Das war meine Rettung "Lachen hat nur positive Nebenwirkungen"

Laura Chaplin entfloh der Einsamkeit, indem sie in die Natur ging. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 31/2016

ZEITmagazin: Frau Chaplin, was bedeutet es, einen derart berühmten Namen zu tragen?

Laura Chaplin: Ich sehe es als ein großes Privileg an. Ich bin ein riesiger Fan meines Großvaters, alles, was er für diese Welt getan hat, ist positiv, aber damit aufzuwachsen war zugleich eine große Belastung. Es bedeutete, mit vielen Vorurteilen klarzukommen, weil die Menschen sehr hohe Erwartungen an mich hatten. Meine Mitschüler dachten, dass mir alles zuflöge und ich mir nur die Rosinen rauspicken müsste. Meine Eltern übten zum Glück niemals Druck auf mich aus, sie ließen mich meinen Großvater selbst entdecken. Ich war sechzehn, als mir die weltweite Bedeutung von Charlie Chaplin überhaupt bewusst wurde.

ZEITmagazin: Sie sind im schweizerischen Vevey am Genfer See aufgewachsen – auf dem Landsitz Manoir de Ban, den Charlie Chaplin 1952 gekauft hat, eine Art Garten Eden.

Chaplin: Es ist ein magischer und großartiger Ort, ich lebte dort wie in einer Seifenblase. Ich hatte alles, was ich brauchte. Ich konnte im Garten und im Wald mit meinen Ponys spielen. Die meisten Berühmtheiten, die zu uns kamen, kannte ich nicht mal, denn ich war eher ein Wildfang. Ich kann mich an Michael Jackson und Robert Downey jr. erinnern, obwohl ich von dem nicht mal wusste, wer er war. Ich dachte, er sei vielleicht ein Cousin. Das wahre Leben traf mich mit einem Schlag, als ich Manoir verließ.

ZEITmagazin: Wie erging es Ihnen nach der Vertreibung aus dem Paradies?

Chaplin: Ich war damals elf Jahre alt. Meine Eltern entschieden, dass wir nach England ziehen und ich dort zur Schule gehen sollte. Sie erzählten mir, ich solle mir keine Sorgen machen, dass wir jederzeit zurückkommen könnten. Aber sie verschwiegen mir, dass das Anwesen in ein Museum umgewandelt wurde. In England angekommen, war nichts gut genug für mich. Ich mochte die katholische Schule in London nicht. Wir mussten Uniformen tragen und jeden Morgen beten. Ich aber hatte niemals zuvor morgens gebetet. Das machte mir Angst, ich wurde dadurch sehr schüchtern und introvertiert. Ein anderer belastender Faktor war, dass meine Eltern beschlossen, sich zu trennen. In diesem Augenblick wollte ich nur zurück in das Leben, das ich mal hatte.

ZEITmagazin: Konnten Sie mit jemandem über Ihre Gefühle sprechen?

Chaplin: Nein, mit niemandem. Ich hatte ein Buch, und da schrieb ich für gewöhnlich Gedichte rein, das half mir sehr. Das Schreiben und das Malen waren mein Ausweg. Es war meine Art, mich auszudrücken. Und wenn ich zurückblicke auf meine Bilder, erkenne ich, wie traurig und dunkel alles für mich war. Ich malte viele Totenköpfe und Geister. Ich habe sehr viel geweint und fühlte mich wie ein Alien. Damals sagte ein Mädchen zu mir: "Oh, hast du ein Glück. Du hast alles, was du willst, du hast ein großes Haus, du hast ein Pferd, du musst so glücklich sein." Und ich dachte insgeheim, mir wäre es viel lieber, wenn meine Eltern noch zusammen wären.

ZEITmagazin: Wie wurden Sie als Neuling von Ihren Mitschülern behandelt?

Chaplin: Kinder können sehr grob sein. Mein Englisch war nicht perfekt, zu Hause haben wir auch Französisch gesprochen. Wenn ich mal was falsch sagte, brachen sie in Gelächter aus, und das war dann der Witz der Woche. Ich bekam von ihnen oft Kommentare wie: "Warum läufst du nicht wie Charlie Chaplin?" Ich war gut darin, dem keine Beachtung zu schenken.

ZEITmagazin: Bei wem konnten Sie Trost finden?

Chaplin: Die Natur und die Tiere haben mir Kraft gegeben. Nach der Schule bin ich jeden Abend reiten gegangen, das hat mir geholfen zu vergessen. Wir hatten auch ein Hängebauchschwein, das mir wie ein Hund überallhin folgte. Meine Bindung zu Tieren kann ich nicht mit Worten beschreiben. Es ist ein Gefühl der Sicherheit und des Zusammenhalts, sie sind immer an deiner Seite, egal was passiert. Ich werde meine Tiere immer lieben. Noch heute reite ich jeden Morgen aus.

ZEITmagazin: Charlie Chaplin brachte Menschen zum Lachen. Konnten Sie in diesen schwierigen Zeiten dennoch lachen?

Chaplin: Ich hatte schon immer eine gute Portion Humor, ich bin eine Optimistin. Ich konzentriere mich nicht auf das Negative, das zieht mich nur runter. Ich sorge dafür, dass ich mich mit positiver Energie umgebe und Dinge mich zum Lachen bringen. Ein Politiker in der Türkei hat mal ein Gesetz gefordert, das Frauen das laute Lachen verbieten sollte. Es ist vollkommen verrückt, dass Menschen etwas verbieten wollen, das uns so guttut. Lachen sollte keine Bürde sein, Lachen hat nur positive Nebenwirkungen.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren

Ich hatte vor ein paar Jahren das Vergnügen Frau Chaplin in Shanghai zu treffen. Bei ein paar Drinks mit Freunden in einer Bar im Jingan district hatte ich ein tolles Gespäch mit Frau Chaplin. Was ich hier bei Zeit.de lese wird dieser Frau nicht im Ansatz gerecht. Ist dieses Interview noch Teil des Sommerlochs? Was will mir der Autor sagen ausser das die Enkelin von Charlie Chaplin auch mal berühmte Menschen getroffen hat? Schade das so eine tolle Frau ein so schlechtes Interview bekommt. Journalismus ist auch nicht mehr das was er mal war.