Rio de Janeiro Die geteilte Stadt

Die Favela-Bewohner nennt man "preto", schwarz. Das meint dunkler, ärmer, kränker, schlechter gekleidet. Und das ist in Rio jeder Vierte. Arm und Reich spalten die Stadt. Von
ZEITmagazin Nr. 33/2016

Ich erinnere mich nicht gern an den Tag, an dem Kinder mir Bilder von Rio de Janeiro malten. Sie waren zwischen fünf und zehn Jahre alt, und wir saßen in einer Schule in Mare, einem Armutsgebiet von Rio. Die Kinder zeichneten Häuser, Figuren, auch schwarz gekleidete Männer mit Pistolen. Das Blatt einer Zehnjährigen zeigte eine Comicgeschichte: Da erschossen die Männer erst die kleine Künstlerin, dann waren ihre Freundinnen dran. "Ich will zu meiner Mama!", rief in einer Sprechblase ein Mädchen, bevor die Kugeln sie erwischten. Zu meiner Verwirrung hat die Kinderrunde damals herzlich gelacht. Alle fanden die Zeichnungen sehr gelungen.

Damals habe ich verstanden, dass Rio, wo ich seit 2013 als Korrespondent der ZEIT lebe, nicht bloß in Reich und Arm gespalten ist. Man weiß ja: Welten trennen die wohlhabende Südstadt mit ihren Traumstränden und Postkartenmotiven von den Favelas und der ärmlichen Nordstadt. Es gibt ein riesiges Gefälle bei den Einkommen, der Gesundheit, der Lebenserwartung. Bis zu meinem Besuch bei den Kindern war mir aber nicht klar gewesen, dass dieses Gefälle auch darüber bestimmt, ob man am Leben bleibt.

Knapp ein Viertel der Bevölkerung von Rio wohnt in den mehreren Hundert Favelas der Stadt. Amnesty International hat für die Einwohner eine Handy-App erstellen lassen, mit der sie Schießereien melden können. Eine Art Google Maps für Gewalt, um einen Überblick über die Gefahren zu erhalten. Rund 600 Schusswechsel wurden dort dieses Jahr schon gemeldet, viele auch in Mare.

Für die Leute in den bürgerlichen Vierteln ist diese Welt ganz weit weg. In den Zeitungen liest man kaum etwas über sie. Olympia-Touristen, die vom Flughafen in die Innenstadt wollen, fahren an Mare vorbei, ohne von dem Viertel etwas mitzubekommen. Sie sehen die fensterlosen Häuser aus rohem Backstein nicht einmal, denn an der Stadtautobahn hat die Verwaltung haushohe Sichtblenden aufgestellt, sie sind mit bunten Olympia-Motiven beklebt. Von dieser fast unsichtbaren Welt erzählen auch die Bilder der österreichischen Fotografin Stefanie Moshammer, die drei Monate in Rio gelebt und die Zerrissenheit der Stadt dokumentiert hat.

Die Einwohner von Mare sind größtenteils preto, schwarz. So sagt man hier, obwohl brasilianische Haut nach Jahrzehnten der Durchmischung von europäischen Eroberern, Ureinwohnern und afrikanischen Sklaven in vielen dunklen Farben schillert. In Rio weiß man, was preto alles bedeutet: Schwarz ist dunkler, ärmer, kränker, schlechter gekleidet. Schwarz ist häufig eingewandert, aus dem zurückgebliebenen Nordosten des Landes oder dem landwirtschaftlichen Inneren. Schwarz hat einen Akzent, der es verrät.

Die wohlhabenden Mittelschichten in Rio haben ein kompliziertes Verhältnis zu den Leuten, die sie preto nennen. Sie können kaum ohne sie leben. Ihr Alltag würde zusammenbrechen, wenn Frauen und Männer aus den Vororten nicht früh am Morgen zu zweistündigen Busreisen aufbrächen, nachdem sie ihre eigenen Kinder versorgt haben. Die porteiros, babas und empregadas bewachen in den besseren Vierteln die Pforten, hüten die Kinder, führen den Haushalt. Ihre Arbeitgeber sind keine Unmenschen. Besserverdienende sind häufig der Ansicht, dass sie ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren Bediensteten haben. Nur würden sie im Leben niemals darauf kommen, ihre "Freunde" auch mal daheim zu besuchen. Kein Mensch aus diesen Schichten geht jemals in eine Favela.

