Kommentare im Internet Wer kümmert sich eigentlich um die tausenden Userkommentare, die Medien täglich bekommen?

ZEITmagazin Nr. 31/2016
Und wie hält man das aus? Ein Gespräch zwischen drei Community Redakteuren von "Welt, "Spiegel Online" und ZEIT ONLINE. Von und

ZEITmagazin: Sie sind Community- oder Social-Media-Redakteure, lesen also täglich sehr, sehr viele Userkommentare auf den Internetseiten Ihrer Zeitungen und bei Facebook oder Twitter. Viele Kollegen glauben, Sie haben den schlimmsten Job der Welt.

(große Heiterkeit am Tisch)

Torsten Beeck (Spiegel Online): Manchmal kann mir mein Job auf die Nerven gehen, das stimmt. Aber er ist wichtig und spannend, und ich mache ihn gerne.

David Schmidt (ZEIT ONLINE): Es heißt ja immer in den Redaktionen: Die armen Kollegen müssen irgendwas mit sozialen Medien machen. Dabei übersehen sie, wie großartig unsere Arbeit ist.

Niddal Salah-Eldin (Welt-Social-Team): Man muss sich das vorstellen: Wir lesen jeden Kommentar, das sind bis zu 20.000 pro Tag. Jeden einzelnen. Und zu jedem machen wir uns zumindest kurz Gedanken. Das ist eine riesige Bandbreite an Themen, die uns da begegnet.

Schmidt: Es wirkt auf jeden Fall wie ein Korrektiv. Jeder einzelne Fehler in einem Artikel wird entdeckt. Natürlich wäre es noch schöner, wenn gar keine Fehler drin wären, aber Autoren sind auch Menschen. Die sozialen Medien haben dafür gesorgt, dass der Journalismus besser wurde.

Beeck: Es gibt immer jemanden da draußen in der Welt, der sich bei einem bestimmten Thema noch ein bisschen besser auskennt als der Journalist, der den Artikel geschrieben hat. Und der meldet sich bestimmt.

ZEITmagazin: Welche Eigenschaften muss man mitbringen, um Social-Media-Redakteur zu werden?

Salah-Eldin: Einige Kollegen können ganz tolle Reportagen schreiben und lange Artikel auf den dritten Seiten. Für Social Media braucht man aber noch andere Fähigkeiten. Es braucht zum Beispiel eine ordentliche Portion Humor und Schlagfertigkeit, um mit dem Leser klarzukommen.

Schmidt: Mit der Zeit versteht man, wie jemand tickt, der dir eine wütende Nachricht schreibt oder der plötzlich in der Kommentarspalte ausflippt.

Salah-Eldin: Mittlerweile kann ich das schon auf den ersten Blick beurteilen. Wenn jemand alles in Großbuchstaben schreibt, dann schreit er mich an. Das kam früher, als wir mit dem Welt-Social-Team anfingen, öfter vor. Heute schreibt jemand etwas Fieses, und ein anderer Leser schreibt gelassen darunter: "Da wird die Welt gleich drauf reagieren."

Beeck: Es ist ein bisschen wie in der Schule: Man muss versuchen, die Guten zu fördern und die Krawallmacher, die mehr auffallen, aber in der Minderheit sind, kleinzuhalten.

Schmidt: Hasskommentare sind die absolute Ausnahme. 90 Prozent der Kommentatoren wollen einfach nur zivilisiert diskutieren.

Beeck: Ja, bei uns auch. Und unter hundert Antworten ist vielleicht eine, auf die wir antworten müssen. Trotzdem stellen sich alle vor, dass wir es nur mit dem Hasskommentator zu tun hätten. Er ist natürlich männlich, 55 Jahre alt, trinkt gerne schlechten Wein und sitzt sehr, sehr einsam in seinem Wohnzimmer. Aber wir haben Millionen von Usern, alleine auf der Facebook-Seite von Spiegel Online bis zu 15 Millionen pro Woche. Es gibt aber keine 15 Millionen Fusel trinkenden Idioten in Deutschland.

Kommentare

93 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren