Bücher Der Bus, mit dem ich die Welt entdeckte

© Isabelle Wenzel
Nichts hat das Leben der Schriftstellerin Hatice Akyün so verändert wie der Duisburger Bücherbus. Jetzt hat sie seinen Erfinder getroffen. Von
ZEITmagazin Nr. 30/2016

Im Sommer 1978 steige ich das erste Mal in den Bus, der einmal in der Woche in die Zechensiedlung in Duisburg-Marxloh kommt. Er steht dann in der Nähe unseres Hauses. Genau eine Stunde lang wird er bleiben, dann fährt er wieder. Bevor er losrollt, steige ich aus. Denn dies ist kein gewöhnlicher Bus. Sondern ein Bücherbus. Mein Bücherbus.

Auf den Straßen von Marxloh habe ich die deutsche Sprache gelernt. Ich kann mich nicht daran erinnern, wie, nur daran, dass mein Vater immer sagte: "Geh raus, spiel mit den deutschen Kindern." Er sagte es auf Türkisch, zu Hause sprachen wir nichts anderes. Mein erstes deutsches Wort, an das ich mich erinnere, ist "Rotzlöffel". Als ich einmal im Garten unserer Nachbarin Anni Stachelbeeren klaute, sah sie mich und rief aus dem Fenster: "Du Rotzlöffel!" Ich wusste nicht, was das bedeutete.

Neun Jahre bin ich alt, als ich den Bücherbus zum ersten Mal betrete. Ich kann gut Deutsch, im Gegensatz zu meinen Eltern, die nicht mal auf Türkisch richtig lesen und schreiben können. Bis dahin kenne ich nur Schulbücher, ein richtiges Buch mit Geschichten habe ich noch nie in der Hand gehabt. Bei uns zu Hause steht nur der Koran auf dem kleinen Holzregal, daneben ein Abreißkalender mit den Gebetszeiten.

Bin ich noch so klein, oder ist der Bus so groß? In sein Inneres führen drei Stufen. Drinnen steht eine Frau an einem Tisch. "Komm ruhig rein", sagt sie, "die Kinderbücher sind dahinten." In diesem Moment fällt mir keine Antwort ein. Ich bleibe vor einem Regal stehen, lege den Kopf zur Seite und lese die Buchrücken. Wonach suche ich eigentlich? Ich ziehe Grimms Märchen heraus, öffne das Buch, blättere und flüstere mir selbst "Es war einmal" zu. Dann schiebe ich das Buch zurück in das Regal.

"Du darfst es mit nach Hause nehmen", ruft die Frau vom anderen Ende des Busses. Sie hat mich offenbar beobachtet. Sie trägt ein hellblaues Kleid. Nicht so kurz, wie es die Mütter meiner deutschen Freundinnen tragen. Nicht so lang wie die Kleider meiner Mutter. "Das musst du von deinen Eltern ausfüllen und unterschreiben lassen", sagt sie und drückt mir ein Kärtchen in die Hand. "Leserausweis" steht oben, darunter sind Linien für Name, Geburtsdatum und Adresse. "Diesen Ausweis bitte immer mitbringen" steht ganz unten.

Die Freude über meine Entdeckung ist weg. Wie sollte ich meinen Vater dazu bringen, die Karte zu unterschreiben? Ich stecke sie in meine Tasche und drücke enttäuscht die Tür auseinander. Vielleicht, denke ich, verbietet es mein Vater, dass ich andere Bücher als den Koran lese.

Als Hatice Akyün den Bus zum ersten Mal betrat, war sie neun Jahre alt und hatte noch nie ein richtiges Buch mit Geschichten gelesen. © privat

Ich tue, was vielleicht jedes neunjährige Mädchen in dieser Situation tun würde: Ich nehme einen Stift, schleiche mich in die Laube unseres Gartens, ziehe die Karte aus der Tasche, schreibe "Hatice Akyün", mein Geburtsdatum, unsere Adresse darauf – und unterschreibe mit dem Namen meines Vaters. Seine Unterschrift ist nicht schwer zu fälschen. Einmal habe ich gesehen, wie er dafür die Buchstaben R und A mit einem Kringel verbunden hat, die Anfangsbuchstaben von Vor- und Nachnamen. Die Karte bewahre ich sieben Tage unter meinem Kopfkissen auf. Jeden Abend schaue ich nach, ob meine Mutter sie vielleicht beim Aufräumen gefunden hat.

Am nächsten Donnerstag gehe ich wieder zur Haltestelle. Die Frau im Bus trägt ein grünes Kleid. Als ich ihr das Kärtchen gebe, lächelt sie. An diesem Tag nehme ich so viele Bücher mit, wie ich tragen kann. Zu Hause verstecke ich sie unter meinem Bett. Am Abend ziehe ich meine Taschenlampe hervor und lese heimlich unter der Bettdecke. Mein erstes Buch heißt Märchen aus 1001 Nacht. Es sind Geschichten über prächtige Paläste und fliegende Teppiche, von schönen Prinzessinnen und mutigen Männern. In dieser Nacht träume ich von Scheherazade. Sie lebt in einer Märchenwelt, die es so nicht gibt. Das weiß ich. Aber dennoch fühle ich mich ihr verbunden, auch wenn ich die Geschichte um ihre List, dem Tod zu entgehen, noch nicht verstehe. Vielleicht ist sie mir so nah, weil sie mir ähnlich ist mit ihren langen, schwarzen Haaren und den braunen Augen. Vielleicht, weil sie Kleider trägt, wie sie die Frauen tragen in unserem anatolischen Dorf. Lang und bunt, aus Samt.

Meine deutschen Freundinnen sagen oft zu mir, dass meine Familie komisch sei. Mein Vater kam 1969 nach Deutschland, er arbeitete als Bergmann. Als ich drei Jahre alt war, hat er mich, meine ältere Schwester und meine Mutter nachgeholt. Wir essen anders, wir sprechen anders, und meine Mutter trägt ein Kopftuch. Die Geschichten in den Büchern beruhigen mich. Es gibt offenbar Mädchen, die noch sonderbarer sind als ich. Ich tauche in neue Welten ein. Buch um Buch, Geschichte um Geschichte. Dornröschen, Aschenputtel und Rotkäppchen. Enid Blytons Fünf Freunde und die Bände von Hanni und Nanni, Zwillingsschwestern, die in einem Internat leben. Ich weiß nicht, was ein Internat ist, und schon gar nicht kann ich mir vorstellen, dass Mädchen in meinem Alter nach der Schule reiten. Ich muss nach der Schule in den Koranunterricht. Lesen wird für mich der Blick in eine Welt, die ich bis dahin nicht kannte. Mit jeder neuen Geschichte, mit jedem neuen Buch, das ich aus dem Bus trage, wird mir Deutsch vertrauter. Manchmal lachen meine Klassenkameraden darüber, wie ich mit ihnen rede. Sie sprechen Ruhrpottdeutsch und sagen "mamma Fensta auf" und "mamma Tür zu". In meiner neuen Welt aber öffnen sich Fenster und schließen sich Türen.

Hatice Akyün 1973 mit Mutter, Onkel und der älteren Schwester. Akyüns Eltern waren Analphabeten und besaßen nur ein einziges Buch: den Koran. © privat

Bücher machen neugierig, und diese Neugier wird zu Wissen. Als Kind verstehe ich das noch nicht. Meine Eltern sind Analphabeten. Sie können mir keine Geschichten vorlesen. Jetzt zeigt mir jede Geschichte Lebensweisen, die nicht richtig oder falsch sind, sondern anders. Gefühle wie Liebe und Freundschaft werden in Worten beschrieben, die ich bisher nicht kannte. Ich frage mich, wie es sein kann, dass es eine deutsche Sprache gibt, die selbst meine deutschen Freunde nicht benutzen.

Es gibt eine Welt da draußen, die mir fremd ist und der ich mich durch Sprache nähern kann. Dieses Fremde zieht mich ungeheuer an. Jeden Donnerstag stehe ich nun an der Haltestelle. Meistens schon, bevor der Bus da ist. Fast immer bin ich die Erste, die einsteigt. Nach mir kommen andere Kinder, türkische Männer und Frauen, die kaum Deutsch sprechen, denn Marxloh ist ein Migrantenviertel. Oft haben sie graue Umschläge in der Hand, Behördenschreiben, die sie nicht verstehen. Die Leute aus dem Bus sind so nett, sie zu übersetzen. Meine Eltern kommen nie, denn ich übersetze für sie die Briefe. Beim Arzt dolmetsche ich und im Kaufhaus. Für die Gastarbeiter wird der Bus zur rollenden Sozialberatung. Die Angestellten werden zu Dolmetschern und Sozialarbeitern, vermitteln, soweit es ihnen möglich ist.

Ich bin schon erwachsen, als ich meinem Vater beichte, dass ich seine Unterschrift gefälscht habe, um an den Leserausweis zu kommen. Er lacht, als ich es ihm erzähle.

Der Bus, die Bücher, die Frau im Kleid. Plötzlich sind die Erinnerungen wieder da. Dabei ist es fast 40 Jahre her. Es ist ein Fernsehauftritt, der mich zurück zu dem Bücherbus führt. Am 30. November 2015 bin ich Gast in einer Talksendung, ausgestrahlt auf 3sat, einem öffentlich-rechtlichen Spartensender, an einem Montag, um 23.10 Uhr. Wer sollte das schon um diese Zeit gucken?

Kommentare

25 Kommentare Seite 4 von 5 Kommentieren

Der Text hat mich sehr gerührt. Ich habe einen ähnlichen Hintergrund (Mutter mit 14 von der "Volksschule", Vater als Gastarbeiter aus dem heutigen Bosnien-Herzigovina). Auch mir hat sich durch die Bücherei am Ort eine völlig neue Welt erschlossen. Und auf dem Nachhauseweg (vom Gymnasium! als halbes Ausländer/Arbeiterkind..) habe ich mein Fahrrad vollgepackt. Schulranzen auf dem Rücken, Bücher im Fahrradkorb und rechts und links am Lenker. Ich habe heute noch eine große Leidenschaft für Leihbüchereien und gehe inzwischen mit meinem Sohn hin.

Wunderschöne Erzählung und Erinnerung mit ebenso schönen Kommentaren. Vielen Dank dafür. Ich hatte zwar das Glück, auf die sehr umfangreiche Bibliothek meiner Mutter zugreifen zu können, aber auch dadurch habe ich die Bedeutung des Lesens verstanden. Auf meinen Sohn warten schon tausend fremde Welten auf Papier, leider auf mehreren Kontinenten verteilt, zum Glück in vielen verschiedenen Sprachen. Er wird schon das richtige finden.

Als ehemalige Marxloherin, nur ein paar Jahre älter und von der "deutschen" Seite des Viertels kommend, habe ich mich sehr über diesen Beitrag gefreut. Aber nicht nur aus lokaler Verbundenheit und auch nicht nur unter dem Aspekt gerade wieder aktueller Integrationsfragen, sondern auch, weil es auch bei mir Bücher waren, die mir die Welt geöffnet haben. Nur nicht die aus dem Bus, sondern die aus der örtlichen Bücherei (die in Marxloh hatte ich schon mit 10 Jahren durch, danach kamen die aus Hamborn dran). Dass ich heute habilitierte Ethnologin, Universitätsdozentin und Projektleiterin bin, wäre ohne diese Eröffnung neuer Welten und Perspektiven über die Bücher nie möglich gewesen. Herzlichsten Dank der Autorin!