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Väter Papa mobil

Job und Familie sollen vereinbar sein, dafür kämpft die Politik. Aber wie geht es Politikern, die selbst Väter sind? Eine Reportage von
ZEITmagazin Nr. 33/2016

Es ist Donnerstag, morgens kurz vor sieben, als sich die beiden Leben, zwischen denen Vizekanzler Sigmar Gabriel sich zerreißt, kurz berühren: Zwei schwarze Limousinen biegen in die ruhige Wohnstraße im Harz ein, zehn Fahrminuten von Goslar entfernt; auf ihren Dächern ausgeschaltete Blaulichter, im Innern Leibwächter des Bundeskriminalamtes. Eine kleine Invasion an diesem Ort, der weit entfernt zu sein scheint vom politischen Berlin. Bei Nummer fünf, einem gelben Haus, genauso durchschnittlich wie die anderen, deren Silhouetten sich gegen den blauen Morgenhimmel abzeichnen, öffnet sich ein Gittertor. Die Autos fahren auf den Hof und warten.

Darauf, dass Sigmar Gabriel sich von dem einen Leben losreißt, dem als Vater und Ehemann, um von dem anderen absorbiert zu werden: dem als Wirtschaftsminister, als Vizekanzler, als Parteichef der SPD. Zwei Leben, die kaum zu vereinbaren sind: "Es geht immer wieder um die Frage: Wann fahre ich nachts noch nach Hause, um wenigstens zusammen frühstücken zu können?", sagt Gabriel. "Das ist ein Kampf, der jede Woche, jeden Tag, jeden Morgen neu beginnt."

45 Minuten bevor der Zug in Braunschweig abfährt, den er unbedingt bekommen muss, um pünktlich zum Treffen mit dem chinesischen Handelsminister Gao in Berlin zu sein, tritt Gabriel durch die hölzerne Haustür, die mit einem großen Stoffherzen verziert ist. In der linken Hand hält er sein Jackett, in der rechten einen Jutebeutel. Müde sieht er aus, die Stimme hängt noch tiefer als gewöhnlich. "Es war eine kurze Nacht", sagt er. Seine vierjährige Tochter Marie ist krank, hat hohes Fieber. Um fünf Uhr hat sie ihren Papa, der erst nach Mitternacht zu Hause war, geweckt. Ein krankes Kind, das nach nächtlichem Zuspruch verlangt – das sind die Zwänge der einen Welt, der der Familie.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat zu Hause in der Nähe von Goslar eine vierjährige Tochter, aber die Politik spielt in Berlin. © Johannes Simon/Getty Images

In der anderen Welt regiert ein Terminplan, der seit Monaten minutengenau von Gabriels Büro konstruiert wurde und der sich ab dem Moment, in dem er in seinen Dienstwagen steigt, korsettgleich um ihn legt. Heute wird er den chinesischen Handelsminister treffen, interne Gespräche führen, ein Gasturbinenwerk in Berlin besichtigen, einer Integrationskonferenz der SPD-Fraktion vorsitzen, zu einer Parteiveranstaltung nach Magdeburg reisen, dann an einer Talkrunde in Berlin teilnehmen. Der Vater Gabriel hat kaum geschlafen, der Minister Gabriel wird an diesem, wie er sagt, langen, aber nicht außergewöhnlich langen Donnerstag 19 Stunden arbeiten – und spätestens als die schwarzen Wagen ihn vom Hof chauffieren, hinaus aus dem einen Leben, hinein ins andere, stellt sich die Frage: Kann man als Spitzenpolitiker auch ein sorgender Vater sein?

Die kurze Antwort, das sagen alle, die sich für diese Reportage interviewen ließen, lautet: Nein, eigentlich nicht. Mehr noch als Spitzenjobs in Wirtschaft und Verwaltung verlangt die Politik nach permanenter Anwesenheit und Verfügbarkeit. Dienstreisen, Nachtsitzungen, ständige Erreichbarkeit gehören zum Alltag. Wissenschaftler des Münchner ifo Instituts schätzen einer bisher unveröffentlichten Umfrage zufolge, dass die Arbeitszeit von Spitzenpolitikern in ruhigen, also Nicht-Wahlkampf- und Nicht-Krisenzeiten, bei mehr als 80 Wochenstunden liegt. Das führt zu zwei Absurditäten: Während die Politik seit Jahren daran arbeitet, dass in diesem Land Job und Familie vereinbar sein sollen, haben ausgerechnet die Politiker selbst extrem wenig Raum für Kinder, für ein Privatleben. Und obwohl viele Deutsche ihren Spitzenpolitikern vorwerfen, dass sie in einer Blase leben, abgekoppelt vom normalen Leben und von den Sorgen des Alltags, trauen sich viele Politiker auch aus Angst vor der Wut des Wählers nicht, mehr Zeit für die Familie einzufordern.

