Boko Haram Hoffnung für die Geschundenen

Vor einem Jahr berichteten wir über Frauen, die in Nigeria von der Terrorgruppe Boko Haram entführt wurden. Unsere Reporter brachten ihnen die Spenden der Leser. Von
ZEITmagazin Nr. 32/2016

Sie erreichen die Stadt Yola in kleinen Gruppen, zu fünft, zu acht, Mütter mit ihren Töchtern. In schwarzen Umhängen, deren Säume den Boden berühren, treten sie ans Tor der katholischen Gemeinde Sankt Peter, scheu und unsicher. Sie kommen aus weit entfernten Dörfern. In ihren Armen halten sie kleine Stoffbündel. Einige von ihnen bergen darin Habseligkeiten, andere ihre Neugeborenen. Die Wächter an dem massiven Metalltor halten Abstand, weil sie fürchten, unter den Besucherinnen könnten Selbstmordattentäterinnen sein.

Die Frauen sind in die Stadt im Nordosten Nigerias gereist, weil wir sie über einen Kontaktmann darum gebeten haben. Im ZEITmagazin Nr. 34/15 berichteten wir über Frauen und Mädchen, die von der Terrorsekte Boko Haram entführt und missbraucht wurden. In Yola hatten wir sie getroffen und uns ihre Geschichten erzählen lassen. Wir riefen damals zur Hilfe auf, und seitdem haben mehr als 700 Leser über 50.000 Euro gespendet. Deshalb sind wir zurückgekehrt: um dafür zu sorgen, dass das Geld bei den richtigen Empfängerinnen landet.

Nicht nur die Wächter, auch wir sind nervös. Über 100 entführte Frauen haben sich in den letzten Monaten im Nordosten Nigerias in die Luft gesprengt, von den Kämpfern gezwungen oder ideologisch gehirngewaschen. Die eine Hälfte der Bevölkerung Nigerias ist christlich, die andere Hälfte muslimisch. Die Islamisten von Boko Haram, die geschätzt 15.000 Mann unter Waffen befehligen, hielten bis vor Kurzem einen großen Teil des muslimischen Nordens besetzt, ein Fünftel Nigerias. Sie lehnen westliche Bildung ab, und Sklaverei ist bei Boko Haram System. Die selbst ernannten Gotteskrieger zwingen jüngere Frauen, ihnen als Sexsklavinnen zu dienen und ihnen Kinder zu gebären. Ältere Frauen halten sie gefangen, damit sie für die Kämpfer kochen und waschen. Viele der Frauen hält Boko Haram in einem riesigen unzugänglichen Waldgebiet als Geiseln, wo selbst das nigerianische Militär sie nicht findet. Der Rest der Welt nahm bereits 2014 Anteil am Schicksal der entführten Frauen, als aus einem Internat in Chibok fast 300 Schülerinnen verschleppt wurden. Damals startete die Hashtag-Kampagne #bringbackourgirls.

An diesem Tag haben wir in Yola vier weibliche Security-Guards engagiert, die die Ankömmlinge abtasten, ihr Gepäck überprüfen und sie mit Metalldetektoren abstreifen, bevor sie schließlich eingelassen werden: 75 Frauen und Mädchen werden es am Ende sein. Bis zu anderthalb Jahre lang waren sie in Gefangenschaft.

Es ist nicht genau bekannt, wie viele Frauen in den letzten Jahren von Boko Haram verschleppt wurden. Vermutlich waren es Zehntausende, aber die Familien melden die Vermissten den Behörden nicht, aus Angst vor der Rache von Boko Haram. Kommen die Entführten frei, weil sie fliehen können, meiden sie ebenfalls die Behörden, aus Angst, man könnte sie bezichtigen, sie gehörten zu Boko Haram.

Die Frauen in Yola erzählen uns, am dringendsten bräuchten sie Saatgut. Etliche wollen Marktstände eröffnen. Fast alle wollen ihre Kinder wieder zur Schule schicken, können sich aber das Schulgeld nicht leisten. Dafür wollen sie das gespendete Geld nutzen. Wir haben die Summe gleichmäßig aufgeteilt, jede der Frauen bekommt 670 Euro.

Doch helfen ist nicht einfach in Nigeria. Boko Haram plündert die Dörfer, die von Hilfsorganisationen zu offensichtlich unterstützt wurden. Wir haben uns deshalb entschieden, für die Frauen in Yola Bankkonten einzurichten, von denen sie jeden Monat nur eine kleine Summe abheben können. Wir hoffen, so weiteren Entführungen vorzubeugen.

Die katholische Diözese in Yola hat für uns eine Liste von mehr als 250 weiteren Frauen zusammengestellt, die ebenfalls dringend Hilfe brauchen. Wer spenden möchte, kann unter der E-Mail-Adresse nigeria@zeit.de mehr erfahren.

Die Geschichten der entführten Frauen, aufgezeichnet von Wolfgang Bauer und Andy Spyra (Fotos) sind nun als Buch erschienen: "Die geraubten Mädchen. Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas", Suhrkamp Verlag, 189 Seiten

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