Stilkolumne Blau machen

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 35/2016

Seemann ist einer der letzten Männerberufe. Dass das Dichtholen von Tauen, Lichten von Ankern und Kielholen von Meuterern Männerarbeit ist, scheint gesellschaftlicher Konsens zu sein. Es gibt keine Seefrauen, es gibt Matrosen, aber keine Matreusen. Niemand streitet um eine Quote an Deck – obgleich die bestimmt hier genauso sinnvoll wäre wie überall im Berufsleben.

Die ungebrochene Männlichkeit der Seefahrt drückt sich auch in der Mode aus. Denn seit Langem sind die Uniformen der Seefahrer Teil des Spiels mit männlichen Rollenbildern. Zur starken Frau gehört, modische Anleihen bei den Männern der rauen See zu machen. Zurzeit geht es auf den Laufstegen besonders maritim zu. Der neue Liebling der Designer ist der Navy-Coat, der Matrosenmantel. Es gibt ihn bei Prada als paspelierten Wollmantel, bei Tommy Hilfiger als Mantel mit Goldknöpfen sowie knöchellang und tailliert bei Red Valentino. Aber auch in ähnlicher Form bei Givenchy, Miu Miu, Burberry und John Galliano.

Das Vorbild des Navy-Coats ist im harten Wind geboren. Der zweireihige, hanseatisch blaue Mantel gehört im Winter zur Dienstuniform eines Marineoffiziers. Der Navy-Coat versteht sich als lange Version des Cabans. Der Begriff "Caban" stammt aus dem Französischen und lässt sich mit "Regenmantel" oder "Regenjacke" übersetzen. Der Kurzmantel gilt als zweckdienliche Ergänzung der maritimen Uniform zum Schutz vor Wetterwidrigkeiten wie Wind, Kälte und Regen. Die U. S. Navy nennt ihn Pea Coat, bei der Deutschen Marine ist er als "Colani" bekannt, weil er im 19. Jahrhundert in der Kieler Schneiderei Berger & Colani für die kaiserliche Marine angefertigt wurde. Er war aus Schurwolle, weil deren talgige Fasern wasserabweisend sind. Ein weiteres Kennzeichen ist sein breiter Kragen, der sich entsprechend der Wetterlage hochklappen lässt, damit Hals- und Nackenpartie trocken bleiben. Damit war er schon früher geeignet für Frauen, die zeigen wollten, dass sie gut mit Gegenwind leben können. Jackie Kennedy trat gerne im Marinemantel auf, die britische Prinzessin Kate Middleton zeigte sich in einem Navy-Coat von Alexander McQueen.

Auf den Schiffen trägt man heute leider eher pragmatisches Regenzeug, wenn die See unangenehm wird. Vielleicht sollten schon deshalb sich schon deshalb mehr stilbewusste Frauen für eine Kapitänskarriere interessieren: um den Navy-Coat zurück auf die See zu bringen.

Foto: Peter Langer / Navy-Coat von Prada

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

O Prüfer, mein Prüfer - jetzt steh ich aber auf dem Käpt'ns-Tisch und meutere. Keine "Matreusen" - nee, das Wort ist genau so sexistisch wie "Friseusen". Aber selbstverständlich gibt es "Frauen im Dienst der Marine" (so der Titel einer WDR-Sendung im Febr. 2016) - und sie sind u.a. ausgebildet worden auf der "Gorch Fock" - daß eine Kadettin über Bord ging und ertrank, die andere wg. Erschöpfung aus der Takelage fiel - all das sollte an Ihnen vorbeigegangen sein?! Die Marine hat Nachwuchssorgen - schon deshalb kann sie nicht auf die Hälfte der ausbildungswilligen Bevölkerung verzichten. Also bitte, der Autor - jetzt einmal antreten zum Kielholen.