkisch sprechen, hätte sie nicht gedacht, sagte meine Schwester, die Türkisch gelernt hatte und sogar ihre Vornamen gegen türkische tauschte, Gebühr 500 DM. Wer in Deutschland lebt und richtig Türkisch kann, kann i.d.R. auch gut Deutsch. Kann man nicht den Bildungshunger der asiatischen Einwanderer in die Köpfe der türkischen und arabischen Neubürger bringen? Chinesenkinder machen Abitur und studieren in Deutschland; nebenbei lernen sie auch noch einigermaßen Mandarin lesen und schreiben. Die Vietnamesen sind auch sehr fleissig. Kinder aus fremden Kulturen lernt ordentlich eure Vater- oder Muttersprache, das bereichert enorm und ihr könnte auch als Mittler zwischen Kulturen helfen. Ein Lob an die türkisache Sprache, soweit ich davon verstehe: Sie ist viel ordentlicher als das Deutsche, in der Grammatik, wie in der Aussprache. (Drei verschiedene "e": "Der Lehrer" müsste eher so geschrieben werden: "Däär Leer'r").

Harald A. Irmer, Techniker

Nachdem ich vergeblich versucht habe, mich mit dem Französischen anzufreunden, finde ich, dass Deutsch schon relativ "ordentlich" ist. Aber vielleicht kommt einem das nur so vor, weil es ja die Muttersprache ist.
Ansonsten: ein Hoch auf die Bibliotheken! In meiner Kindheit gab es keinen Bücherbus, in der DDR gab es wohl in jedem Dorf eine Bücherei und mittlerweile versucht man, wieder da anzuknüpfen.