Das war meine Rettung "Es ist eine Chance, beim Prozess des Sterbens dabei zu sein"

Katharina Sieverding pflegte ihre Eltern bis zum Tod, sie schöpfte Kraft aus der seelischen Krise danach. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 32/2016

ZEITmagazin: Frau Sieverding, Sie haben einmal gesagt: "Wenn frau das Männliche in sich nicht kultiviert, hat man schon verloren." Ist es Ihnen gelungen, das Männliche in sich zu kultivieren?

Katharina Sieverding: Ich wollte mich nicht hierarchisch, also das "Männliche" ausschließend, "weiblich" definieren. Ich habe mich vom Differenzfeminismus der sechziger Jahre gelöst und ihn um die Idee erweitert, dass im Zyklus wiederholten Lebens das Geschlecht wechselt und das die beste Möglichkeit ist, die Genderproblematik zu lösen. Wenn ich also wiedergeboren würde, dann als Mann!

ZEITmagazin: Sie sind als Studentin in Bars als Mann aufgetreten. Haben Sie so das Männlich-Weibliche ausgelebt?

Sieverding: Ich habe jahrelang am Theater gearbeitet und hatte einen tollen Fundus an Kleidung. Um mein Kunststudium zu finanzieren, habe ich oft in angesagten Clubs gearbeitet und mich so gestylt, dass die Gäste meinten: "Das ist doch ein Typ!" Irgendwann haben sie mich nach meinem Namen gefragt, und da sagte ich "Karl". Ich habe keine Performance gemacht, sondern es hat sich so ergeben, wie das meiste in meiner künstlerischen Arbeit. 1973 habe ich die Transformer-Arbeiten gemacht, eine lange Foto-Serie von Überblendungen meines Gesichts mit dem meines Lebensgefährten Klaus Mettig. Das war sowohl ein Statement zur Qualität unserer Beziehung als auch zum Interesse an der männlich-weiblichen Transformation beziehungsweise der Erweiterung der Bioindividualität.

ZEITmagazin: Sie haben oft Ihr Gesicht als Ausgangspunkt für Ihre Arbeiten genommen.

Sieverding: Das war für mich der Einstieg, durch den ich im Kunstsystem wahrnehmbar wurde. Bei meinem Stauffenberg-Block habe ich zum Beispiel Passfotos meines Gesichts genommen, weil ich darin etwas erkannt hatte, was mit meiner Elterngeneration zu tun hat, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen musste. Dafür bin ich angegriffen worden, aber ich fand, dass die Porträts etwas von diesen Gedankengängen widerspiegeln. Es ging nicht um eine Ähnlichkeit mit Claus Graf Schenk von Stauffenberg, sondern um die Frage, was Widerstand bedeutet.

ZEITmagazin: 1984 kam Ihr drittes Kind zur Welt, lange war es sehr krank. Auch diese Erlebnisse haben Sie in Kunst übertragen. Wie haben Sie das geschafft?

Sieverding: Als unser Sohn neun Monate alt war, gab es bedrohliche Anzeichen für eine Stoffwechselschwäche. Er musste bei der Ernährung und mit entsprechender Hautpflege unterstützt werden und gesundete durch besondere Zuwendung. Das ist gelungen, es war ein mehr als zweijähriger Prozess, den ich Tag und Nacht begleitet habe. Er konnte oft nur bei nächtlichen Schlittenfahrten einschlafen, und ich hatte durch die Ruhe und die Nähe zum offenen weiten Himmel das Gefühl, dass auch kosmische Kräfte an der Heilung beteiligt waren.

ZEITmagazin: 1988 erlebten Sie eine Zäsur. Ihr Vater war gestorben, und Sie pflegten auch noch Ihre Mutter – und wurden dann selbst krank. Was hat Sie aus dieser Krise gerettet?

Sieverding: Ich war bei der Pflege meines Sohnes, meines Vaters und meiner Mutter glücklich, dass ich das so Tag für Tag fünf Jahre lang erfüllen konnte. Es ist eine Chance, wenn man sich die Zeit nehmen kann, beim Prozess des Sterbens und der Verabschiedung dabei zu sein. Zwischen dem Tod meines Vaters und dem meiner Mutter lagen zweieinhalb Jahre. Es war eine Überforderung für mich, immer dabei zu sein, und ich habe dann auch alles durchlaufen, ich musste ins Krankenhaus, kam auf die Intensivstation und brauchte Bluttransfusionen. Dass es zu so einer Überforderung kommen kann, ist klar, aber eine Krise ist immer auch eine Chance. Daraus entstehen ungeheure Potenziale, die einen auf das vorbereiten, was als Nächstes auf einen zukommt. Diese seelischen Vorgänge habe ich erkannt, und deshalb habe ich diesen kritischen Moment überwunden. Meine bedeutendsten Arbeiten und Statements habe ich danach entwickelt, wie die Kontinentalkern-, die Kristallisations- und Steigbild-Serien.

ZEITmagazin: War es ein Vorteil, dass Sie eigenwillig Ihren Weg gegangen sind?

Sieverding: Ich tue das, wovon ich meine, dass ein Mensch es tun muss. Die Frage in der Kunst ist, ob ich Kunstgeschichte schreiben möchte, und das erfordert natürlich Energie. Aber ich kenne in meinem Leben nichts, was ohne Energie funktioniert, für mich ist das völlig normal. Ich glaube, nur wenn man ganz klar für etwas eintritt, ist das auch für andere attraktiv und hat Charisma.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Viele Anerkennung für die Kollegin Herlinde Koelbl als Fotografin, aber hier bei diesem Interview wird es mir nicht klar, worum es eigentlich geht.
Hier kommen viele Themen zusammen, über einige von denen man schon vor 25 Jahren diskutiert hat.
Ausserdem der Titel: "Es ist eine Chance, beim Prozess des Sterbens dabei zu sein" ist für mich völlig unangemessen, weil ich auf Grund meines Jobs genügend Sterbende gesehen habe, auf die ich viel lieber verzichtet hätte.
So etwas kann man nicht verallgemeinern.
Es tut mir Leid, aber bist auf das Foto, das von Herlinde Koelbl fotografiert ist, was sehr schön ist, kann ich mit den restlichen Teilen des Interviews nicht viel anfangen.