Verständlich, weil man in den Armutsgebieten jederzeit in eine Schießerei geraten kann. Drogenbanden und Milizen haben dort ihre Stützpunkte. Schwer bewaffnet machen sie sich gegenseitig ihre Territorien streitig. Und diese Gebiete sind Schauplätze von Invasionen durch Polizei und Militär.

In Mare sind kurz vor Beginn der Olympischen Spiele wieder vorbeugend Soldaten aufmarschiert. Sie stehen mit durchgeladenen Waffen an den Zufahrten und achten darauf, dass vorbeifahrende Autos nicht überfallen werden. Im Viertel kontrollieren sie die Taschen der Einwohner, treten Haustüren ein, schauen in Wohnzimmern nach dem Rechten.

Das war schon zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 so. Die Sicherheit auf der Straße zum Flughafen ist wichtig für das Gelingen der Spiele. Die Polizei geht häufig brutal vor. Fälle von Folter sind belegt, von Vergewaltigungen und öffentlichen Hinrichtungen. Wenn Favela-Bewohner getötet werden, hört man in Rio oft: "Bestimmt hatten sie mit dem Drogenhandel zu tun!" Aber es kamen auch schon kleine Kinder ums Leben. Handykameras haben Polizisten dabei gefilmt, wie sie ihren toten Opfern Tatwaffen in die Hände legten und Drogenpäckchen in die Taschen steckten. Die Polizeistatistik für den Bundesstaat Rio de Janeiro weist für das vergangene Jahr mehr als 5.000 gewaltsame Tode aus – die meisten davon in den Armutsgebieten in und um Rio. In 645 Fällen waren Polizisten die Todesschützen. Allerdings werden auch immer mehr Polizisten zu Opfern: Waren es 2015 insgesamt 26, die im Dienst starben, sind es dieses Jahr bereits mehr als 60.

Die Stadtbevölkerung an der Copacabana und in Ipanema, auf den luftigen Bergen von Gávea und im Olympia-Stadtteil Barra unterstützt mehrheitlich das ruppige Vorgehen in den Vierteln, in denen ihre dienstbaren "Freunde" wohnen. Populistische Parteien, die praktisch nur Weiße als Mitglieder haben, kommen bei Umfragen in Rio wieder auf zweistellige Zustimmungswerte. In den besseren Vierteln hat es zuletzt Selbstjustiz durch Selbsthilfegruppen von Anwohnern gegeben, angebliche Diebe wurden an Laternenpfähle gebunden, getreten und geschlagen. Alle waren preto, schwarz.

Kurz vor den Olympischen Spielen mussten sich die Kinder der Schule, die ich besucht hatte, im Unterricht flach auf den Boden werfen. Sie kennen den Klang von automatischen Feuerwaffen, der an diesem Tag plötzlich durch die Straßen hallte. An diesem Nachmittag stürmte eine Einheit der Polizei durch das Armutsviertel. Sie jagte Banditen, mit Panzern und schweren Waffen. Warum zu dieser Uhrzeit? Manche Einwohner sprachen von einem "Terrorakt", einem Versuch, nicht nur die Banditen einzuschüchtern, sondern alle Menschen in Mare. 30 Männer der mächtigsten Drogenbande der Stadt flüchteten sich in die Schule, schwer bewaffnet. Eine Sozialarbeiterin bettelte: "Hier könnt ihr nicht bleiben, ihr bringt die Kinder in Gefahr!" Die Banditen hätten ein Einsehen gehabt. Jedenfalls seien sie zur anderen Tür wieder raus.

Ich weiß nicht, ob es genau so geschehen ist, wie die Frau es mir berichtet hat. Aber Rio hat ein Problem, solange die Leute in den armen Vierteln solche Geschichten erzählen: Nicht die Vertreter der Staatsgewalt hätten das größte Herz für ihre Kinder, sondern die Banditen aus der Nachbarschaft.

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Lieber Herr Fischermann, Sie gehören zweifellos zur kleinen Gruppe von Journalisten, die meinen vollen Respekt verdienen. Sie berichten sachlich, objektiv und ehrlich. Chapeau!! Oft frage ich mich allerdings, was ihre Beiträge beim ZEIT-Leser auslösen. Ich kenne Brasilien seit weit über dreissig Jahren und lebe seit vielen Jahren im Land. Je länger man hier - mit offenen Augen lebt - desto weniger versteht man. Was keineswegs heissen soll, man liebe deshalb Land und Leute weniger. Ob es Ihnen auch mal so ergeht?