Flüchtlingskrise Risse in der Fassade

Eine Schule in Gera zeigt, wie sich die Menschen in Deutschland entfremdet haben. Von
ZEITmagazin Nr. 32/2016

Für diesen Vormittag im Juni hat Katrin Zabel ein Jahr lang gestritten. Er ist die Krönung ihres Kampfes um die Seelen ihrer Schüler: die Aufführung der Odyssee. In der Aula ist es dunkel, die Luft stickig. Katrin Zabel, Französischlehrerin und Leiterin der Theater-AG, steht am Mischpult. Vor ihr, im Publikum, rutschen die 11. Klassen auf den Sitzen hin und her. Sie gelten als besonders verschlossen, fordern ihre Lehrer immer wieder politisch heraus. Auf der Bühne kehrt Odysseus, Eric aus der 12., nach zehnjähriger Irrfahrt heim in einem Boot, an seiner Seite rudert ein Flüchtling, Saskia aus der Theatergruppe. Im Sturm hat Odysseus alle seine Männer verloren, bis auf diesen einen Fremden. Laut zählen sie die Toten auf: vor Lampedusa 360, vor Ägypten 400, vor der libyschen Küste 800. Die Ithaker empfangen ihren Helden und deuten auf den Fremden: "Wer ist denn das?", rufen sie wutentflammt. "Der soll weg, die Obergrenze ist erreicht!" Da steigt Odysseus wieder ins Boot und fährt mit dem Flüchtling davon. Allein, verstoßen.

Die Sage des Odysseus als Parabel der Flüchtlingskrise.

In der Aula erklingt ein Song von Udo Lindenberg: "Das ist die Odyssee, die Odyssee, und keiner weiß, wohin die Reise geht!" Das Schüler-Ensemble auf der Bühne brüllt den Text fast aggressiv seinen Zuschauern entgegen. Michael, ein Schüler im Publikum, beugt sich zu seinem Nachbarn und flüstert: "Ist das jetzt schon Propaganda?"

Nach dem Stück steht Katrin Zabel am Bühnenrand, ihr Blick flattert ein wenig, sie bemüht sich, ihre Aufregung zu verbergen. Sie ist 46, trägt eine rote Seidenbluse, blonde Löckchen umrahmen ihr Gesicht. Seit mehr als zwanzig Jahren arbeitet sie als Lehrerin. Noch nie in ihrem Berufsleben war die Stimmung in der Schule politisch so aufgeheizt. Zabels Theatergruppe ist erfolgreich, schon oft war sie zu Landes- und Bundesfestivals eingeladen. Die Odyssee ist das erste Stück, in dem es vordergründig um Politik geht. Zabel hat das Stück aktualisiert und zugespitzt. "Jedes andere Theater wäre Eskapismus", sagt sie.

Seit Monaten gibt es am Osterland-Gymnasium Ärger um dieses Stück – und um den Geschichtsunterricht, die Abiturfeier, die Frage, ob Schüler an der Schule zu Toleranz erzogen werden müssen. In dem Streit offenbart sich, wie tief die Spaltung in Deutschland reicht, wie schwer es geworden ist, zu diskutieren, andere Meinungen zu akzeptieren, sie überhaupt zuzulassen. Die Flüchtlingskrise, der Terror, der Aufstieg der AfD: Themen, die wie Blindgänger in den deutschen Klassenzimmern liegen – kaum zu entschärfen, jederzeit bereit loszugehen. Das Osterland-Gymnasium am Rande von Gera in Thüringen könnte überall in der Republik stehen: 575 Schüler, 55 Lehrer, eine gewöhnliche Schule.

Katrin Zabel wohnt im sächsischen Zwickau. Atemlos zählt sie die Ereignisse auf, die sie seit den vergangenen Monaten umtreiben. Die Oberbürgermeisterin ihrer Stadt setzte sich für Flüchtlinge ein. Daraufhin warfen Unbekannte einen Pflasterstein durch das Fenster ihres Privathauses. Das Schloss ihrer Eingangstür wurde mit Leim verklebt, ihr Auto mit Fett beschmiert und ihr ihre eigene Todesanzeige zugestellt. Als Justizminister Heiko Maas am 1. Mai bei einer Gewerkschaftskundgebung auftrat, beschimpften ihn Demonstranten als "Volksverräter", er musste seine Rede abbrechen und aus Zwickau flüchten.

Im Unterricht fragten die Schüler Zabel nach den Anschlägen von Paris: Kann das auch bei uns passieren? Kommen mit den Flüchtlingen auch Terroristen nach Deutschland? Warum bleiben die nicht in ihrer Heimat und kämpfen dort? Damals antwortete Zabel noch: "Ich diskutiere nur mit denjenigen, die einen Flüchtling persönlich kennen." Ziemlich hilflos klang das, findet Zabel inzwischen auch. Sie fürchtete sich etwas vor den Ausbrüchen ihrer Schüler, wollte sich schützen.

In der Theatergruppe ließ Katrin Zabel die Schüler ihre Ängste zur Flüchtlingskrise auf pastellfarbene Blätter notieren. Eine Fünftklässlerin schrieb mit Bleistift: "Ich habe Angst, dass die Flüchtlinge unser Land zu ihrem Land machen, uns alles wegnehmen! Meine Fragen: Wieso nehmen andere Länder keine Flüchtlinge mehr auf? Wieso haben die Frauen dort nichts zu bestimmen? Warum darf Angela Merkel nichts entscheiden?" Ein Junge: "Meine Sorge ist, dass wir zu viele Flüchtlinge aufnehmen und Deutschland nicht mehr richtig deutsch ist." Spätestens danach war Zabel klar: In ihrem Stück müsste es genau darum gehen. "Ich wollte das Thema geschickt einbinden, musste aber die Einstellung der Jugendlichen testen."

Also baute sie zu Beginn des Schuljahres eine Kamera auf, die Mitglieder der Theater-AG sollten zu einzelnen Begriffen wie Familie oder Toleranz sprechen. Und da geschah es, dass Matthias (Name geändert) aus der 12. Klasse beim Thema Toleranz eine Minute lang in die Kamera schwieg. Zabel wurde das erste Mal die politische Sprengkraft ihres Projektes bewusst. Als sie kurz darauf offenbarte, dass sie die Odyssee gemeinsam mit Flüchtlingen erarbeiten wolle, verließ Matthias die Theatergruppe ohne ein weiteres Wort.

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