Das war meine Rettung "Ich war sehr wütend auf die Erwachsenen, auf die Gesellschaft"

ZEITmagazin Nr. 35/2016
Die Sängerin Zaz rebellierte als Kind gegen ihre Eltern und Lehrer. Ein Pädagoge half ihr trotzdem. Ein Interview von

ZEITmagazin: Frau Geffroy, es heißt, Sie waren ein hyperaktives Kind. Hatten Sie in der Schule Schwierigkeiten?

Geffroy: Es geht mir auf die Nerven, dass man Kinder etikettiert. Ich war einfach ein aktives und sehr lebendiges Kind und konnte nicht lange still auf einem Stuhl sitzen. Wenn man das hyperaktiv oder sogar krank nennt, na, dann war ich eben krank. In der Schule versucht man, Kinder in eine bestimmte Vorstellung hineinzupressen. Schüler sollen immer den Erwartungen der Lehrer entsprechen.

ZEITmagazin: Wie haben die Lehrer versucht, Sie in den Griff zu kriegen?

Geffroy: Sie warfen mir nur vor, mein Verhalten sei unverschämt und rotzfrech. Ich war in der Schule verträumt und habe viel geredet. Ich wollte mich nicht anpassen. Die Lehrer haben mich angeschrien und dann aus der Klasse geschmissen. Das hat das Problem nicht gelöst. Lehrer sollten geschult werden, Interesse und Neugierde bei Kindern zu wecken. Kinder brauchen Zuwendung, und die erhalten sie nur, indem sie sich anpassen und gute Noten schreiben. Kinder, die sich weigern, werden dagegen ausgeschlossen.

ZEITmagazin: Wie kamen Ihre Eltern damit klar, dass Sie so aufmüpfig waren?

Geffroy: Irgendwann haben wir einfach nicht mehr miteinander gesprochen, ich war schlicht unerträglich. Man hätte früher verstehen müssen, was ich brauche. Ich bin abgehauen, war auf verschiedenen Schulen und habe mehrere Klassen wiederholt. Mit zwölf, dreizehn war ich sehr wütend auf die Erwachsenen, auf die Gesellschaft. Damals hatten sich meine Eltern getrennt, ich hatte zu meinem Vater keine Beziehung, und mit meiner Mutter konnte ich nicht gut. Und mit den anderen Kindern war es nicht besser. Kinder können sehr grausam sein – wenn man zu dick ist oder rothaarig oder einfach anders, muss man sich einen Panzer zulegen. Sobald man Schwäche zeigt, kriegt man eins in die Fresse.

ZEITmagazin: Was war denn Ihre Schwäche?

Geffroy: Ich war sehr sensibel, verletzlich und musste einiges einstecken. Mit 20 Jahren habe ich gemerkt, entweder ich zücke die Waffen, oder ich lege mir diesen Panzer zu, was ich dann auch getan habe. Erst der Tod eines Freundes hat mich wachgerüttelt. Dadurch wurde mir klar, ich hatte mir nicht nur ein falsches Selbst aufgebaut, ich hatte meine Wurzeln verloren. Da habe ich kapiert, ich muss zu mir zurückfinden und meine Rüstung ablegen. Ich habe gemerkt, dass die Dinge vergänglich sind und es mit einem Fingerschnipsen vorbei sein kann. Es war an der Zeit, mein Leben selbst zu bestimmen.

ZEITmagazin: Wohin führte Sie dann Ihre Selbstbestimmung?

Geffroy: Mit 20 ging ich zu einer Berufsberatungsstelle für Jugendliche. Dort hat mich ein Erzieher auf dem Flur singen gehört und meinte: Mach was draus, du bist hier die ganze Zeit am Singen, bewirb dich doch mal um ein Stipendium. Als ich 14 Jahre alt war, hatte man mir gesagt, Sängerin ist kein Beruf, da wirst du auf der Straße enden. Dieser Erzieher hat mich ermutigt, mich zu bewerben, und so habe ich ein Stipendium bekommen. Er war ein guter Erzieher, er war meine Rettung und hat mir geholfen, mich aufzurichten. Allen, die nicht an mich geglaubt haben, kann ich heute sagen: Seht her, ich tue heute das, was ich wirklich will.

ZEITmagazin: Sie haben nicht resigniert, sondern sich dem Leben gestellt.

Geffroy: Ja, ich habe drei Jahre lang eine Selbstanalyse gemacht und täglich meine Träume aufgeschrieben. Ich muss heute noch lernen, die Grenzen zwischen mir und den anderen zu definieren. Als kleines Kind, wenn jemand neben mir sauer war, wurde ich auch sauer. Ich sehe und fühle einfach alles. Heute, wo ich ständig beobachtet und kritisiert werde, muss ich lernen, damit umzugehen.

ZEITmagazin: Viel Erfolg erzeugt auch eine Menge Stress. Gab es einen Zeitpunkt in Ihrem Leben, an dem Sie gesagt haben, ich muss aussteigen?

Geffroy: Ich habe versucht, kleine Pausen zu machen. Immer kam etwas dazwischen. Ich habe gerade zum ersten Mal sechs Wochen Pause gemacht. Wenn ich Stress habe, gehe ich in die Natur. Ich bin nach Québec gereist und habe dort Eisvögel beobachtet. Das hat mir gutgetan. Und selbst da kam wieder eine Anfrage für ein gut bezahltes, großes Konzert. Aber ich habe gesagt, nein, das mache ich nicht. Ich habe auch aufgehört, zu rauchen und zu trinken. Ich habe mir vorgenommen, auf mich zu achten und wirklich etwas für mich zu tun, wie vor paar Jahren die Besteigung des Montblanc. Darauf bin ich stolz.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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Statt Dressur bräuchten wir in den Schulen Verführung

Der Staat braucht verlässliche Bürger und die Wirtschaft funktionierende Arbeitskräfte. Das Schulsystem ist darauf ausgelegt, solche zu produzieren. Die Dressur ist das geeignete Mittel dafür.

Frau Geffroy wollte nicht dressiert werden und hat sich gewehrt.
Es wäre wünschenswert, wenn sich noch mehr Kinder wehren würden.
Eltern und Lehrer sollten sie dazu ermuntern und unterstützen.

Ein Biologie-Professor hat einmal für erfolgreiches Lernen 3 Bedingungen aufgestellt. Er hat sie „Ästhetische Verführung“ genannt und gefordert, sie in die Menschenrechte aufzunehmen. Hier sind sie erklärt:
http://www.kamus-quantum....

Bezugnehmend auf den link:
Aber wieviel Geld gespart wird, indem man für die Schule (das Lernen) eben keine Werbung machen muss, einfach weil es die Schulpflicht gibt!
Und wie günstig auch, dass Kinder ja einem "gehören" und man sie daher auch ständig zu allem möglichen zwingen kann (sowohl physisch, als auch per emotionaler Erpressung zB) :(
Die Schulpflicht, die einst argumentativ der Bildungs-Chancengleichheit dienen sollte, ist methodisch in den Anfängen des Industriezeitalters und des Militärs stecken geblieben ...
Mittlerweile weiß es Jeder: Das System ist veraltet und nicht weiter zielführend. Nur ernsthaft ändern will keiner was: Denn Alle haben Angst vor Fehlern :(
Es ist ein Trauerspiel!

Isabelle Geffroy hat großes Glück gehabt. Denn sie hat ein herausragendes Talent. Wer so eine göttliche Stimme hat und immerzu singt, der wird irgendwann entdeckt. Ich kann nicht singen oder tanzen, bin mir keines Talentes bewusst und sehr sehr unglücklich mit meinem beruflichen Leben. Es gibt Menschen die denken, ich mache das alles ganz toll. Ich war stets angepasst und relativ brav. Wusste jedoch nie wer ich wirklich bin und das ist noch immer so. Ich bin 45 und sehe nicht wie sich das ändern soll. Welches System soll mir helfen? Wir sind letztlich alleine und müssen es alleine schaffen für uns zu sorgen, das ist meine Lehre. Wenn man daran scheitert hat man verloren. Wem soll ich die Schuld geben? Niemandem. Ich bin selbst verantwortlich. Das nenne ich Leben. Isabelle hatte großes Glück. Da gibt es nichts zu bemitleiden. Ich bin allerdings sehr froh dass es sie gibt, denn mit ihrem wundervollen Gesang hat sie mir schon oft geholfen, mir selbst wieder etwas näher zu kommen. Dafür bin ich dankbar. Tolle Sängerin!