Das war meine Rettung "Ich sah eine Glaswand voller Farben"

Weil sich Olga Neuwirth zu viel zumutete, wurde sie zum Fall für den Neurologen Oliver Sacks. Von
ZEITmagazin Nr. 34/2016

ZEITmagazin: Frau Neuwirth, in Ihrem Leben spielt der Wissenschaftsjournalist und Neurologe Oliver Sacks eine große Rolle.

Olga Neuwirth: Ja, sogar zweimal in meinem Leben war er wichtig. Mein Vater war Jazzpianist. 1983 hatte er einen Autounfall und erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Durch den Autounfall veränderte sich mein Vater vollkommen – und das brachte unsere ganze Familie durcheinander. Die Ärzte hatten uns nicht gesagt, wie man mit so einer Wesensveränderung umgeht.

ZEITmagazin: Ihr Vater war danach ein anderer?

Neuwirth: Ja. Wobei das bei einem solchen Trauma ein längerer Prozess ist, bis man weiß, welche Hirnregionen nicht mehr funktionieren und wie sich das auswirkt. Mein Vater konnte zum Beispiel weiterhin Klavier spielen, aber nur noch mechanisch, er konnte nicht mehr erfinden, nicht mehr improvisieren. Das ist für einen Jazzpianisten schlimm. Er war ein brillanter, kreativer Mensch gewesen, aber jetzt konnte er nur noch nachspielen. Wir wurden Zeugen dieser und vieler anderer Veränderungen. Als ich 15 war, sagte mir jemand, ich solle Oliver Sacks lesen, und für mich war das die Rettung. Oliver Sacks’ Bücher über neurologische Krankheitsfälle eröffneten mir einen Zugang zu dieser Welt des Gehirns, zu seiner Fragilität, über die nie gesprochen wird, solange alles funktioniert.

ZEITmagazin: Wovor genau hat Sacks Sie gerettet?

Neuwirth: Ich verstand nicht mehr, wer mein Vater war. Er war hilflos, völlig wesensverändert, aber hat gleichwohl noch versucht, die Autorität als Vater aufrechtzuerhalten. Ich konnte ihn nicht mehr ernst nehmen, ich ertrug diese Diskrepanz nicht. Von ihm ging ein derartiger psychischer Terror gegen die Familie aus. Da halfen mir Sacks’ Bücher, weil sie mir zeigten, dass mein Vater nichts dafür konnte. Er hat dann aber die Familie verlassen. Neurologen haben mir bestätigt, dass nach einem solchen schweren Schädel-Hirn-Trauma 95 Prozent der Betroffenen ihre Familie verlassen.

ZEITmagazin: Bemerkte Ihr Vater, wie sehr er sich verändert hatte?

Neuwirth: Nicht wirklich, er wusste sehr wohl, dass er vieles nicht mehr konnte, aber gerade das war das Schlimme. Er war ein Mann, der ungern Schwächen zugab und immer der Tolle sein wollte. Für ihn wurden wir zu etwas Negativem, weil wir ihn auf die neue Lage hinwiesen.

ZEITmagazin: Welche Fallgeschichte von Sacks hat Ihnen besonders geholfen?

Neuwirth: Die Geschichte eines englischen Chordirigenten, der durch einen Unfall alles vergessen hatte. Auch an ihm nahestehende Menschen konnte er sich nicht erinnern. Er kannte nur noch seine Partituren, die er alle auswendig konnte. Sacks nennt das "das eingesperrte Gedächtnis". Dieses Gedächtnis ermöglichte es dem Dirigenten, in seiner alten Welt zu sein, die für ihn nach wie vor real war. Er konnte weiterhin dirigieren. Chorproben waren das Einzige, was ihn noch mit dieser Welt verband. Die Partituren waren sein Anker. Bei meinem Vater war das Klavier der Anker, der Schutzort seines früheren Ichs.

ZEITmagazin: Später haben Sie Oliver Sacks selbst kennengelernt.

Neuwirth: Ich wurde eine Kurzzeitpatientin. Es war um 2003, da habe ich plötzlich nicht mehr komponieren können, so wie ich es gewohnt war. Ich habe mehr Farben gesehen als Töne gehört. Früher waren die Töne permanent präsent im Kopf, ich musste sie nur aufschreiben. Jetzt waren da nur noch Farben. Es war ein Schock.

ZEITmagazin: Haben Sie eine Ahnung, was das verursacht hat?

Neuwirth: Vermutlich Erschöpfung, zu viel Dauerbelastung. Als ich 2007 einige Monate in New York gelebt habe, ging ich zu Oliver Sacks und bekam tatsächlich einen Termin. Er erzählte mir, dass ihm etwas Ähnliches selbst schon zugestoßen sei. Als seine Mutter gestorben war, hatte er das Gefühl, dass sein Gehirn nicht mehr funktioniert. Er war ja Musikliebhaber. Er ging in die Carnegie Hall, um Dietrich Fischer-Dieskau zu hören, mit Werken seines Lieblingskomponisten Schubert – aber er konnte das Konzert nicht wirklich in sich aufnehmen. Es war, als sei eine Glaswand zwischen ihm und der Welt. Das war auch meine Erfahrung: Ich sah zum Beispiel nicht einen Baum, sondern eine Glaswand voller Farben, die sich zwischen mich und den Baum geschoben hatte. Oliver Sacks sagte mir unter anderem, ich müsse mir Zeit geben. Es könne gut sein, dass es nie mehr so werde, wie es war. Und so kam es auch. Ich habe lernen müssen, anders zu hören. Das, was ich früher selbstverständlich konnte, nämlich dass ich Klänge, die ich ständig im Kopf hatte, nur noch aufschreiben musste, das war vorbei.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Anna Kemper zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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