Wenn meine Frau erzählt, dass meine Tochter, wenn sie mich im Fernsehen sieht, mich am Bildschirm streichelt, finde ich das traurig.
Sigmar Gabriel

Dabei wären die Zeiten für Veränderungen günstig: Im Kabinett Merkel saßen noch nie so viele Minister, die Eltern kleiner Kinder sind. Während aber die Frauen wie Manuela Schwesig (Mutter von Julian, 9, und Julia, die im März geboren wurde) oder Andrea Nahles (Mutter von Ella Marie, 5) oft gefragt werden, ob die Kinder daheim die Mutter nicht vermissen, interessiert die Frage kaum, wie es die Männer schaffen, Politiker und Vater zu sein.

Und so zögerten viele Spitzenpolitiker, als wir sie für diese Reportage und einen Film der WDR-Sendereihe die story sprechen wollten. Über dieses Thema zu reden macht verletzlich. Vier Politiker sagten dann aber doch zu: Sigmar Gabriel, sein Ministerkollege Hermann Gröhe (CDU), Ole Schröder (CDU), Staatssekretär im Bundesinnenministerium, und Robert Habeck, stellvertretender Ministerpräsident in Schleswig-Holstein und Hoffnungsträger der Grünen. Ihre Kinder verlangen eine andere Antwort als "Nein, eigentlich nicht" auf die Frage, ob sich Familie und Spitzenpolitik vereinbaren lassen: Denn ihretwegen muss es gehen.

Aber wie?

Sigmar Gabriel, 56, sitzt im Zug nach Berlin, erste Klasse, die Personenschützer sitzen um ihn herum. Das Volk sieht oft nur die Privilegien, die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, die Gesellschaft zu gestalten. Die lange Abwesenheit von zu Hause ist ein Preis, den Politiker dafür zahlen. Gabriel sagt, dieser Preis werde wegen seiner Tochter immer höher. Nicht nur, weil seine Frau Anke, eine Zahnärztin, sich darüber beschwere, dass er nie da sei, wenn zu Hause etwas schiefgehe – sondern auch, weil er lieber in Berlin Luftschlösser baue als mit seiner Tochter Sandburgen. Seine Frau und er wollten dennoch nicht wegziehen. Sie hat ihre Praxis, und er lege Wert auf normale Nachbarn, ein normales Leben.

Wenn Spitzenpolitiker im Schnitt 80 Stunden arbeiten, fallen sie weitestgehend aus als Elternteil, der mit auf den Spielplatz kommt, der das Kind zur Kita bringt, zum Elternabend geht, einkauft, vorliest und zuhört. Sigmar Gabriel sagt: "Wenn meine Frau erzählt, dass meine Tochter, wenn sie mich im Fernsehen sieht, zum Bildschirm rennt und mich streichelt oder mir einen Kuss gibt, finde ich das traurig."

"Das ist eine Schattenseite unseres Berufs", sagt Gesundheitsminister Hermann Gröhe. In Berlin ist es kurz nach acht Uhr morgens. Sein schwarzer Dienstwagen wartet vor der kleinen Wohnung, in der der 55-Jährige unter der Woche schläft, 200 Meter Luftlinie vom Reichstag entfernt. Es gibt drei Lebensmodelle unter Spitzenpolitikern mit Kindern. Die einen pendeln wie Gabriel zwischen dem Wohnort und Berlin hin und her. Die anderen verpflanzen die ganze Familie in die Hauptstadt. Wieder andere teilen ihre zwei Leben auch räumlich: Hermann Gröhes Frau Heidi und die vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter, leben in Neuss; das jüngste Kind ist 16 Jahre alt. Er sieht die Familie nur am Wochenende. "Das ist der Preis, den man zahlt", sagt Gröhe, inzwischen in seinem Ministerium angekommen, das knapp fünf Minuten von der Dienstwohnung entfernt ist. "Ich vermisse meine Frau und die Kinder, wenn ich in Berlin bin." Zumindest in ruhigen Momenten.

An diesem Morgen gibt auch ihm sein Büro den Tagestakt vor: sieben Termine in 14 Stunden. "Dass mein Blick immer, auch bei privatesten Dingen, auf meinen Kalender fällt, ist für die Familie sicher eine Belastung", sagt Gröhe. An diesem Vormittag ist eine Rede geplant, er stellt die Ergebnisse des sogenannten Pharmadialogs vor. Während seine Mitarbeiterin sogar weiß, dass das Auto, das ihn fährt, von links anrollen wird, hat die Familie zu Hause selten einen Überblick, was der Vater während der Woche so treibt. Sie interessiere im Wesentlichen ein Eintrag im Kalender, sagt Heidi Oldenkott-Gröhe: wann ihr Mann am Wochenende wieder in Neuss ist.

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ich finde es nicht gut immer auf die Privilegien der Politiker zu pocken.
dof, wollten sie denn so leben wie Gabriel?

M.E. Gibt es für die Politik nur zwei Lösungen
a) Keine Politiker mit kleinen Kindern oder
b) Politiker nur jahresweise befristet, dann ist die Zeit außerhalb der Familie nur eine Zeitweilige.
c) die ganze Politik schraubt einen Gang zurück und wird langsamer, nähert sich der 40-Stunden-Woche an. Zumindest das Wochenende sollte heilig sein. Politik von Montag bis Freitag mittag, meinetwegen von früh bis spät, aber das Wochenende gehört der Familie.
Qualität von Quantität. Vielleicht wären dann die Entscheidungen besser.
Ich persönlich würde lieber Variante 2 wählen, denn mir liegt es am Herzen, dass es Politiker gibt, die Familienalltag leben, damit sie auch die Probleme der Bevölkerung verstehen können.

Nein, sonne.
Hab nicht behauptet, den Gabriel zu beneiden. Aber er tut sich den Tort selbst an. Warum auch immer.
Er ist in der komfortablen Position, m.o.w. von heut auf morgen aussteigen und sich über seine Beziehungen einen anderen Job verschaffen zu können. Und das zu Konditionen, dass er das Einkommen seiner Frau locker toppt. Das haben ihm schon einige Kollegen aus allen Parteien vorgemacht, da wär er beileibe nicht der Erste.

Die große Lebenslüge der Hamsterrad-Gesellschaft, die es uns erfolgreich geschafft hat als Optimum zu verkaufen, keine Prioritäten setzen zu müssen. Die Industrie braucht Nachwuchs, die Industrie braucht aber auch Arbeitskräfte in der Gegenwart. Nichts besser, als die gebährfähigen Altersgruppen dazu zu bringen beides gleichzeitig zu versuchen.

Und wenn weder Kinder noch Beruf auf der Strecke bleiben, dann der individuelle Raum (mal nur für sich sein) und die Partnerschaft (Sex, Romantik), kurzum, die Lebenserfüllung über die Pflichterfüllung hinaus.

Alles miteinander geht nicht. Ist einfach so. Ein einfaches Rechenspiel. Und diesen Anspruch an Leute zu stellen, nach dem Motto "Wenn es nicht klappt ist entweder die Gesellschaft schuld oder - wie man immer öfter hört - ihr bekommt es einfach nur nicht richtig hin und seid SELBST SCHULD", ist einfach nur noch boßhaft.

Natürlich muss man im Leben Prioritäten setzen. Und daran ist auch gar nichts falsch. Falsch ist die Hamsterradmentalität, die im trojanischen Pferd des Feminismus Einzug gehalten hat, der nur ja kein Lebensentwurf jenseits der abhängigen Lohnbeschäftigung zulassen soll. Wäre es anders, dann wäre die Losung nicht gewesen "Mütter zurück in Beschäftigung" sondern "nicht nur Hausfrauen, sondern auch Hausmänner, Frauen haben die Wahl!".

Die Wahl will man ihnen aber nicht geben.